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BLOG vom 23.04.2016


Klatsch und Tratsch und so weiter

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Es gibt viele Publikationen, gedruckt oder im Fernsehen und im Internet, die sich mit Klatsch und Tratsch beschäftigen. Die Zeitschrift „Bunte“ ist so ein Blatt. Die Macher legen Wert darauf, dass das, worüber sie schreiben, das Interesse der Leser daran befriedigen will:

„Gossip zu Stars aus aller Welt -  Zum Tratschen gibt es in der Promi-Welt immer irgendetwas. Egal ob Musiker oder Filmstar, Sportstar oder Model – alle Stars haben ihre kleinen und grossen Geheimnisse. Wer sie kennt, wird zum Mittelpunkt bei jedem Kaffeeklatsch und Smalltalk-Queen bei jeder Party.  Damit der Gesprächsstoff  zu deutschen und internationalen Promis nie ausgeht, sorgt Bunte.de für reichlich Nachschub an heissem Gossip, pikanten Details, faszinierenden Gerüchten und täglichen Klatsch und Tratsch aus der Welt der Reichen und Schönen.“

In dieser kurzen Beschreibung werden viele Begriffe benutzt:
- englische „Lehnwörter“: gossip, smalltalk;
- Klatsch, Tratsch/tratschen
- pikante Details, faszinierende Gerüchte

Ob die Schreiber dieser Zeilen die Unterschiede wissen? Benutzen sie die Begriffe synonym?

Zum Nomen Tratsch (es ist interessant, dass der Vokal lang gesprochen wird, im Gegensatz zu „Klatsch“!)  gehört für sie „ beim Tratschen“, aber nicht „klatschen“ zu Klatsch. Warum eigentlich nicht?

Aus „gossip“ wird „heisser Gossip“, die Details sind „pikant“, „Gerüchte“ sind „faszinierend“, „Klatsch“ wird zu „Kaffeeklatsch“ und „small talk“ zu „Smalltalk-Queen“ erweitert.

Es geht also nicht ohne Anglizismen, die teilweise auch mit deutschen Wörtern vermischt werden.

Das englische Wort „gossip“ als Nomen bedeutet „Gespräch über andere“ und „Gerüchte“ und als Verb „über andere sprechen“, Gerüchte verbreiten“, „hot gossip“ ist „faszinierender Tratsch und Klatsch“; und „small talk“ „leichte Konversation“ oder „plaudern“ und wer darin gut ist, wird zu „einer Königin“, also eine herausragende Persönlichkeit.

„Pikant“, also „scharf gewürzt“, könnte man auch ein Gericht nennen, das Bestandteile, also Details, beinhaltet, Gewürze wie etwa Pfeffer und Curry, die das Essen scharf machen; in diesem Fall ist aber „pikant“ im Sinne von prickelnd, reizvoll, anzüglich und schlüpfrig gemeint. Dieses Wort wurde im 17. Jahrhundert aus dem französischen Wort „piquant“ entlehnt.

Klatsch als Nomen bedeutet nicht nur „Knall, Schall, Schlag“, sondern auch „Geschwätz, übles Gerede“ und in diesem Sinne spricht man von Klatschmaul, Klatschsucht, Klatschbase, mit den schönen Synonymen „Klatschweib, Klatschtante, Plapper- und Plaudertasche oder Tratschtante“.

In dem Buch von Karl Bergmann „Deutsches Leben im Lichtkreis der Sprache“, erschienen beim Verlag Diesterweg in Frankfurt aus dem Jahre 1926, finde ich einen Hinweis im Kapitel „Die Menschen untereinander“:

Frau Base = Schwätzerin; auch von Männern gebräuchlich; Klatschbase, Schwatzbase; basen = schwätzen.“  Die „Klatschbase“ ist damit eine Tautologie!

Klatsch wird, so die Meinung der Männer, vor allem von Frauen betrieben, und so treffen sie sich zum Kaffeeklatsch, reissen ihr Klatschmaul auf und sind klatschhaft bis zur Klatschsucht.

Soll man dazu klatschen? Ursprünglich ist es ein Wort, das unter die Kategorie „Schallnachahmungen“ gezählt wird und gibt einen Klangeindruck wieder, das beim Zusammenschlagen oder Aufprallen entsteht, beispielsweise mit den Händen.

Ein Synonym dazu ist „applaudieren“, was wiederum aus dem lateinischen „plaudere“ entlehnt ist. Man sieht die Verbindung zur anderen Bedeutung von klatschen! Allerdings ist „Beifall klatschen“ positiv, denn es zeigt bei den Konsumenten Zufriedenheit, die sogar bis zur überschäumenden Begeisterung werden kann.

Auch Musik erzeugt Schall und so ist es nicht verwunderlich, dass aus dem Klatschen ein Musikstück entstanden ist. Ich denke dabei an Steve Reichs „Clapping music“, ein Stück für 2 Musiker, die ein im selben Rhythmus, aber gegeneinander  verschobenes Klatschgeräusch machen, denn dafür benötigen sie keine zusätzlichen Musikinstrumente, nur den eigenen Körper.

Kinder klatschen spontan in die Hände. Im Internet berichtet eine Mutter, dass ihr Kind im Mutterleib beim Ultraschall spontan in die Hände geklatscht habe. Ob es dazu bereits vor der Geburt imstande sein kann, könnte man in Frage stellen, denn dazu ist einige Koordinierung erforderlich.

„Anfangs fällt es Ihrem Baby noch reichlich schwer, beide Hände richtig gegeneinander zu bewegen. Doch je öfter es das Klatschen bei Ihnen beobachten kann, desto besser kriegt es das hin. In Kürze wird Ihr Kind vielleicht nicht nur vor Freude in die Hände klatschen, sondern auch schon, wenn es Musik hört - bis der Rhythmus wirklich stimmt, dauert es aber noch eine ganze Weile. Einige Babys setzen das Klatschen auch ein, um ihren Eltern zu bedeuten, dass Sie bestimmte Dinge tun sollen, z. B. etwas vorsingen.“

Viele Mütter fördern diese Fähigkeit, so auch in den Niederlanden mit diesem Kinderlied:

Klap eens in je handjes,
blij, blij, blij.
Op je lieve bolletje,
allebei.

Handjes in de hoogte,
Handjes in je zij.

Zo varen de scheepjes voorbij.
Zo varen de scheepjes voorbij.

Die komplette Übersetzung ist nicht einfach, denn „op je lieve/boze bolletje“ lässt sich nur schwer in eine andere Sprache übertragen, „het bolletje“ bedeutet eine Backware, ähnlich wie ein Brötchen, aber auch „rundes Köpfchen“. Es ist also die Aufforderung, die Händchen in die Höhe zu strecken, zu klatschen und dann wieder in die Seiten zu legen. Und so fahren die Schiffchen vorbei! Die Bewegungen könnten also ein Segelschiff nachahmen, das klatschende Segel über dem Kopf, und die Form eines Schiffes, wenn die Hände an die Körperseiten gelegt werden. Und das macht fröhlich und glücklich („blij“)!

Das klatschende Geräusch ist übrigens auch der Grund für die Bezeichnung „Klatschmohn“, es soll entstehen, wenn man ein Blütenblatt dieser Pflanze gegen die Stirn drückt.

Das Wort „Abklatsch“ kommt ursprünglich aus der Druckersprache, durch ein Klatschen mit der Bürste wurde ein erster (minderwertige?) Probeabdruck hergestellt, erst später wurde daraus die minderwertige Nachahmung, übrigens auch unter anderen eine Bedeutung des Verbs „abklatschen“.

Auch „tratschen“ hat einen Schall nachahmenden Ursprung und früher zusätzlich auch die Bedeutung von „spritzen“, und schnell könnte man dabei an den Ausdruck „sein Gift verspritzen“ denken, das „heftig schimpfen, über jemanden schlecht oder gehässig reden“ meint, wenn Menschen es tun.

„Smalltalk“ ist das nicht, denn das heisst über „dies und das“ zu sprechen oder wie die Niederländer sagen „over van alles en nog wat“. Ab und zu finden Sie das auch auf dieser Website!

Quellen:
www.bunte.de
http://www.rund-ums-baby.de/entwicklungskalender/sinne/sinne_4.htm
Duden, Herkunftswörterbuch, Etymologie der deutschen Sprache, Dudenverlag, Mannheim, 2001
Bergmann, Karl, Deutsches Leben im Lichtkreis der Sprache, Verlag Diesterweg, Frankfurt, 1926

 


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