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BLOG vom 21.05.2005


Die Bedeutung von Schabernack, Musse und Spiel

Autor: Emil Baschnonga

Im Vorfeld mögen 2 Buchtitel den Rahmen für dieses Blog setzen: „Homo Ludens“ vom holländischen Historiker Johan Huizinga, 1938 veröffentlicht, worin er das Spiel in der Kultur würdigte – und „In Praise of Idleness, vom Engländer Bertrand Russell, 1932 erschienen. Darin strich er den Wert der Musse hervor.

Fehlt die Musse, ist unser angeborener Spieltrieb eingedämmt. Leider mangelt es uns heute sehr an Musse. Musse gleicht flockigen Sommerwölkchen im Himmelsblau. Das Spiel gehört dem Wind, nicht dem Brausewind, sondern dem säuselnden Windspiel, das die Birkenblätter nicht zerzaust, sondern sie streichelt, liebkost und zum Flittern bringt.

Manchmal treibe ich Schabernack im Garten mit einem Rotkehlchen oder mit der Nachbarskatze. Ich tue mit dem Spaten so, als ob ich in der Erde grübe. Flugs kommt das Rotkehlchen zugeflogen. Es kommt vor, dass es sich frech auf den Rand meines Spatens setzt. Aber es hat es bloss auf Insekten abgesehen, die ich aufgescheucht habe. Musse hat es erst im Verlauf des Nachmittags, wenn es gesättigt ist. Gehe ich dann dem Gartenweg entlang, kommt es zur Zwiesprache. „Pfeif mir ein Liedchen“, fordere ich mein Kehlchen auf. Wie ein Pfeil flitzt es knapp an meinem Kopf vorbei aufs nächste Ästlein, plustert sich und zirpt. Nein, ich treibe nicht Schabernack mit Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin – es kommt tatsächlich vor, hin und wieder.

Mein Spiel mit der Nachbarskatze ist anders. Sie ist jung und ungelenk, so sehr, dass selbst Amseln sie kaum beachten. Ihr fehlt die Katzenmutter, die ihr das Klettern beibringt. So übernehme ich diese Rolle und trainiere sie. Ich schüttle einen Zweig. Sie weiss, was ich von ihr erwarte und springt am Stamm hoch. Ich feuere sie an und schüttle den nächst höheren Zweig am Baum. Schwupps, gewinnt sie endlich die höhere Baumetage und klammert sich unsicher an der Rinde und streckt eine Pfote versuchsweise nach dem nächsten Zweig aus. Sie hat eine Verschnaufpause verdient. Nachher animiere ich sie zum Abstieg und spreche ihr zu, bitte sie, keine Angst zu haben. „Soll ich es dir vormachen?“ necke ich sie, wie sie recht umständlich und unsicher tief kraxelt. Jetzt wird sie mit einem tüchtigen „belly rub“ (Bauchstreicheln) belohnt.

In der Vorfreude windet sie sich rücklings auf dem Kies. Ich kraule ihr den Bauch. Mit eingezogenen Krallen umfassen ihre Pfoten meine Hand. Kein einziges Mal hat sie mich gekratzt. Und wenn sie mir spielerisch in den Finger beisst, ist es ein zärtlicher Liebesbiss. Zuerst misstraute ich ihr, bis mir aufging, dass die Nachbarsleute ihr gute Manieren beigebracht haben. „Du bist mir ein eigenartiger Vogel“, spreche ich sie an. Stundenlang kann sie bei der Mauer sitzen und zu den Vögeln hochstarren. Aber auf Vogelfang trainiere ich sie nicht.

Wo kämen wir hin ohne ein bisschen Schabernack auch zwischen Menschen, solange er gutmütig bleibt und nicht derb ausartet? Sich etwas zum spielerischen Zeitvertreib gegenseitig foppen, necken oder hänseln ist bekömmlich. In südlichen Gefilden ist dies an der Tagesordnung. Die Menschen haben dort mehr blauen Himmel, Sonnen- und Gemütswärme – und vor allem Zeit für einander. Aber jetzt zieht hierzulande der Sommer ein – unsere Gelegenheit, der Zeit mehr Musse abzugewinnen, damit wir Erwachsene das Kinderspiel nicht ganz vergessen.

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