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BLOG vom 11.03.2016


Das Schöllkraut

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

In dem Aufsatz von Joachim Telle über das alchemistische Reimpaargedicht aus dem 16. Jahrhundert „Vom Tinkturwerke“ wird in diesem Werk der botanische Terminus für Schöllkraut, Chelidonia maius L., erwähnt.

„Seine Aufnahme in die alchemische Nomenklatur beruht auf seiner Deutung als ‚Donum coeli’ (‚Gabe des Himmels’), einer unter Alchemikern eingeschliffen-geläufigen Wendung für die Materia prima bzw. Tinktur/’Stein der Weisen’.“ (J. Telle)

Die Alchemie hat ihre Wurzeln im alten Ägypten und hellenistischen Griechenland. Eine der  ältesten Aufzeichnungen, die „Tabula Smarigdina“, stammt in der ersten ältesten erhaltenen Textversion als arabisches Manuskript aus dem 6. Jahrhundert. Auch für Paracelsus gehörte die Alchemie zu einer der Teildisziplinen zur Ausübung der ärztlichen Kunst. 

Die Alchemisten waren unter anderem damit beschäftigt, den „Stein der Weisen“ zu finden, eine Tinktur, mit deren Hilfe man ein unedles Metall in Silber oder Gold verwandeln kann oder auch in Verbindung damit ein Universal-Allheilmittel.

Im Gedicht selbst heisst es:
„Chelidonia wirdts genent zuvorab /
Als ein besonder Himlische Gab.“

 


Schöllkraut
 

Die Betrachtung der Pflanze auf diesem Bild führt zu der Erkenntnis, dass sie keine unbekannte ist, wächst die Stickstoff liebende Art doch gern in der Nähe von Wohnstätten, auf Schuttplätzen, an Wegesrändern und sogar in Mauerspalten. Das soll „eine Gabe des Himmels“ sein?

Also forschen wir ein wenig weiter! Was hat es damit auf sich? Eine andere Bezeichnung taucht auf: „Warzenkraut“, allerdings gibt es auch noch weitere Pflanzen, deren Milchsaft für die Behandlung von Warzen eingesetzt werden, z.B. die Kreuzblätterige Wolfsmilch. Milchsaft ist das Sekret, dass im Pflanzenkörper in Röhren transportiert wird und milchig-trübe-gelblich aussieht. Übrigens, auch Kautschuk ist ein Milchsaft!

Paracelsus: „Wie eine Frau ihre Menstruation hat, so hat es auch diese Wurzel und das Kraut; das beweist die Anatomie. Wenn man es aufschneidet, fliesst ein Saft, der dem Menstrualblut gleicht.“

Für Paracelsus war das nicht die einzige „Signatur“ dieser Pflanze. Die Signaturenlehre (die nicht nur in der europäischen, sondern auch in der ayurvedischen und chinesischen Medizin bekannt ist) geht von der Grundannahme aus, dass alles miteinander in Beziehung steht. So weise z.B. die Form der Walnuss darauf hin, dass der Genuss der Frucht einen positiven Einfluss auf die Gehirnfunktion habe. In den jungen Blütenknospen des Schöllkrautes könne man die Form von Warzen erkennen, da das Schöllkraut „ein Mauerbrecher“ sei, also durch das Mauerwerk hindurch wachse, sei es also auch ein Mittel gegen Gallensteine und die gelbe Farbe der Blüte weise auf den Darm hin, also sei das Mittel auch gegen Verdauungsschwäche geeignet.

„Ferner wies Paracelsus darauf hin: ’Was die Gelbsucht macht, heilt auch die Gelbsucht.’ (Bd. II, S. 389) – wobei es nach Paracelsus allein von der Dosis abhänge, ob eine Pflanze giftig oder heilkräftig sei. Dies erinnert mich an die Krankengeschichte meines Vaters, der vor mehr als 10 Jahren plötzlich unter Gallenkoliken litt. Eine Naturheilärztin verordnete ihm daraufhin einen Schöllkrautextrakt. Durch die Einnahme bekam er nun mehrmals täglich heftige Gallenkoliken. Also setzte ich den Extrakt ab und suchte einen Arzneikomplex mit homöopathisch verdünntem Schöllkraut. Darauf endeten die Gallenkoliken sofort.“  (Margret Madejsky, Die Signaturen der Heilpflanzen am Beispiel Schöllkraut)

Im Artikel des „netdoktor.de“ schreibt Frau Dr. Daniela Oesterle, dass das Schöllkraut heute als anerkannte Heilpflanze zur Behandlung von krampfartigen Beschwerden im Bereich der Gallenwege und des Magen-Darm-Traktes gelte. Ob es auch gegen Warzen helfe, sei möglich, aber nicht abschliessend geklärt. Allerdings weist die Ärztin auf gefährliche Nebenwirkungen hin:

„Schöllkraut kann Leberschäden bis hin zu Gelbsucht und Leberversagen auslösen, wobei die Leberfunktion nach Absetzen der Präparate wieder hergestellt werden konnte. Die tägliche Einnahme darf 2,5 Milligramm Gesamtalkaloide nicht überschreiten. Bei bestehenden Lebererkrankungen oder solche mit Vorgeschichte, Gallensteinleiden oder einem Verschluss der Gallenwege darf die Heilpflanze nicht angewendet werden.“

Dieser Hinweis erklärt die Wirkung, über die im vorherigen Abschnitt berichtet wird. Ob es das Schöllkraut in einer homöopathisch verdünnten Tinktur war, das die Gallenkoliken beendete, darf dahingestellt werden.

Von einer „Gabe des Himmels“ dürfte man keine gefährlichen Nebenwirkungen erwarten, auch nicht von einem „Stein des Weisen“. Auf jeden Fall sollte man vor einer Anwendung unbedingt dem Rat folgen: „Fragen Sie Ihren Arzt oder Ihren Apotheker!“

Quellen:
Jochen A. Bär, Marcus Müller (Hg.), Geschichte der Sprache – Sprache der Geschichte, hier: Joachim Telle, Vom Tinkturwerk, Akademie-Verlag, Berlin, 2012, S.459ff.
Schöllkraut
Die Signaturen der Leberheilpflanzen am Beispiel Schöllkraut
Alchemie

 


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