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BLOG vom 24.06.2005


Innen rot, aussen pechschwarz: Grillen und die Folgen

Autor: Emil Baschnonga

Jetzt, wo die Temperatur auf 30 Grad C und mehr hochklettert, schloten die Holzkohlengrills, teils mit Holzräucherchips aromatisch bereichert, ringsum, auch bei mir in Wimbledon. Viel verbranntes Fleisch und viele verkohlte Würste werden stolz vom „capo del fuego“, dem Mann und Feuermeister, auf die Pappteller gezaubert – und manchmal landen diese Wunder daneben.

Diese Leckerbissen werden mit viel Tunke wie Barbecuesauce, Ketchup, HP und Senf beschmiert. So lassen sie sich, nach gewaltigem Kauen, mit viel Wein herunterspülen. Eine Variation ist aussen pechschwarz und innen blutrot und kalt. Leider lässt sich ein solcher Bissen in guter Gesellschaft nicht einfach ausspucken. In dieser misslichen, verzweifelten Lage schaue man sich mit Vorteil nach dem Hund um.

Auch ich habe den Koch gespielt, sehr zum Gaudium meiner Kinder, als mir der Qualm in die Nase stach, die Lunge füllte und mich in den Augen brannte. Heute halte ich es lieber mit Salaten, Charcuterie und Käse (dem „Dîner fédéral“), begleitet von gedämpfter Musik und einem süffigen Wein.

Das Grillieren ist vom Kult zur Wissenschaft geworden. Am Anfang war das Feuer, wird gesagt. Über dem offenen Feuer gehts am besten. Eine alte Gusspfanne tut den Dienst alle Jahre wieder. Wer über ein Gartenkamin oder gar einen Backofen verfügt, hat Glück und kann gut lachen. Bis die Grillkohle oder das Brikett – dank übermässigen Einsatzes von Feueranzünder oder Brennsprit − glühen, prangen entweder die Sternlein am Himmel oder ein Gewitter entlädt sich. Hinzu kommen die Gas- und Elektrogrills mit allem Zubehör, die fachgerecht bedient werden müssen. Im kritischen Augenblick schaltet die Gasflamme aus, und Reserve ist nicht zur Hand.

Das „Barbie“, wie die Engländer ihr Barbecue liebevoll nennen, kommt, wie alles Gute von „ennet“ dem Wasser (Anfang der 60er-Jahre). Während meiner Aufenthalte in Menlo Park (Kalifornien) wurde ich von meinen Kollegen fast jeden Abend zum Barbecue-Ritual eingeladen – zu so berüchtigten wie tüchtig gepfefferten Schlemmereien wie T-Bone-Steak, Riesenhamburger und Maiskolben. Der riesige Kugelgrill oder der Grillwagen (eine wahre Limousine) waren vollgestopft und haben mir viele Verstopfungen eingebracht ... Zum Glück floss reichlich kalifornischer Wein, der mir in den Kopf stieg, bis ich wagemutig meinen Teller nachfüllen liess. Niemand konnte mir „unamerikanische“ Tendenzen ankreiden.

Eine Kulturstufe höher ist „al fresco“ angesiedelt – kunstvoll von Berufsköchen zubereitet und serviert. Anschliessend verschwinden die schmutzigen Teller und das versilberte Besteck wie von selbst im Korb, und die „Brandstätte“ wird weg gerollt. Ein teurer Spass. Da ich mich nicht gleich mit gleich revanchieren kann, lehne ich solche Einladungen ab.

Das Grillen (schweizerisch: Grillieren, um Verwechslungen mit dem gleichnamigen Insekt, der Grille, auszuschliessen) hat auch, wenn man so will, seine soziale Seite. Es bringt die Leute zusammen – bis zum Zusammenstoss. Der Grill fördert die Kontaktpflege enorm und bringt viel gegenseitiges Schulterklopfen mit sich, auch gemeinsamen Gesang bis zum Gegröle und zu Witzen, die überborden. Es kommt vor, dass Paare zeitweilig spurlos verschwinden ... Die Sommergrilladen sind so kurzlebig, noch kurzlebiger als die Grillsaison.

Am besten schmeckten mir als Bube die „Chlöpfer“ (Cervelat-ähnliche Würste) auf Haselnusszweige aufgespiesst und an beiden Enden aufgeschlitzt. Übers Feuer gehalten, wellten die Zipfel zum Anbeissen verlockend auseinander.

Noch ein Tip: Nachher das Feuer auf bekannte Art löschen, um Waldbrände zu vermeiden.

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