Textatelier
BLOG vom: 01.08.2022

Was eine treffende Rede zur Bundesfeier ausmacht

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU

 


Pirmin Meier (Foto: Geri Hirt)
 

Aus einem Interview von Textatelier-Mitarbeiter Dr. Pirmin Meier (Aesch/LU und St. Ursen FR) mit der Aargauer Zeitung, ohne deren redaktionellen Beitrag in der ursprünglichen Originalfassung.

 

Sind Bundesfeierreden noch zeitgemäss?
Pirmin Meier: Selbstverständlich. Menschen, die hinstehen und die Leute direkt ansprechen, sind durch nichts zu ersetzen. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern für alle Lebensbereiche. Es ist aber wichtig, dass man als Redner einiges über sein Publikum und das Dorf, in dem es lebt, verinnerlicht hat. Es genügt nicht, nur herkömmliche Themen anzusprechen oder gar agitatorische Botschaften zu verbreiten. Diesbezüglich anderen Massstäben zu genügen, war schon 1977 (Niederlenz, wo es heute keine Feier mehr gibt) oder voriges Jahr in Tegerfelden mein Ehrgeiz.

Was ist ein gute Festansprache?
Eine solche strebt in die Mitte der Gemeinschaft, sie handelt von den Menschen, zu denen man spricht. Man darf durchaus eine nationale, europäische oder sogar globale Perspektive einnehmen; wenn man aber die Verbindung zum konkreten Ort und den Leuten von hier nicht hinkriegt, hat man es nicht richtig gemacht. Erzählen! Vielleicht Spannendes über die Heimat vor Ort, im Einzelfall sogar, was noch gar nicht in der Dorfgeschichte zu lesen steht.

Ist Werbung für ein politische Anliegen in einer Bundesfeierrede erlaubt? Oder handelt es sich da um Missbrauch?
Ein heikles Thema. Man sollte das «Volk» nicht unterschätzen. Die Leute merken rasch, wer nur Eigenwerbung  macht oder Interessenpolitik artikuliert. Das kommt nicht gut an. Wenn aber eine Rednerin oder ein Redner glaubwürdig und engagiert auftritt, dann interessieren auch ihre Stellungnahmen. Nur das Missionieren sollte man lassen. Die Bundesfeierrede als Instrument verwenden, um sich selber zu profilieren, gar die eigene Wahlliste nennen (kam schon vor!), geht gar nicht.

Machen wir ein konkretes Beispiel: Darf man die AHV erwähnen?
Selbstverständlich. Die AHV als fundamentales Werk eidgenössischer Solidarität passt als Thema prima in eine Rede. Aber zu drohen, die Ablehnung der Reform würde den Untergang der Schweiz bedeuten, wäre voll daneben. In meiner Rede ist die AHV kein Thema, ich setzte den Fokus anders.

Und wie steht es mit dem Thema Neutralität?
Auch über die Neutralität werde ich in Gallenkirch nicht sprechen. Als einstiger Hörer des Neutralitätshistorikers Edgar Bonjour ziehe ich es vor, für dieses komplexe Thema einen Abend, zum Beispiel an der Volkshochschule Reinach, zu investieren. Das gilt auch für das Thema Russland: seit 200 Jahren Paradebeispiel für die Praxis der Neutralität.

Wieviel Patriotismus darf eine Rede enthalten?
Patriotismus kommt von «Patria». Er meint gerade nicht Vaterland, eher den Bürgerort, «wo der Vater herkommt». Dazu gehören die Leute in diesem Ort mit Kultur und Wirtschaft, die politische Gemeinschaft, die Lebenden und die Toten.  Um diese Menschen geht es mir, nicht um die Rettung der Schweiz. Sinnvoller Patriotismus betont den Aufbau von unten her. Was der Gemeinderat für die Gemeinde ist, ist der Regierungsrat für den Kanton und der Bundesrat für das Land. Einander auf Augenhöhe begegnen: auch auf dem Bözberg gibt es keine Gnädigen Herren mehr.

Warum erinnere ich mich an keine einzige 1. Augustrede?
Das weiss ich nicht. Mir geht das nicht so. Ich erinnere mich sehr gut an mindestens zehn Reden, deren Inhalt ich hier wiedergeben könnte.

Ich bitte um Beispiele.
Gerne: Ich erinnere mich an die Rede des 18-jährigen Herbert Meier, der als Jungkonservativer vor 56 Jahren den damaligen Politstar Jules Binder «Tabak-Binder» nannte. Oder an den ehemaligen Stadtschreiber von Mellingen, den späteren Pfarrer Adolf Fuchs, der 1975 seine Rede in Remetschwil wie folgt begann: «Remetschwil liegt nicht nur hoch, es hat auch einen hohen Steuerfuss». Ein genialer Einstieg für eine 1. Augustrede! Um er noch aus der Sicht eines Redners zu sagen: Alt-Regierungsrat und Alt-Nationalrat Dr. Ulrich Siegrist, engagierter Landschaftsschützer, bezeichnet heute seine einstige Augustrede im Dorf Linn auf dem Bözberg als im Rückblick eine seiner drei bedeutendsten Ansprachen. Ich nehme an, sie wurde auch damals nachhaltig zur Kenntnis genommen.

Das genügt. Ich glaube Ihnen. Was halten Sie von den «Wanderpredigern», welche die gleiche Rede drei-, vier oder gleich fünfmal halten?
Da muss man unterscheiden. Wenn eine Bundesrätin oder ein Regierungsrat das tut, muss man das wohl akzeptieren, auch wenn minimal auf konkrete je lokale Verhältnisse einzugehen wäre. Würde jedoch ein Nationalrat und Verleger viermal auf die gleiche Pauke hauen, bei gewechseltem Publikum, wäre er schlicht ein Missionar. Für meine Reden steige ich jeweils in die Archive. Dies schützt vor der Versuchung, mehr als einmal sprechen zu wollen.

Nennen Sie mir einen guten Redner aus dem Aargau
Für mich bleibt der ehemalige Ständerat Jules Binder der brillanteste Rhetoriker der letzten 75 Jahre im Aargau. Ich habe viel von ihm gelernt. Orientierungsstark, seiner Sache sicher, machte er selbst Widerspruch konstruktiv.

Auf der Suche nach Aufmerksamkeit für die Bundesfeier im Dorf, werden oft Prominente als Redende verpflichtet, etwa Komiker, Sängerinnen oder Schwinger. Eine gute Idee?
Prominent zu sein ist keine Garantie für eine gelungene Ansprache. Glaubwürdigkeit ist auch hier das Stichwort. So traue ich etwa Bernhard Russi dank Horizont und rhetorischen Fähigkeiten eine Rede zu, wie es Bundesräte kaum besser könnten.

Und Roger Federer?
Das wäre wohl schwieriger für ihn als das Interview nach einem grossen Sieg. Ich denke aber schon, dass er das kann. Vielleicht hören wir ihn, wenn er zurückgetreten ist. Nur stellt sich dann ein anderes Problem.

Was für ein Problem?
Eine 1. August-Ansprache richtet sich an die Gemeinschaft vor Ort. Es bleibt eine lokale oder regionale Angelegenheit; die Teilnehmenden kennen einander. Angenommen Roger Federer spräche auf der Lenzerheide, dann kämen Leute aus der ganzen Schweiz. So wie der Populist James Schwarzenbach am 1. August 1970 in Sempach tausende Anhänger anlockte. Ob Sportstar oder Politiker: Charisma bedeutet eine narzisstische Versuchung.

Was soll die ideale Bundesfeierrede bewirken?
Für mich ist die Rede gelungen, wenn sie bei der Hörerschaft ein Aha-Erlebnis über die Heimat auslöst. Wenn nicht nur Phrasen verbreitet werden, sondern wenn das Publikum  Authentisches über seine Wurzeln erfährt, wenn möglich verbindend. Danach bei der Bratwurst im Lampion-Schein zusammensitzen, sich erinnern und einander erzählen!

Sie bezeichnen die Festrede als gefährdete Textsorte? Was meinen Sie damit?
Die Festrede ist, wie auch die politische Rede oder die Predigt in der Kirche beim Publikum nicht mehr sonderlich populär. Vielleicht auch eine Folge der «Arena»-Kultur. Die Textsorten verkommen zu Clichés, die Chance wird nicht genutzt. Da und dort sah sich der Gemeindeammann Jahr für Jahr als Hauptperson. Oder man gibt zumal den an einem jeweiligen Wahljahr Interessierten den Vortritt. Zwar ist ein Quentchen Populismus immer noch besser als öde Langeweile. Nur kommt es auf die Dosis an, nicht nur bei Köppel und Wermut. Ich wünsche ihnen und allen Rednerinnen und Rednern, dass sie nicht über sich selber stolpern.

Zum Schluss: Was darf das Publikum in Gallenkirch von Ihnen erwarten?
Dass es auf dem Bözberg dorfinterne Spannungen gibt, bezeugt Lebendigkeit. Deren Austrag ist aber nicht «mein Bier». Als Heimathistoriker fasziniert mich das einstige Grenzgebiet. Als Symbol für die «Schweizerkrankheit» Heimweh ist es ein Geheimtipp der Aargauer Geschichte. Ausserdem stand die Gegend 1765 im Brennpunkt einer Pandemie. Es gibt ferner ein lokales Detail aus der Schweizer Gründungsgeschichte, was ich als «Katze» erst am Montag aus dem Sack lasse.  Ich freue mich unerhört auf den Bözberg mit seinen Dorfschaften, wo hoffentlich weiterhin Gemeinschaft praktiziert wird.

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