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BLOG vom 30.06.2020


Für Prof. Lübbe war Schwarzenbach "Poujadist"

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU


Red. Im Juni 2020 jährte sich zum 50. Male der Jahrestag der denkwürdigen ersten Abstimmung zur «Überfremdung» der Schweiz, mit 54 Prozent Neinstimmen bei Ja in 8  Kanton knapp verworfen und seither im Lande als Migrationsproblematik ein Thema geblieben. Autor Pirmin Meier schrieb 1973 in der «Weltwoche» einen kritischen Artikel über James Schwarzenbach. 50  Jahre nach dem Achtungserfolg der «Überfremdungs»-Initiative verschwindet das Charakterbild des Vielumstrittenen hinter Klischees. Für seinen einst genauesten Kritiker aus dem rechten Lager bleibt Schwarzenbach ein politischer «homme de lettres». Auf youtube https://youtu.be/waYWiiH-Ntw  ist seit Juni 2020 ein von den Historikern Fabian Saner und Titus Meier behutsam vorbereitetes mehr als einstündiges Interview mit dem Historiker und Autor Pirmin Meier (*1947)  auch zum Thema Schwarzenbach abrufbar. Im selben Juni 2020 äusserte sich Pirmin Meier auch in der «Weltwoche» abermals zu James Schwarzenbach, ausserdem noch in einem Leserbrief mit Hinweis auf eine 2019 erschienene Berner politologische Dissertation von Anna Storz.

 

Einen «Poujadisten» nannte ihn 1972 Zürichs grosser Lehrer in politischer Philosophie, Hermann Lübbe. Der Begriff, gebildet nach einem französischen Kurzzeitpolitiker (Pierre Poujade) meinte damals so etwas wie «Populist». Eine Einschätzung auf meine persönliche Rückfrage. Als Philosoph von Rang teilte der Professor keine Zensuren über einheimische Politiker aus. Max Frisch zitierte Lübbe in seinem Hauptwerk über Geschichtsphilosophie nicht wegen der Aussage betr. Menschen statt Arbeitskräfte. Hingegen zum Thema «Identität» und dem «Bild», das ein Mensch von sich selber und von anderen mache. Zum Beispiel vom Politiker «Schwarzenbagg». Dessen Name tönte  gemäss Erfahrung seines Neffen Francis (Interview mit der Neuen Zürchen Zeitung vom 5. Juni) vor 50 Jahren in Florenz äusserst negativ. War Schwarzenbach Italienerhasser?

Seit ich mal den beredsamen Schöngeist (nach Marcel Beck und Leo Schürmann) 1966 als Referent vor eine Studentenrunde in die Benediktinerschule Sarnen eingeladen hatte, wurde klar, welchen Italiener er nicht mochte: Papst Paul VI. Grund: Es sollte der alten Heiligen Messe an den Kragen gehen. Dabei war nicht zuletzt um der Messe willen Schwarzenbach in seiner Heimatstadt Zürich im Frontenjahr 1933 statt zu den Nazis oder zu den Kommunisten zur katholischen Kirche übergetreten. In seiner Schrift «Im Banne des Konzils» (1966) kritisierte er Johannes XXIII: Weil der Papst sich mit Wirkung auf das Konzil mit Nahum Goldmann vom Jüdischen Weltkongress getroffen hatte. Erst später sollte ich realisieren, dass dies ein Schweizer Anteil am «Weltkulturerbe» (H.M. Broder) des Antisemitismus war.

Als Student traf ich den vielbelesenen Intellektuellen und Verleger gelegentlich nach den Mittagsvorlesungen in seinem Büro am Rennweg 14. Ein beredtes Stilleben unter Büchern, nur nie  ein Taschenbuch. Thema  waren oft russische, französische, spanische, portugiesische, englische Literatur, so Frankreichs  Nobelpreisträger Mauriac (über den Schwarzenbach ein Buch geschrieben hatte). Wichtig für den Vielsprachigen war der konservative britische Staatsdenker Edmund Burke. Über diesen hatte in Sarnen zuvor schon CVP-Politiker Leo Schürmann gesprochen. Als wertvollen Tipp gab mir Schwarzenbach den deutschen christlichen Existenzphilosophen Peter Wust auf den Weg: «Ungewissheit und Wagnis» -  ein fürwahr empfehlenswerter Buchtitel.

 

Kritik am Nationalismus als «Nationalhass»

Selber durfte ich in Schwarzenbachs Zeitung «Der Republikaner» 1972  einen ganzseitigen Artikel veröffentlichen. Es ging um ein heikles Grundsatzproblem. Wörtlich wurde der bayrische Sozialphilosoph Franz von Baader zitiert: «Es trugen zum Beispiel Volkstümler gar keine Bedenken, den selben Menschenhass, welcher in jedem einzelnen Menschen das Grundverbrechen ist, falls selber nur zum Nationalhass potenziert, als erste Nationaltugend anzurühmen.» Schwarzenbach unterschied indes schon 1966 (da war er noch nicht bei den «Nationalen») einen vertretbaren, zum Beispiel schweizerischen Patriotismus, vom Nationalismus de Gaulles, den er ablehnte. Über De Gaulle hatte damals in Fribourg bei Schwarzenbachs einstigem Geschichtsprofessor (Doktorat 1940) Oskar Vasella, ein Student namens Niklaus Meienberg gerade seine Lizentiatsarbeit abgeschlossen. Wie Schwarzenbach eine brillante Feder mit Neigung zu Polemik und provokativen Aussagen. «Unsere Neutralität – Eine grosse Illusion?» - Ein Satz von Meienberg oder von Schwarzenbach? Natürlich von Schwarzenbach (1960), zu lesen in Otto Walters katholischer Illustrierten «Die Woche», welche Meienberg ebenfalls fleissig las.

Nach dem Rückzug der 1. Initiative aus den Reihen der einst linksfreisinnigen Demokraten sollten die stimmberechtigten Schweizer Männer endlich über das Jahrhundertthema «Überfremdung» abstimmen. Schon um die Zeit vor dem 1. Weltkrieg, als bereits viele Gastarbeiter ein soziales Problem darstellten,  agitierte die Helvetische Gesellschaft in dieser Sache. Es war zudem ein Lieblingsthema des populären christlichsozialen Publizisten Johann Baptist Rusch (1886  - 1954). Ab den Zwanzigerjahren bis zur umstrittenen Übernahme der «Republikanischen Blätter» durch James Schwarzenbach verfocht er das Thema «Überfremdung» mit preussenkritischer, später nazifeindlicher Tendenz. Eduard Stäuble, bald mal  Kulturchef des Schweizer Fernsehens, hätte Ruschs «Republikanische Blätter«, später wieder «Der Republikaner» (gegründet 1798), gerne übernommen. Den Zuschlag erhielt aber Schwarzenbach, der zwar ausser einer Liegenschaft in St. Moritz fast nichts geerbt hatte. Jedoch war er mit einer reichen Frau aus der Firma Bühler Uzwil verheiratet. In einer Ehe «à la Fontane», mit dem Hund als noch erträglicher «Drittperson». Das Veto der Frau war der Grund, warum Schwarzenbachs einstiger Sekretär Ulrich Schlüer das Blatt nicht aufkaufen durfte. So kam es 1978 zur «Schweizerzeit».

1964 war der «Republikaner» als Wochenzeitung vorübergehend (bis 1970) eingegangen. Die Konkurrenz «Zürcher Woche» kommentierte es höhnisch unter dem Titel: «Schirm zu!»  Der familiär umstrittene Übertritt zur Katholischen Kirche war 1933 erfolgte unter Betreuung durch den Jesuiten Richard Gutzwiller, wie Schwarzenbach in enger Beziehung zum Historiker Oskar Vasella stehend, bei dem der 29-Jährige doktorierte. Im Anschluss daran publizierte er die kulturpessimistische Studie «Eine Zeit zerbricht» (1942). In Freiburg präsidierte James Schwarzenbuch die schöngeistige Literatenbewegung «Renaissance», u.a. mit dem brillantesten katholischen Schwulen der Schweiz als Weggefährten, Kuno Räber (1991 an Aids verstorben). Mit ihm zusammen gab er 1945  bei Schifferli (Dürrenmatts späterem Arche-Verlag) das Buch «Abendländische Haltung» heraus. Nicht gelungen ist Schwarzenbach als  Autor die mehrfach versuchte Restauration des traditionellen Alpenromans in der Art von Ernst Zahn: eine Gattung, in der es neuerdings Oskar Freysinger mit «Bergfried (2017) versucht hat.

 

Was Schwarzenbach brillant beherrschte

Mit Brillanz beherrschte Schwarzenbach als Publizist  jedoch die Textsorte des anschaulich geschriebenen bildungsbürgerlichen Leitartikels. Einmal mit dem famosen Titel «Ritter, Tod und Teufel»:  Symbolfigur für den kämpferischen Einzelgänger. Schwarzenbachs Vorsatz nach seinem relativen Wahlsieg von 1971 war: Es müssten bald «sieben mal sieben Republikaner» in Bern den Ton angeben. Der Plan scheiterte auch an Schwarzenbachs obskuren Vorstellungen von Parteiführung, worüber ich mich damals mit einer landesweit registrierten  programmatischen Fundamentalkritik ausgelassen habe, unter anderem in der «Weltwoche», in der damaligen «Naionalzeitung» (Basel) und in «24heures» Lausanne. Der ungekürzte Original-Abdruck erfolgte indes in der von meinem Jugendfreund Herbert Meier (1964) gegründeten Meinungszeitschrift «Abendland», in der ich nicht wenige meiner frühen journalistischen Sporen abverdient habe.  

Der eingangs  genannte  Francis Schwarzenbach will bei seinem «Verhör» mit der Neuen Zürcher Zeitung (5. Juni) ungern eingestehen, dass der in St. Moritz 1994 einsam verstorbene hochintellektuelle Exzentriker aus Sicht der Familiengeschichte (vgl.den Chronisten Alexis Schwarzenbach) die Peinlichkeit schlechthin darstellt. Im Gegensatz zur Cousine Annemarie, die als mit dem Auto weltreisende Frühemanze, begeisterte Moskaureisende und literarische Hoffnung nachträglich und posthum das Glanzstück des Clans darstellt. Frau, Lesbe, Stalin-Verehrerin, Freigeist wirken nun mal eher attraktiv denn Mann, Reaktionär, Francoverteidiger (wegen den roten Massenmorden an Priestern und Nonnen in der katholischen Schweiz damals Mainstream) und Symbol für Fremdenfeindlichkeit. In Wikipedia wird er berückend «objektiv» als «rechtsextremer Schweizer Publizist und Politiker» denunziert. Seine Zugehörigkeit zur Nationalen Front wird mit einer Fussnote «belegt», in der bei Nachprüfung sein Name nirgends zu finden ist. Bei einer Schularbeit würde dies als «Bschiss» gelten. Von einer brauchbaren historischen Darstellung kann bis dato kaum die Rede sein. Schweizer Politiker tun gut daran, zu Lebzeiten nicht als «historische Figur» aufzutreten.

 

Ergänzter Leserbrief z. Thema «Schwarzenbach», Schweizerzeit Juni 2020

Schwarzenbachs ehemaligem Sekretär Ueli Schlüer kann niemand was vormachen. Er kannte sogar dessen Schwächen besser als die Gegner. Nicht nur Clanmitglieder in der NZZ äussern sich inkompetent. In einer Berner Dissertation zum Thema «Rechtspopulismus» v. Anna  Storz (2019) bewahrheitet sich, dass die sog. «wissenschaftliche» Literatur bei allem Fleiss streckenweise dilettantisch abgefasst zu sein pflegt. Auf den Seiten, wo ich die «Ehre» der Erwähnung finde, treten leider Fehler und Ungenauigkeiten gehäuft auf. Die parteiinternen Schwarzenbach-Kritiker bezeichneten ihn nie als «Nazi», so wie Diesbezügliches aus Wikipedia nicht haltbar ist. «Abendland», Herbert Meiers Zeitschrift, wo ich meine Kritik im Oktober 1973 ungekürzt publizieren durfte, war nie ein Parteiorgan der Republikaner. Und selber konnte ich trotz Vorsatz aus dem AG-Verfassungsrat gar nicht zurücktreten, weil  wegen Wahlerfolg von Schwarzenbachs Partei keine zur Annahme der Wahl mehr bereiten Ersatzleute vorhanden waren, durchwegs Kandidaten, die ich mühsam hatte überreden müssen mit dem Hinweis, sie müssten das Amt wohl kaum übernehmen. Selber war ich nie «Parteipräsident» der Aargauer Republikanischen Bewegung, weil von keiner Delegiertenversammlung formal gewählt. Wohl aber hatte ich mich für Schwarzenbach bis zu den Wahlen als faktisch von ihm ernannter «Obmann» zur Verfügung gestellt,  anstelle von Herbert Meier, der für Schwarzenbach von Anfang als Vorsitzender nicht in Betracht kam. Weniger aus ideologischen Gründen als weil er dieses politische Jungtalent (heute Präsident von Christian Solidarity International) als Strategen und mutmasslichen Konkurrenten nicht akzeptieren wollte. Ein Kantonalobmann musste übrigens vom «Zentralvorstand» (in der Praxis war dies Schwarzenbach) genehmigt werden: eine Wahl «von unten» genügte nicht.  Ein System, das ich 1973 öffentlich als «Führerprinzip» kritisierte. Eines muss man dem komplexen und zum Teil tragischen vielverleumdeten politischen Literaten Schwarzenbach lassen: Er war geistig, intellektuell, stilistisch und vom Gesamthorizont wohl allen, die bisher «wissenschaftlich» über ihn gearbeitet haben, haushoch überlegen. Was indes die «Schweizerzeit» von Ulrich Schlüer betrifft, so durfte derselbe den Traditionstitel  «Der Republikaner» (seit 1798, unter Johann Bapist Rusch «Republikanische Blätter») nicht führen, auf Einspruch der Besitzerin oder Mitbesitzerin, Schwarzenbachs Ehefrau Elisabeth, geb. Bühler.  (Diese Version ist, analog zum Artikel oben, im Vergleich zu Druckfassungen ungekürzt mit präzisierten Informationen; ich danke dem Textatelier dafür ausdrücklich.)

 


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