Textatelier
BLOG vom: 04.07.2005

Saloppheitsfolgen: Hausverbot für ungepflegte Journalisten

Autor: Heinz Baschnonga

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Sie sind zu einem Kongress oder zu einer Presseveranstaltung eingeladen und erscheinen unrasiert, ungewaschen und in einem verwaschenen T-Shirt oder Hemd. Oder ein anderer Pressevertreter steckt seinen edlen Körper in ein Netzhemd und in zerrissene Jeans. Besonders waghalsige Journalisten erscheinen sogar in kurzen Hosen und gönnen ihren freiheitsliebenden Füssen Badelatschen oder Gesundheitssandalen.

 

Sie würden sich dann wundern, wenn Sie bei solchen Veranstaltungen eine böse Überraschung erleben sollten. Sie werden nicht eingelassen und bekommen zu hören: „Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie eine anständige Kleidung an.“ Sie denken vielleicht, so etwas sei nicht möglich. Es ist aber so in Moskau passiert. Wie die „Iswestia“ (Izvestia) am 29. Juni 2005 berichtete, erhielten schlampig angezogene Journalisten von den Behörden Hausverbot bei Presseveranstaltungen. Behördenvertreter betonten, dass nicht nur Journalisten, sondern vor allem Kamera-Teams der Moskauer Kabelsender ins Visier der Beobachter geraten seien. Sergej Zoi, der Pressesprecher des Moskauer Oberbürgermeisters Jurij M. Luschkow, betonte ausdrücklich, die Presseleute bräuchten jetzt aber nicht mit Smoking, Fliege oder Lackschuhen daher kommen. „Wir bitten nur darum, sich anständig anzuziehen, damit die Journalisten nicht mit dreckigen Jeans herumlaufen und aus ihren T-Shirts nicht alle Brusthaare herausquellen“, so der Pressesprecher.

 

Auch bei diversen Einladungen zu Presseveranstaltungen und Kongressen machte ich ähnliche Beobachtungen. Die Journalisten waren immer am legersten angezogen. Manche waren ungepflegt und legten dazu noch eine Überheblichkeit an den Tag, dass man nur den Kopf schütteln konnte.

 

Ein frühes Erlebnis zum Thema Bekleidungssitten-Zerfall hatte ich auf dem 2. Weltkongress für Naturheilkunde 1976 in Biel. Schon dort kamen nicht alle Teilnehmer mit Anzug, Jackett und Krawatte. Viele liefen ganz salopp herum. Ein Engländer (er sah wie ein verkappter Professor aus), der in meiner Nähe sass, hatte Hosenträger an und lauschte hemdsärmlig den Worten eines Referenten. Den Vogel schoss jedoch ein bärtiger Besucher ab, der während eines Vortrags mit Rucksack auf der Bildfläche erschienen war. In der Pause packte er seine Brotzeit aus und schmatzte, dass es eine wahre Freude war.

 

Eine Journalistin aus München teilte mir kürzlich telefonisch mit, dass insbesondere Fotojournalisten schlampig herumlaufen. Sie fügte noch bei, dass besonders die Angehörigen der 68er-Generation als Ausdruck ihrer Unabhängigkeit betont leger bei Pressekonferenzen auftauchen.

 

Ich habe nichts gegen legere Kleidung, und mit dem Krawattenzwang wird oft überbordet. Und Hosenträger sind eine durchaus sinnvolle Einrichtung. Ich bin jedoch nicht bereit, neben einen penetrant „duftenden“ Kollegen oder einer Deo-umnebelten Dame zu sitzen. Oft dachte ich mir, man müsste als Pressegeschenk an solche „duftenden“ und wasserscheuen Menschen ein Stück Seife verteilen.

 

Und was meint unser langgedienter Journalist Walter Hess dazu? Er schrieb mir per E-Mail auf meine Anfrage hin Folgendes: „Journalisten sind Arbeiter, manchmal Schwerarbeiter, bei denen das Ergebnis ihres Tuns mehr zählt als das persönliche Kleider-Layout. Bei Einsätzen auf Baustellen gelten andere Regeln als in Regierungspalästen. Doch sollte beides einen gewissen Stil haben, zweckmässig und gegebenenfalls gepflegt sein. Ein schlampiges Auftreten lässt auch einen schlampig ausgearbeiteten Bericht erwarten – dann passt wieder alles zusammen.“

 

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Oder vielleicht doch?

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