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BLOG vom 22.02.2018


Überlegungen zu: Wenn die Mimi ohne Krimi nicht ins Bett geht

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Vor ungefähr 50 Jahren gab es einen deutschen Schlager, der die Vorbliebe besonders von Frauen für Kriminalromane besang:

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett.

Damals gab es im Fernsehen noch nicht so viele Kriminalfilme, und wenn es sie gab, z.B. die Serienproduktion Stahlnetz mit 22 Folgen, angeblich nach wahren Begebenheiten gefilmt, dann setzten sich die Menschen vor den Apparat und gingen nicht auf die Strasse oder ins Restaurant, es sei denn, dort stand ein Fernseher.

Heutzutage gibt es kaum einen deutschsprachigen Sender, der nicht mindestens 1x am Abend einen Kriminalfilm zeigt.

Ich frage mich schon lange, welchen Einfluss diese Berieselung mit dem Verbrechen auf die Zuseher hat. Werden die Menschen ängstlicher, begegnen sie Unbekannten grundsätzlich mit Argwohn, sehen sie die Umwelt als immer unsicherer an? Kommen sie zu der Ansicht, dass es früher weniger Verbrechen aller Art gab, dass Grausamkeiten zunehmen, dass der einfache Bürger gefährdeter ist? Vermischt sich Fiktion mit Realitätsempfinden?

Komplotte haben als festgelegte Handlungsabläufe ihre eigene Logik. Sie neigen dazu, sich auf den Tod zuzubewegen ... Der Handlungsverlauf in einer fiktiven Geschichte (gibt uns) die Möglichkeit, die ausserhalb des Buches existierende Macht des Todes einzugrenzen und zu bändigen. (Don DeLillo)

Ich versuche, Kriminalfilme in ihre Bestandteile aufzudröseln.

Es gibt mindestens 3 Kategorien von Beteiligten: der oder die Täter, der oder die Opfer, der oder die Ermittler. Hinzu kommen weitere Randfiguren: Mögliche Auftraggeber der Täter, die Familie und andere Verwandte und Bekannte, Vorgesetze und Kollegen und Kolleginnen des Opfers oder der Opfer, Fachleute für die Ermittlung des Tathergangs, die privaten Beziehungen der Ermittler und andere.

Wo findet oder fand die Tat statt? Wo spielt der Krimi: eher in der Provinz, in der Grossstadt, auf dem Land, am Meer. Je nach dem können die Reaktionen der Menschen unterschiedlich gezeichnet werden.

Ich komme zur Tat und zum Tathergang. Was wird gezeigt, der Tathergang, die Umstände der Tat, die Begleitumstände, der Fundort der Leiche(n). Manchmal muss dies alles zuerst einmal ermittelt werden, etwa wenn es um vermisste Personen geht.

Zur Tat und bei dem Täter /den Tätern gibt es im Film mindestens 2 Möglichkeiten: Entweder die Tat wird gleich zu Beginn gezeigt, und der/die Täter steht/stehen von vornherein fest oder werden erst am Ende ermittelt.

Wenn der/die Täter fest stehen, soll der Zuseher verfolgen können, was der/die Ermittler tun, um ihn/sie zu überführen, die Zuseher haben die Rolle der Eingeweihten zu übernehmen.

Täter, aber auch Opfer, müssen transparent werden. Warum werden sie dazu, welche Zufälle oder Umstände machen sie zu Tätern und zu Opfern? Was ist das Motiv der Tat, gibt es überhaupt eins? Was ist der private Hintergrund des Opfers? Sind sie Deutsche oder Ausländer?

Das führt zur Psychologie besonders des Täters: Was macht ihn zum Täter? Gegen welche Menschenrechte und Gesetze verstösst er oder verstossen die Täter? Aber auch des Opfers: Wird eine eigene Schuld suggeriert, z.B. wenn das Opfer selbst kriminell war, sich irgendwie schuldig gemacht oder sich prostituiert hat.

Welche Hilfsmittel werden bei der Tat, besonders aber bei der Ermittlung eingesetzt?
Ist der Film auf der Höhe der technischen Gegebenheiten, wie arbeiten die Spurensicherungsfachleute, vor Ort, im Labor oder in der Forensik? Falls sie überhaupt zum Einsatz kommen, werden DNA-Spuren berücksichtigt, ist die Tatwaffe zu ermitteln und entspricht sie modernster oder veralteter Herstellungsart? Welche elektronischen Möglichkeiten werden genutzt? Ist eine Logik vorhanden, sowohl bei den Informationen, die erlangt werden, als auch beim Zeitrahmen?

Welche Fahrzeuge und Fahrgelegenheiten spielen eine oder keine Rolle? Wie relevant ist das für den Hergang der Geschichte? Gibt es eine Verfolgungsjagd, zu Fuss oder mit einem Fahrzeug?

Wie werden Schusswaffen/Explosive im Verlauf des Films eingesetzt, offensiv, in Notwehr, unverantwortlich?

Wie werden die Profile des/der Opfer, wie die des Täters oder der Täter gezeichnet? Welche Emotionen, welche Triebe, welche physischen und psychischen Schmerzen spielen mit? Wie alt, wie un- oder erfahren sind Opfer und Täter? Ist der Täter überhaupt verantwortlich für die Tat?

Vor allem braucht es eine gute Story! Wie phantasievoll war der Schreiber des Drehbuches? Welche Themen werden in Anspruch genommen: gesellschaftskritische, politische, wirtschaftsbezogene, weltanschauliche? Ist ein Racheakt, die Selbstjustiz, die historische Vergangenheit, eine philosophische Erkenntnis in die Story mit einbezogen?
Gibt es Szenen mit Humor als Gegengewicht zur Grausamkeit des Geschehenen?

Wie wird Spannung aufgebaut? Gibt es mehrere mögliche Täter, was macht sie dazu?

Ein Problem ist die Filmlänge. In einem zeitlich beschränkten Rahmen muss die Story erzählt werden und die Ermittler möglichst zu einem akzeptablen Ergebnis kommen, meistens bedeutet es, die/den Bösen zu verhaften.

Die Technik des Filmemachens spielt auch eine bedeutende Rolle, die kurzen, schnell abfolgenden, fehlenden, die zeitversetzten Filmschnitte, die Begleit- und Hintergrund Musik, die Vertonung. Alles das spielt bei den Intentionen eine Rolle.

Welche Intention verfolgt der Regisseur und der Drehbuchautor mit dem Film? Natürlich will er damit Geld verdienen! Aber darüber hinaus: Soll eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe kritisiert werden, der Geheimdienst, die Diplomaten, die Politiker, die Machenschaften der Wirtschaftsmächtigen?

Soll dargestellt werden, dass allen nicht viel fehlt, um Täter oder Opfer zu werden, auch ohne bestimmte Absichten? Wie viel Zufall regiert die Welt?
Mit wem soll sich der Zuschauer solidarisieren, wen soll er bewundern, über wen schmunzeln, sich über wen stellen können? Die Welt ist schlecht, aber Gott sei Dank gibt es die Justiz, die den Bösewicht fängt! (Wenn nur die Justiz nicht so lasch verurteilen würde!)

Was bleibt?

Verfolgt der Film den Schläfer noch im Traum? Ändert er sein Verhalten?

Den Weg zum sanften, unschuldigen Werk gibt es nicht; uns bleibt nichts als Unrecht zu tun oder es zu erleiden. (So das bittere Fazit des Prinzen Adelchi bei Manzoni.) - Der Wunsch nach Unschuld und die zwanghafte Beschäftigung mit der Schuld sind zwei Namen für dasselbe.

Die heutige Moral dagegen ist eine Moral der Monster, insofern als sie zwar das Opfer zum Zentrum, aber das Monster zum einzigen aktiven Prinzip hat. Es liegt etwas Beruhigendes darin, sich jemand potenziell ausgeliefert zu fühlen.

 

Quellen
Don DeLillo, in: Helen Fehervary und Bernd Fischer, Cultural Politics and the Politics of Culture, Verlag Peter Lang AG, Bern 2007
Daniele Giglioli, Die Opferfalle - Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt,
Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 2016

 


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