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BLOG vom 05.02.2016


Die hedonistische Tretmühle

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Die beiden Freunde, Mann und Frau, kinderlos, sammeln Antiquitäten. Ihr Haus steht voll davon. Auf den Schränken stehen Figuren von Heiligen, Krippen und anderen kleinen Kunstwerken, an den Wänden hängen alte Pfannen und Werbung, auf Blech gedruckt, aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts, und vieles mehr.

Sie haben einen Garten, in dem sie Blumen anpflanzen und in dem Obst- und Nussbäume stehen. Die Garage ist so voll Kram, dass für das Auto kein Platz bleibt, es wird draussen vor der Haustür geparkt. Floh- und Trödelmärkte zu besuchen, ist ihre Leidenschaft. Nie kommen sie von einem zurück, ohne etwas gekauft zu haben, sei es eine Antiquität, persönliche Dinge, für den Haushalt oder für den Garten. Gartenmärkte werden mehrmals im Monat besucht.

In ihrem Haus gibt es kaum eine Stelle, in dem nicht irgendetwas steht. Um zum Tisch zu gelangen, muss man an diesen Dingen vorbei gehen und aufpassen, dass man nicht ungewollt dagegen stösst.

Kaufen ist ein Zwang, für ihn noch mehr als für sie. Auf meine Bemerkung hin, dass es für mich schon eine befriedigende Erkenntnis ist, wenn ich feststelle, bestimmte Dinge gar nicht haben zu wollen, kam die Antwort, das gelte nicht für ihn.

Etwas wieder abzustossen oder zu verkaufen, kommt nicht in Frage. Antiquitäten sind davon von vornherein ausgeschlossen, da der Markt momentan nicht das hergibt, was man damals dafür bezahlt hatte. Verlust zu machen würde schmerzen, sowohl finanziell als auch physisch.

Ist einmal ein „Objekt der Begierde“ gesichtet und ausgemacht, der Preis aber noch nicht erschwinglich, wird entweder so lange gehandelt, bis es bezahlt werden kann oder man lässt es sich gegen eine Anzahlung zurückstellen und kauft es dann kurze Zeit später.

Restaurantbesuche werden danach ausgesucht, ob dort etwas zu diesem Zeitpunkt günstiger ist oder ob sie in einem dieser Gutscheinbücher aufgeführt sind, die, gegen eine relativ geringe Gebühr gekauft, den Einkauf um 10% und mehr verbilligen bzw. der Verzehr des Partners nicht bezahlt werden muss. Natürlich wird darauf geachtet, dass die Kosten dieses Gutscheinbuches während der Laufzeit möglichst sogar mehrmals wieder hereingeholt werden können. Ebenso wird bei Reisen verfahren: Sonderangebote haben immer Vorrang, es wird nie etwas gewählt, was nicht günstiger als regulär ist. Dabei ist sich das Ehepaar nicht bewusst, dass man es als „Schnäppchenjäger“ ansieht.

So türmen sich in den Schränken im Haus so viele Schuhe, Kleider, Hemden, Hosen und andere Kleidungsstücke, so viel Bett- und Hauswäsche, dass sie (nach meinem Empfinden) vermutlich für die nächsten 100 Jahre ausreichen würden. Das gilt ebenso für Werkzeug, Nägel, Schrauben, Bretter und vieles mehr für die Garten- und Bastelarbeit.

Ladet man das Ehepaar zu einem Fest ein, bringen die beiden natürlich auch Geschenke mit. Aber, dann – so ein Gefühl könnte man bekommen – muss möglichst der Gegenwert der Geschenke durch viele Stücke Kuchen und viele Getränke, die verzehrt werden, wieder kompensiert werden. Dabei ist, besonders dem Mann, nicht bewusst, dass andere Gäste vielleicht auch noch ein 2. oder 3. Stück Kuchen haben möchten und nicht mehr bekommen, weil er schon 5 Stücke verschlungen hat.

Oniomanie (Kaufzwang) und alle diese Verhaltensweisen setzen im Gehirn Serotonin frei. Serotonin ist ein Hormon im Nerven-, und Herzkreislaufsystem  und im Blut, das den Tonus (Spannung) der Blutgefässe reguliert. Serotonin wird Glückshormon genannt, das auf die Gemütslage des Menschen wirkt. Der Hypothalamus schüttet Serotonin aus, und ein Mangel an diesem Stoff macht übellaunig, ängstlich und unzufrieden, ja kann bis zur Depression führen. Lebensmittel, so auch Schokolade und Bananen, können ein wenig dazu beitragen, den Serotoninspiegel im Blut zu erhöhen. Essen gilt als kompensatorischer Effekt bei positiven und negativen Emotionen.

Konsumzwang allgemein wird darin begründet, dass es in der Kindheit dieser Erwachsenen materielle Entbehrungen und Mangelsituationen gegeben haben könnte, aber auch mit geringen Selbstwert- und Minderwertigkeitsgefühlen.

Entbehrungen hat es in der direkten Nachkriegszeit vielfach gegeben. Warum das bei den einen zu verstärkten Kaufgelüsten führt und bei anderen nicht, ist schwer zu beurteilen.

Auf jeden Fall ist es eine ewige Suche nach Glücksgefühlen. Sie werden scheinbar nur kurz erfüllt. Nach dem Psychologen Michael Eysenck führt dieses Bestreben zur hedonistischen Tretmühle. Man arbeitet die ganze Zeit am Streben nach Glück und bleibt doch am selben Platz.

Das Glücksempfinden ist nämlich nicht nur von einem bestimmten Einkommen abhängig, sondern davon, wie man sich selbst im Vergleich und Verhältnis zu anderen sieht.

So ist ein beliebter Ausspruch der Frau, wenn man über eine schöne Reise oder ein besonderes Erlebnis berichtet, dass die Gesprächspartner eben ein höheres Einkommen hätten und „sich das leisten könnten“, ohne wirklich zu wissen, wie hoch es ist und ohne beurteilen zu können, wie das Einkommen ausgegeben oder gespart wird. Und der Mann betont meistens, dass es auch günstiger gegangen wäre und dass man zu viel dafür bezahlt hätte.

Ein gewisser Kaufzwang kann gar nicht anders als dazu führen, dass für andere mögliche Aktivitäten dann nach eigener Einschätzung kein Geld vorhanden ist (oder diese nicht in Anspruch genommen werden, weil sie nicht vergünstigt angeboten werden). Es kann aber auch sein, dass auch ein durchschnittliches und ausreichendes Einkommen nicht als solches wahrgenommen wird.

Unser Gehirn sei von der Evolution darauf getrimmt, eher Unangenehmes wahrzunehmen als Angenehmes, so die Hirnforscher. Nach Richard Easterlin könnte ein relatives Einkommen eher zu subjektiver Zufriedenheit führen als ein absolutes Einkommen, eine These, die dazu passt.

Das Ehepaar empfindet seine Lebensweise und sein Verhalten nicht unnormal. Die Beiden sind sich sicher, dass sie gar nicht anders können und ihr Leben, so wie es gelebt wird, ausgefüllt ist. Der Umgang mit ihnen ist dennoch angenehm. Man hilft sich gegenseitig, gemeinsame Freizeitaktivitäten, vor allem der Besuch von Flohmärkten, aber auch Kartenspielen, usw. machen auch Spass. Dabei wird das Verhalten toleriert, manchmal „in Kauf genommen“.

Dabei ist klar: Der Kaufzwang führt nicht zu einem nachhaltigen Glücksgefühl, das nur kurz ist und dauernd erneuert werden muss. Längere Glücksgefühle erreicht man unter anderem durch das Zusammensein mit Freunden und der Familie. Glück rührt von den Erfahrungen mit anderen Menschen her, wenn sie als positiv empfunden werden. Jeder muss seinen eigenen Weg zur Zufriedenheit suchen.

Dabei gilt der Satz des Dichters Walter Savage Landor (1775 – 1864): „We are no longer happy so soon so we wish to be happier.”

 

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Easterlin-Paradox
Adler, Rolf, Expeditionen in die Welt von Geist und Gehirn, Schattauer Verlag, Stutgart 2007

 


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