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BLOG vom 04.08.2020


Kant – zu Lebzeiten umstritten und heute abermals

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU

 


Kants Sicht eines "Mohren" als Karikatur von 1960 (siehe Text)
 

Red. Die frühe Rezeption von Immanuel Kant in der Schweiz war diejenige eines äusserst umstrittenen Aufklärers. Seine heutige Bestrittenheit als angeblicher Rassist ist aber, wie dieser nun hier auf Wunsch einiger Leser nun ungekürzter Artikel in der Weltwoche zeigt, weniger Ausdruck einer «Schwäche» Kants, sondern Folge seiner Auffassung von Aufklärung. Unser Beitrag zeigt Gesichtspunke, die man vor Monatsfrist weder im Aufsatz von Prof. Otfried Höffe in der Neuen Zürcher Zeitung zum Thema des «Rassisten» Kant zu lesen bekam noch in dem auf eine Seite mit Illustration gekürzten Essay im bekannten, auch aussenseiterische Meinungen zu Wort kommen lassenden bald neunzigjährigen Schweizer Wochenmagazin.

 

Als Philipp Albert Stapfer, später Bildungsminister der Helvetischen Republik, in Bern Vorlesungen über Kants Philosophie hielt (1787), war dies im protestantischen Ancien Régime kühn. Die katholische Schweiz lehnte den Aufklärer erst recht ab. Die Stiftsbibliothek Beromünster bewahrt ein für den Klerus bestimmtes Lehrbuch des Theologen Peter Miotti auf. Titel: «Die Nichtigkeit der Kantischen Grundsätze in der Philosophie» (1802). Die Absage an «Religionswahn und Afterdienst Gottes» fand zu Lebzeiten der Geistesgrösse wenig Gegenliebe.

Das Leben von Immanuel Kant, «einziger deutscher Philosoph von unbestrittener Weltgeltung» (Ludger Lütkehaus), war das eines pünktlichen Spaziergängers in seiner Stadt Königsberg (heute Kaliningrad RU). Als anekdotisch gilt, dass die Leute bei den Spaziergängen des Mannes, der jegliche «Transpiration» vermeiden wollte, ihre Uhren richten konnten. Der Professor hat die Stadt und ihre Umgebung nie verlassen. Es hielt den weltläufigen Denker nicht davon ab, Gross-Ereignisse wie die Französische Revolution vielfach genauer zu analysieren als dies den in Paris ins Geschehen verwickelten Protagonisten möglich wurde. Den mit der Revolution verbundenen Terror deutete Kant als Haltung eines «undankbaren Geschlechts». Mangels Aufklärung sei die Chance der Weltstunde nicht wahrgenommen worden.

Dabei gehörte Kant zur Minderheit unter den Aufklärern, welche den vulgär an Rousseau orientierten Glauben an das Gute im Menschen nicht teilten. Den Berichten Georg Forsters, eines deutschen Teilnehmers von James Cooks Entdeckungsfahrten, schenkte er keinen Glauben. Ein paradiesisches Leben von Frauen und Männern auf der Insel Tahiti, später von Gauguin gemalt, hielt er für Unsinn: die Mär von den «edlen Wilden». Gutes Handeln folge nicht dem Glück, sondern streng dem Gewissen verpflichtet. Zur Aufklärung darf sich dasselbe nicht resistent verhalten. Sonst verfalle der Mensch schnurstracks dem «Radikal-Bösen».

Zu Kants Überzeugungen passte auch ein entschiedener Kampf gegen den Volksaberglauben. Diesem gegenüber kannte er grundsätzlich keinen Pardon. Im Gegensatz zum britischen Konservativen Edmund Burke (1727 – 1797), der aus Erfahrung gerechtfertigte «Vor-Urteile» von blossen Ressentiments unterschied. Für den Königsberger galt im Prinzip nur rational begründbares Tun als sittliche Handlung.

Über die Völkerschaften der Kontinente setzte sich Kant über Reise-Enzyklopädien und Standardwerke ins Bild. Dazu liess er sich für das Weltgeschehen englische Zeitungen zustellen: «Die Engländer», ermahnte er seine Hörer, «haben die beste Volksbildung, weil sie sie besten Zeitungsleser sind. Sie bekommen von ihren Blättern ununterbrochen Kunde aus aller Welt und können diese Nachrichten stets an der richtigen Stelle vorbringen.»

Aus heutiger Sicht berührt ein im Münchner Heimeran-Verlag 1960 erschienenes Buch abseitig: «Kants grosse Völkerschau». Das Vorwort bekundet, «einen amüsanten Kant» zu präsentieren. Das Titelblatt illustriert es mit einem karikierten dunkelhäutigen «Wilden» mit pfeildurchdrungenem Kraushaar: Standard der Witzblätter seit dem 19. Jahrhundert. Es handle sich aus der Sicht des Philosophen um Darstellungen «nach dem vernünftigen Geschmack» von dessen «aufgeklärten Zeiten». Demnach «wusste» Kant, dass Chinesen zwar fast alles essen, aber längst nicht alle Chinesen Hundefleisch. Damit kam Kant dem heutigen westlichen Informationsstand schon recht nahe. «Den Hottentotten ist der Kuhmist ein Lieblingsgeruch». Die Naturvölker würden sich stark auf Geruch als Orientierungssinn verlassen.

Zur gruppenbezogenen Typologie: «Der Asiate» ist «grausam, prachtliebend, geizig. Hüllt sich in weite Gewänder. Wird durch Meinungen regiert.» «Der Afrikaner» im Gegensatz zum fleissigen Asiaten «phlegmatisch, schlaff, schlau, träge. Salbt sich mit Fett. Wird durch Willkür regiert.» Die Hautfarbe Schwarz wird unter acht Gesichtspunkten erklärt, bis hin zu Mischlingen und Albinos. Punkt 8: «Die Mohren, alle Einwohner der heissen Zone haben eine dicke Haut, wie man sie denn auch nicht mit Ruten, sondern gespaltenen Röhren peitscht, damit das Blut einen Ausgang finde und nicht unter der Haut eitere.»

Entgegen zum Beispiel des Luzerner Jesuiten-Missionars Anton von Segesser und des Benedikinter-Missionsbischofs Gallus Steiger aus Büron LU (katholisch-konservativer Verwandter des Revolutionärs Jakob Robert Steiger) beherrschte Kant keine «Eingeborenen»-Sprache, worin schon im 19. Jahrhundert Pionierleistungen von Philologen der protestantischen Basler Mission bestanden. Über die Sprache wird im Vergleich zu Gelehrsamkeit ein höheres Mass an Verständnis einer fremden Kultur möglich. Die paternalistische Haltung der traditionellen Missionare verschont dieselben heute aber erst recht nicht vom Verdammungsurteil des Rassismus. Auch deshalb dekretierte Exmissionar Al Imfeld: «Mission am Ende.»

Für Kant standen die Anliegen der Aufklärung im Vordergrund. Entschieden wandte er sich zum Beispiel gegen den Volksaberglauben in Polen, aber auch in Alpenländern zum Beispiel mit Ausläufern des Hexenglaubens wie in Glarus beim Prozess gegen Anna Göldi zum Ausdruck kommend. Da kannte er so wenig einen Ethnologiebonus wie beim indischen «Brauch» der Witwenverbrennung. Was indes den Europäern an Aufklärung mangelte, konnte der Philosoph aus Glauben an die Menschheit weder bei den fleissigen Asiaten noch bei den als beschränkter eingeschätzten «Negern» und «Eskimos» einfach durchgehen lassen. Und zwar gerade deswegen nicht, weil er von der Vernunftfähigkeit aller Menschen überzeugt war. Insofern ging es also um ein zentrales Anliegen der Aufklärung. Bei der Erklärung dieser Zielsetzung kommen, im Vertrauen auf die aufgeklärtesten Medien der Zeit, offenkundig Gesichtspunkte zu Wort, die heute als rassistisch gelten.

 


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