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BLOG vom 10.06.2017


Wichtige Bestäuber: Lebensräume für Wildbienen erhalten

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 


Knautien-Sandbiene (Andrena hattorfiana) Foto: Hans R. Schwenninger
 

Am 04.06.2017 fand eine Exkursion zu den Wildbienen am Läufelberg oberhalb von Fischingen (Landkreis Lörrach) durch den Naturschutzbund Deutschland (NABU-Lörrach e.V.) statt. Matthias Richter führte durch das Biotop und Rolf Dietrich gab den zahlreichen Teilnehmern Tipps zu Nisthilfen für Wildbienen.
Treffpunkt war der Hieber-Markt in Binzen. Von dort fuhren die Teilnehmer in Fahrgemeinschaften zum Schützenhaus auf dem Läufelberg.

Zu Beginn der Tour befragte Matthias Richter die Exkursionsteilnehmer, warum sie sich für Bienen interessieren. Viele waren wissbegierig, etwas über das Leben der Wildbienen zu erfahren, welche Nisthilfen es gibt, wieviel Arten hier zu Hause sind und wie man den Wildbienen helfen könne, um ein Artensterben zu verhindern. Matthias Richter vom Naturschutzbund in Lörrach gab kompetent und geduldig Auskünfte.

Wir erfuhren auch, dass es in Deutschland mehr als 550 Bienenarten (Schweiz: 580 Arten, Österreich: 690; weltweit bis über 17 000) gibt. Die Wildbienen unter den Arten leben meist allein und unauffällig. Sie werden oft nicht wahrgenommen. Leider werden die Lebensräume dieser Wildbienen durch Monokulturen und Bodenversiegelungen immer mehr eingeschränkt. Manche der Futterquellen sind durch Düngung und Pflanzengifte zerstört worden. Auch auf den Weinbergen oberhalb von Binzen und  Fischingen sahen wir kaum Blütenpflanzen, dafür Gras oder Kahlstellen zwischen den Rebstöcken.

Eine Teilnehmerin äusserte, man sollte Winzer und auch Landwirte dazu animieren, mehr Blütenpflanzen auf Ackerrandstreifen, Blühstreifen in Obstplantagen und zwischen Rebstöcken anzulegen. Es gibt nämlich nicht nur für private oder öffentliche Anlagen auch artenreiche Blühmischungen für den Weinberg. Gerade Blütenpflanzen, die unterschiedlich blühen, sind wichtige Nahrungsquellen für Bienen und andere Insekten.

 


Rolf Dietrich (links) und Matthias Richter (rechts)
 

Wie Rolf Dietrich berichtet, wachsen in einem Rebstück in 2 km Entfernung (Luftlinie) in jeder 2. Reihe kräftige „Phacelia“ (Bienenweide, Bienenfreund, Büschelschön). „Das ist aber eine extreme Ausnahme“, betonte Dietrich.
Auch auf landwirtschaftlich genutzten Flächen sieht es trostlos für Bienen aus. Wir sahen bei unserem Rundgang in der Nähe von Getreidefeldern oberhalb des Läufelbergs nur wenige Klatschmohnpflanzen und nur ein einziges Exemplar einer Kornblume.

Seltsame Löcher
Hier einige Bemerkungen zum Naturdenkmal Läufelberg. Er besteht aus kalkreicher Molasse mit Lössüberlagerung. Bereits 1974 hatte der Schwarzwaldverein Lörrach einen Antrag zur Unterschutzstellung gestellt. Diese erfolgte 1982. Im 1.6 Hektar grossen Gebiet gibt es wärmeliebende Pflanzengesellschaften und zahlreiche Insektenarten. Der Insektenforscher Paul Westrich konnte am Läufelberg 47  verschiedene Wildbienenarten, darunter 5 extrem gefährdete, feststellen.

Nach einer eingehenden Inspizierung von Blüten an Brombeerhecken konnten wir schon einige fleissige Bienen bei der Nektar- und Pollensuche in Augenschein nehmen. Auf den nichtgedüngten Wiesen sahen wir viele Exemplare des Klappertopfes und der Wiesen-Knautien (Witwenblume).  Dazu eine kleine Abschweifung:

Hans R. Schwenninger von Stuttgart (LUBW = Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg) erwähnte in einem Flyer, dass die Knautien-Sandbiene als Nahrung für ihre Larven Pollen von dieser Pflanze benötigt. Aus diesem Grunde kommt die Knautien-Sandbiene (Andrena hattorfiana)  nur in solchen Streuobstwiesen vor, in denen diese Pflanzenart ungestört blühen und Samen bilden kann. Die Knautien-Sandbiene wurde zur Wildbiene des Jahres 2017 gekürt (Kennzeichen: rote Hosen). Für das Textatelier stellte mir Hans R. Schwenninger dankenswerterweise eine schöne Aufnahme zur Verfügung.

 


Molassefels mit Lösüberlagerung
 

Von den Brombeerhecken ausgehend ging es zu den hellen Molassewänden. Dort waren viele kleine Löcher in den Wänden zu sehen. Wir erfuhren, dass diese Löcher Nistplätze von Wildbienen sind. 
Sie besiedeln nicht nur die erwähnten Molassewände, sondern auch totes oder morsches Holz, sandige Böden, Fugen von Mauern, Frassgänge von Holzbewohnern und andere Lebensräume. Auf Wanderungen sieht man öfters abgestorbene Äste oder sogar ganze abgestorbene Bäume auf Streuobstwiesen herumliegen. Die Besitzer sind nicht aufräumfaul, sondern wissen, dass diese Hölzer wichtige Nisthilfen für Kleinlebewesen, besonders für Insekten, darstellen. Wer jedoch roden möchte, der sollte einen Teil des Stammes oder ein grösserer Strunck stehen bleiben.
Die interessierten Teilnehmer der Exkursion erfuhren von Matthias Richter Näheres zu den Nistgängen und Brutzellen: „Bei den meisten Wildbienen legen die Weibchen ihre Nester in Nistgängen an, die sie durch Querwände aus feuchtem Lehm in einzelne Brutzellen unterteilen. In jede Kammer wird ein Futtervorrat aus Nektar und Pollen platziert. Pro Nistgang können so um die 5 Brutzellen angelegt werden. Da die Lebensdauer der Bienen meist nicht einmal 2 Monate beträgt, können die Weibchen in dieser Zeit maximal 20 bis 40 Brutzellen anlegen. Die Bienenlarven überwintern als Puppe in den Nistgängen, um im Frühjahr als fertig entwickelte Bienen zu schlüpfen.“

Grosser wirtschaftlicher Nutzen
Durch ihre Bestäubungstätigkeit haben die Wildbienen einen grossen wirtschaftlichen Nutzen. So finden wir 40 % der Wildbienenarten von Baden-Württemberg in Streuobstwiesen.  60 Bienenarten sind an der Bestäubung von Apfel, Birne und Steinobst beteiligt. Die Honigbiene, Hummeln, Sand- und Mauerbienen sind bedeutungsvoll für die Obstbaumbestäuber.

Wir sollten den Wildbienen helfen, indem wir Nistmöglichkeiten (Installation von Nisthilfen im Garten oder in freiem Gelände) schaffen und für ausreichendes Futterangebot sorgen (Anlegen von Blumenbeeten, Verzicht auf Dünger und Pflanzengifte). Dies betonten die Expeditionsleiter dieser Veranstaltung im besonderen Masse. Am Schluss zeigte uns  Rolf Dietrich einen Nistkasten, der mit einem Maschendraht versehen war. Dieser schützt die Bienen vor Vogelfrass.
Wie mir Klaus Böttger, Vorsitzender der BUND-Ortsgruppe Schopfheim erzählte, bauen sogar Spinnen ihre Netze vor den Nistkästen und warten auf die schlüpfenden Wildbienen.  Er hat in seinem Garten mehrere Nistkästen aufgestellt.
Alle Teilnehmer erhielten am Schluss der fast 3-stündigen Exkursion wertvolles Infomaterial („Eine Zukunft für Wildbienen“, „Wildbienen – Fleissige Helfer in unseren Streuobstwiesen“, Bienenweidekatalog). Im Flyer „Eine Zukunft für Wildbienen“ ist auch eine Bauanleitung für eine Nisthilfe aufgeführt. Auch im Internet (www.nabu.de) sind Bauanleitungen beschrieben. Erfreuliche Reaktion: Einige Teilnehmer der Exkursion wollen eine Nisthilfe in ihrem Garten installieren und auch vermehrt Samen von Blütenpflanzen aussäen. Wichtig ist, dass man die richtigen Nistkästen aufstellt und eine geeignete Mischung an Wildbienenfutterpflanzen aussät (www.wildbienen-futterpflanzen.de).

Anhang: In der 130-seitigen Schrift „Bienenweidekatalog – Verbesserung der Bienenweide und des Artenreichtums“ vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Baden-Württemberg sind u.a. folgende Kapitel aufgeführt: Bedeutung der Bienen für Mensch und Tier, Bienenweide, Allgemeine und konkrete Massnahmen zur Verbesserung der Lebensgrundlage für Bienen und andere Insekten, Projekte, Initiativen und Organisationen, Pflanzenlisten und Steckbriefe.
Infos: www.bienenweidekatalog-bw.de

 

Internet
www.nabu.de
www.wildbienen-kataster.de
www.bluehende-landschaft.de
www.mlr-bw.de
www.bund.net
www.wildbienen-futterpflanzen.de

Literatur
Westrich, Paul: „Wildbienen – Die anderen Bienen“, Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2015.

 


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