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BLOG vom 16.11.2016


Das Alter und die Liebe in der Antike

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen, Deutschland

 

Ein Geburtstag in unserem Alter ist immer auch eine Gelegenheit, um über alles Mögliche nachzudenken. So kam ich auf die Idee, einmal nachzufragen, was die Antike, und darunter verstehe ich die Römer und Griechen in den Jahrhunderten vor und nach dem Beginn unserer Zeitrechnung, uns an Einsichten über die Liebe und das Alter hinterlassen haben.

Eine reiche Quelle sind die "Liebeslieder der Antike".

Sappho war eine antike griechische Dichterin. Sie lebte um 600 v.u.Z. auf der Insel Lesbos.

"Die Jugend flieht, das Alter wird zur Last.
Einst strömte meine Stimme hell und klar,
jetzt ruhe ich bald aus auf letzter Rast.

Doch Altersrunzeln kamen mit den Jahren,
die ewig junge Gattin hold erglüht,
indessen er vergreist und abgeblüht.
Er schaut nicht mehr die zarten Morgenröten,
und zu den Göttern fleht er, ihn zu töten." (1)

Na ja, jetzt übertreibt sie aber! Vor einiger Zeit habe ich noch einen Text darüber geschrieben, wie umwerfend schön die Sonne untergeht! Ausserdem: wieso bleibt sie "ewig jung"? Ich würde sagen: "Abwarten und Teetrinken!"

Mimnernos, Flötenspieler und Dichter, lebte etwa um die selbe Zeit, stammte aus dem kleinasiatischen Kolophon und gilt als einer der ersten Erotiker der griechischen Lyrik.
Für ihn ist es ein echtes Problem, das Alter und die Liebe:

"Wozu noch leben, wenn die Liebe hingeschwunden?
Wenn im geheimen mir kein Frauenmund mehr blüht
und auf dem Bett der Lust die Wonne nicht mehr glüht,
dann sehne ich herbei die letzten Liebesstunden.

Der Jugend Blüte welkt, es melden sich die Schwächen
des Greisenalters schnell bei Männern und bei Frauen,
und böse wird der Mensch und hässlich anzuschauen,
wenn er befallen wird von lästigen Gebrechen.

Die Jungen finden nun den Alten abgeschmackt,
die Weiber lachen aus den späten Liebesschmerz.
So machte uns ein Gott das Greisenalter schwer." (2)

Man könnte es auch umgekehrt sehen! Das andauernde Gefühl, dass man der Natur nachgeben müsse, lässt mit dem Alter nach und führt zu mehr Ruhe und Gelassenheit!

Anakreon aus Teos stammt auch von der kleinasiatischen Küste. Es wird über ihn geschrieben, dass er die fröhlichen Gelage und die erotischen Spiele bis ins hohe Alter, das er tatsächlich erreichte, er wurde 85 Jahre alt, liebte.

"Den zarten Eros will ich singen:
geschmückt die Stirn in Blumenbändern,
kann er die Götter selbst bezwingen,
die Menschen auch in allen Ländern."

"Erst stellt er fest vor allen Dingen:
Der Bart ergraut, die Augen trüber.
Dann rührt er seine goldnen Schwingen
und - fliegt vorüber." (3)

In einer griechischen Anthologie im Stile von Anacreon verfasst ist folgendes Gedicht:

"Da sagen mir die Frauen:
'Du bist ein alter Mann.
Musst dich im Spiegel schauen,
sieh deine Glatze an!'

Ich weiss nicht, ob die Haare
mir ziemlich ausgegangen.
Doch Liebe, wunderbare,
nach ihr trag ich Verlangen.

Muss ich nicht gehn der Liebe Pfad,
gerade weil mein Ende naht?

Vor meinen grauen Haaren,
o Mädchen, fliehe nicht!
Zwar deiner Jugend Blüte
steht noch im hellen Licht,
doch achte meine Gaben!
Betrachte deinen Kranz,
wie Silberweiss und Rosen
sich hold verflochten haben!" (4)

Gewiss ein Thema, das nicht nur auf die Antike beschränkt war! Ich denke da ein paar Jahrhunderte weiter an Lucas Cranach den Älteren (1472 - 1553) und seine Gemälde, zum Beispiel: (5)

 


 

Sicher, so ganz hört es doch nicht auf, das Verlangen! (Fragen Sie einmal eine Altenpflegerin nach ihren Erfahrungen!) Und wenn der Mann dafür bezahlt...?

Aus eben dieser Anthologie stammt auch das folgende Gedicht:

"Ich liebe mir den frohen Greis,
ich liebe auch der Jugend Reigen.
Doch will der Alte in den Kreis
der jungen Reigentänzer steigen,
dann ist sein Graukopf zwar bejahrt,
sein Herz hat er sich jung bewahrt." (6)

Es sollte aber nie so weit kommen, wie Kallimachos aus Kyrene (310-240 v.u.Z.) besungen hat:

"Selber sollst du auch so ruhen,
wie du mich gebettet hast:
vor der Tür in kalter Nacht.
Selber sollst du auch so ruhen,
wie du ihn gebettet hast,
den du so verliebt gemacht.
Nicht einmal bei Nacht im Traum
fühlt dein armes Herz Erbarmen,
Nachbarn seufzen um den Armen,
aber du nicht mal im Traum.
An dies alles denkst du bald,
ist dein Körper grau und alt!" (7)

Da lobe ich mir die echte Zweisamkeit im Alter, etwa nach vielen Jahrzehnten des Zusammenlebens:

Decimus Magnus Ausonius (310 bis 393 n.d.Z.), Erzieher des römischen späteren Kaisers Gratian in Trier, richtete sein Gedicht an die Gattin:

"Geliebte Gattin, lass uns weiterleben
und beibehalten unsere Kosenamen,
die wir uns einst im Brautgemach gegeben,
als wir im ersten Rausch zusammenkamen.

O möge niemals uns der Tag erscheinen,
der unser Älterwerden uns verrät!
Sie stets in mir den Jüngling noch, den reinen,
der liebend vor dem schönen Mädchen steht!

Und trüge ich auch Nestors weisse Haare
und hättest du im Altersstreit besiegt
die runzelreiche älteste Sybille -

uns kümmert weder trockne Zahlenfülle
noch Greisenalter, weil uns daran liegt,
Verdienste einzuschätzen, nicht die Jahre. (8)

Wir müssen der Tatsache, dass wir uns dem Ende unserer Tage nähern, ins Auge sehen! So einfach ist das! Das meint auch der unbekannte Dichter aus der Spätantike, in einem Gedicht aus den Epigrammen der Antholigia Latina, dem Codex der lateinischen Anthologie, den der Gelehrte Claudius Salmasius um 1609 in seine Hände bekam:

"Warum klagst du denn schon lange
über deine grauen Haare?
Macht dein Greisentum dich bange,
weil so nah die Totenbahre?

Warum suchst du denn vergebens
Altersschwäche zu verhehlen?
Brauchst am Ende deines Lebens
keine Kraft mehr herauszuquälen!

Willst dich ganz umsonst betrügen
und erschwindeln Jugendschein;
lass das Protzen und das Lügen,
musst ein würdiger Alter sein!" (9)

Und deshalb lächle ich nur über die kleine Stichelei meines 5 Jahre jüngeren Bruders, der mir schrieb: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag alter Mann!" und reime weiter:

"Gut, dass er das noch sagen kann!
Auch er kommt bald in meine Jahre,
und vielleicht schon vorher auf die Bahre!
Das zu wissen bleibt allen verborgen,
darum sollten wir uns nicht drum sorgen,
noch viele Glückwünsche versenden,
die letzten Jahre nicht verschwenden
und gelegentlich uns wiedersehn!"

Allen Mitstreitern wünsche ich noch viele schöne Jahre!

Quellen
Liebeslieder der Antike, ausgewählt, nachgedichtet und erläutert von Erich Fabian, VEB Hinstorff Verlag, Rostock, 1967: (1) S.48, (2) S.24, (3) S.52, (4) S,58, (6) S.68, (7), S.86, (8) S.216, (9) S.219, teilweise in Auszügen

http://cranach.ub.uni-heidelberg.de/wiki/index.php/CorpusCranach:Ungleiche_Paare#CC-SUP-100-008 (5)

 


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