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BLOG vom 15.05.2017


Gedanken über die Gier und den Geiz

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 
Würden Sie sich als gierig einschätzen? Wohl kaum. Auch wenn Sie nach Macht, Reichtum, Geld begehren, würden Sie diese Wünsche nicht unbedingt als Gier bezeichnen.

Man würde eher sagen: " Ich bekam auf einmal eine unstillbare Lust auf Schokolade, auf Torte, auf Sex." Geschweige denn, man würde erklären, danach zu "gieren" oder "gierig" zu sein, das nicht nur das heftige Begehren und Verlangen, sondern auch unbeherrscht, hemmungslos und unersättlich sein bedeutet.
 
In vielen Wörterbüchern findet man das Wort "Gier" nicht, ebenso wenig in Zitatenbüchern und auch bei Sprichwörtern oder Redensarten bin ich auf kein Beispiel gestossen. Da musste ich schon ein wenig tiefer graben. In dem Buch "Überfluss und schöner Schein - Zur Kultur der Niederlande im goldenen Zeitalter" (Sie erinnern sich sicher an den Wahn der Tulpen-Spekulation im 17. Jahrhundert!) fand ich einige Hinweise. Maler dieser Zeit, wie Hendrik Pot mit dem Bild "Die Geizige" und Bilder von Jan an Eyck haben die Gier als eine der "7 Todsünden" thematisiert:
 
"Ein Heiratsvertrag zwischen einer reichen Witwe und ihrem Freier wird besiegelt von einer weiblichen Verkörperung des Münzen ausspeienden Teufels mit Zitzen 'der gierigheit'."
 
Auch die Literatur von Charles Dickens und Moliere befasst sich mit dem Thema:
"Ebenezer Scrooge in Dickens Weihnachtsgeschichte oder der Geizige von Molière sind die literarischen Urbilder der Habgier."
 
Wobei zur Gier noch der Geiz kommt, die abstosssend übertriebene Sparsamkeit. Synonyme sind Knauserigkeit und Knickerigkeit.
 
Vor ein paar Wochen habe ich eine Geschichte aus dem Jahre 1875 von Wilhelm Herchenbach entdeckt, die den Titel "Jungfer Kunigunde Wohlgemuth oder der Teufel des Geizes." trägt. Im Verlaufe der Geschichte verliert Kunigunde ihr Geld, aber ihr Neffe, den sie als Kind aufnehmen musste, und der bei ihr wahrlich kein leichtes Leben hatte, war zu bescheidenem Reichtum gekommen und gewährte ihr einen Lebensabend ohne Geldsorgen. Der Neffe hatte sogar, nachdem er viele Jahre abwesend war, wissend um die Gier und den Geiz der Tante Essen mitgebracht, als er wieder ins Haus kam.

"Mit zagender Hand, als ob sie eine schwere Sünde beging, indem sie ihren Gelüsten nachgab, langte sie zu; als aber der lange entwöhnte Gaumen einmal gekostet hatte, da würgte sie die Speise, wofür sie Nichts zu bezahlen brauchte, mit viehischer Gier hinunter."

Ganz im Sinne der Moral geht die Geschichte schlimm aus, Kunigunde wird ermordet und zwar von einer ehemaligen Magd, die in ihrem Haus kargen musste.
 
Exzesse in unserer heutigen Finanzwelt werden häufig mit "Macht- und Geldgier" in Verbindung gebracht, vor allem das Bestreben, zu den Millionen oder Milliarden immer noch weitere zu raffen. Alles im Sinne von "Geld regiert die Welt"! Die Statistiken, wie zahlenmässig klein die Gruppe der reichsten Menschen im Gegensatz zu der grossen Zahl der weniger Reichen oder gar Armen ist, sind hinlänglich bekannt. Ebenso die Aussage, dass diejenigen, die bereits Geld haben, meistens zu mehr davon kommen, wogegen die Armen hingegen immer ärmer werden.
 
"Habgier, zum Beispiel, hat viele Gesichter: Wir erregen uns über die "Raffkes" in der politischen Klasse und die "Abzocker" in der Wirtschaft. Aber Habgier und Geiz sind kein Privileg der Mächtigen. Wir scheinen geradezu ein Volk von Schnäppchenjägern geworden zu sein, die eine seltsame Mischung von Geiz und Habgier praktizieren – möglichst viel haben wollen und möglichst wenig dafür bezahlen: Das Wort vom 'Preis-Leistungs-Verhältnis' taucht in fast allen Unterhaltungen über Restaurantbesuche oder Urlaubsreisen spätestens im zweiten Satz auf."
 
Dieses Zitat kommt von einem Aufsatz von Heiko Ernst aus einer Website der Bundeszentrale für politische Bildung. Es wird auf die Neuzeit und Moderne hingewiesen:
 
"Der Staatsphilosoph Niccolò Macchiavelli (1469–1527) schrieb: 'Wenn man alles genau betrachtet, wird man finden, dass manches, was als Laster gilt, Sicherheit und Wohlstand bringt.' Und der Kulturhistoriker Lewis Mumford (1895–1990) konstatierte im Rückblick auf das 19. und 20. Jahrhundert, dass bis auf Trägheit alle Todsünden spätestens in der industriellen Revolution zu Tugenden umgeformt waren. Mehr noch: Sie seien inzwischen die treibenden Kräfte der kapitalistischen Wirtschaftsordnung."
 
Auf einmal gelten die 7 Todsünden nicht mehr als Sünden:
 
"Sie schufen Märkte, trieben die Dynamik des Fortschritts an, formten soziale oder wirtschaftlich erwünschte Eigenschaften. Das gilt insbesondere für die Trias Geiz, Habgier und Neid: Geiz mutiert zur Sparsamkeit, zum ich-starken Bedürfnisaufschub; Habgier ist die Triebfeder der Akkumulation von Kapital, das eine Industrialisierung erst finanzieren kann; und der Neid ist ein starkes Motiv zunächst der Arbeitsgesellschaft, später auch des Konsumkapitalismus. - Der Rechtsphilosoph Giambattista Vico (1668–1744) hat diesen psychologisch-revolutionären Grundgedanken so formuliert: 'Aus Grausamkeit, Habsucht und Ehrgeiz, den drei Lastern, die alle Menschheit in die Irre führen, macht die Gesellschaft nationale Verteidigung, Handel und Politik und begründet damit die Stärke, den Wohlstand und die Weisheit der Republiken.'"
 
Der Artikel der Bundeszentrale plädiert dafür, die Todsünden zu akzeptieren, aber für die Auswirkungen des Tuns auch Verantwortung zu übernehmen.
 
Da könnte etwas dran sein, angesichts der Unterschiede beim Lebensstandard der Völker in einer globalisierten Welt, angesichts der Überbeanspruchung der Ressourcen unserer Erde, angesichts der nicht zuletzt von Menschen besonders im Konsumkapitalismus entstandenen Umweltverschmutzung und -zerstörung. Das sind Ergebnisse der Gier, wie wir sie heute täglich erleben.
 
Langfristig gesehen bringt die Gier zwar Wohlstand, aber eben nicht für jeden, sondern nur für einen kleinen Teil der Menschheit, und dieser ist dann auch mitverantwortlich dafür, dass sich die Entwicklung wieder in ihr Gegenteil verkehrt, ja sogar bis zu "Die Menschheit schafft sich ab", wie der Titel eines jüngst erschienenen Buches von Harald Lesch und Klaus Kamphausen heisst (in dem übrigens von "Gier" nirgends die Rede ist, dafür aber mehr von der Ungleichheit.)
 
Es ist nicht zu leugnen, Gier führt unweigerlich in die Irre. Angesichts des Wachstumswahns im Kapitalismus ist zu bedenken, ob es nicht doch eine Wirtschaftsform gibt, die die Ungleichheiten in allen Formen und die langfristig negative Entwicklung stoppt oder sogar beseitigt. Ansätze dazu gibt es, aber im Hinblick auf die rasante Talfahrt viel zu wenig konsequent und zukunftsweisend.
 
Harald Lesch diskutiert u.a. mit Prof. Dr. Markus Vogt (Lehrstuhl für christliche Sozialethik) darüber, und Markus Vogt sieht wenig Positives:
 
"Für mich ist das Anthropozän (= Menschenzeitalter, R.G.B.) keine Überhöhung des Menschen und seiner Werke, sondern eher ein Bewusstwerden, was alles schieflaufen kann. Die Zukunftsaussichten für unsere langfristige Präsenz auf diesem Planeten sehe ich eher kritisch. Zu langsam werden wir uns der nur zu einem winzigen Teil erkennbaren Voraussetzungen unserer Existenz bewusst.
Mir kommt es so vor wie bei der Ameise, die zeitlebens auf einem Elefanten herumkrabbelt. Sie erkennt den Riesen erst, nachdem sie runtergefallen ist."
 
Prof. Dr. Ernst Ulrich Michael Freiherr von Weizäcker (seit 2012 Co-Präsident des Club of Rome) meint, dass "der schlimmste Zeitverlust euer Pessimismus" sei. Es sollte Begeisterung für konstruktive Ansätze geschaffen werden die die "durchaus rational begründbare Skepzis überwiegt", also zukunftsweisend wird.
 
Wir leben heute nicht mehr in einer Welt, in der die Konzepte für Wachstum und Fortschritt durchaus seine Berechtigung hatten, sondern in einer Welt, die ein Umdenken erfordert. Es ist allerhöchste Zeit dazu!
 
Um wieder auf die Gier zurück zu kommen: Verwenden wir sie nicht, um noch reicher zu werden, um ein noch schnelleres Auto zu fahren, um immer mehr Konsumgüter zu raffen, sondern um ökologische und nachhaltig erzeugte Waren zu kaufen, um den Raffsüchtigen den Spiegel vorzuhalten und sie auf die Konsequenzen ihres Tuns hinzuweisen, einfach, um gegen- und umzusteuern!  

Quellen
http://www.bpb.de/apuz/197969/die-sieben-todsuenden-heute-noch-relevant?p=all
Scham, Simon, Überfluss und schöner Schein, Kindler Verlag München, 1988
Herchenbach, Wilhelm, Jungfer Kunigunde Wohlgemuth oder der Teufel des Geizes, Regensburg, 1875
Lesch, Harald und Kamphausen, Klaus, Die Menschheit schafft sich ab, München, 3. Auflage 2017

 


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