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BLOG vom 01.10.2015


Verschiedene Sprachen – unterschiedliche Grammatiken!

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Ende Oktober fahre ich beruflich für 3 Wochen nach Kharkov/Charkiw. Das ist eine Stadt mit mehr als eine Million Einwohnern im Nordosten der Ukraine. So wie viele Städte nicht nur den Namen in der jeweiligen Sprache des Landes tragen, sondern im Ausland auch in einer Übersetzung genannt werden (man denke an Köln, das bei den Einwohnern „Kölle“, bei den Römern, auf italienisch und spanisch „Colonia“, in den Niederlanden „Keulen“, polnisch „Kolonia“, arabisch „Kulunya“, im sonstigen Ausland „Cologne“, usw. genannt wird), so heisst die Stadt russisch Харьков/Kharkiv/Charkow, je nach Umschreibung der kyrillischen Bezeichnungen von ukrainisch oder russisch in die englische oder in die deutsche Transkription.

Ich versuche, mich ein wenig in die ukrainische Sprache einzuarbeiten. Dabei vermeide ich kyrillisch.

Ukrainisch unterscheidet sich stark von der deutschen Sprache, vor allem in der Grammatik.

Hier einige markante Punkte:

Im Ukrainischen gibt es weder einen bestimmten noch einen unbestimmten Artikel, der Sinn ergibt sich aus dem Textzusammenhang. Es gibt aber maskuline, feminine und neutrale Nomen. Darüber hinaus gibt es eine übergeordnete Einteilung in eine sogenannte „harte“ und „weiche“ Gruppe, je nachdem, mit welchem Laut die Nomen enden, z.B. teatr, bat*ko (Vater) maskulin und hart, kraj (Gebiet) maskulin und weich; Ukrajina feminin und hart, simja (Familie) feminin und weich; misto (Stadt) neutral und hart, mistse (Platz) neutral und weich.

Es gibt bei den Verben nur 3 Zeitformen: Präsens, Perfekt, Futur; weiterhin gibt es Verben im „unvollendeten“ und „vollendeten“ Aspekt und besondere Verben der Bewegung. Der „Mitlautwechsel“, den es auch in der deutschen Sprache gibt (gehen–ging), besteht auch in der ukrainischen Sprache.
Der Infinitiv hat einen Stamm und -ty am Ende, z.B. psaty = schreiben oder howoryty = sprechen.

Sätze im Präsens, in denen man im Deutschen das Hilfsverb „sein“ benötigt, kann man im Urkainischen ganz einfach bilden, indem man dem Nomen ein Adjektiv nachstellt. Das Adjektiv wird dekliniert, die Endungen können hart sein: männlich -yj , weiblich -a oder neutral -e; oder weich: männlich -ij, weiblich -ja und sächlich -je. Die Mehrzahl wird mit -i gebildet. In der wörtlichen Übersetzung würde das dann so lauten: Tscholowik harnyi = Mann schön; Diwtschyna harna = Mädchen schön.

Schwierig wird es bei den „Aspekten“, die es im Deutschen nicht gibt. In einer grossen Zahl der Fälle gibt es jeweils 2 unterschiedliche Verben, die zwar gleich übersetzt werden, von denen das eine aber den unvollendeten, das andere den vollendeten Aspekt darstellt.

Der unvollendete Aspekt bezeichnet die Dauer einer Handlung, die entweder gerade abläuft, ohne dass sie beendet wird, bzw. die sich oft wiederholt:
Ja zawshdy snidaju rano.
= Ich immer frühstücke früh.
Ja sjohodni nedowho spaw. = Ich (männlich) heute nicht-lange schlief.

Der vollendete Aspekt bezeichnet einmalige Handlungen; solche, die konkret in Bezug auf Ort und Zeit und auf den Abschluss absehbar sind, im aktuellen Moment des Sprechens abgeschlossen sind oder ein unbedingtes Vorhaben beinhalten:

Ja (männlich) pryichaw pizno. = Ich anreiste spät.
Ja napyschu tobi lyst. = Ich werde-schreiben dir Brief.

Ausser den Aspekten gibt es (Bewegungs-)Verben im unvollendeten Aspekt, die beschreiben, ob es jetzt, gerade, im Moment geschieht oder immer wieder und regelmässig:

Ja idu w teatr. = Ich gehe ins Theater. Ja tschasto chodshu w teatr. = Ich gehe oft ins Theater.
My jidemo na wystawkuu
. = Wir fahren auf (die) Ausstellung. 
Win jizdyt* na pljash.
= Er oft fährt auf (den) Strand.
Je nach Aspekt können die Verben völlig unterschiedlich sein!

Als höfliche Form der Anrede (Sie) sagt man wy = ihr in der 2. Person Plural. Das erinnert an frühere Anredeformen im Deutschen (Ihr Frau Mutter?).

Die Beschäftigung mit dieser Sprache eröffnet mir neue Erkenntnisse im Hinblick auf sprachliche Äusserungen von Ausländern beim Deutschunterricht. Da der Satzbau der deutschen Sprache sich stark von anderen Sprachen unterscheidet, ist es nicht (mehr) verwunderlich, wenn folgende Sätze geäussert werden:

Ich nicht verstehe. = Ich verstehe nicht. = Ja ne rozumiju.
Wie Sachen? = Wie geht es Ihnen? = Jak sprawy?
Mir Zeit? = Es wird Zeit für mich! = Meni tschas!
Was das Strasse
? = Was ist das für eine Strasse? = Schtscho se za wulytsja?
Nicht
(ich-)weiss, wie-viel (sie-)kostet jetzt Fahrt in Strassenbahn? = Wie viel kostet jetzt eine Fahrt mit der Strassenbahn? = Ne znaju skil*ky koschtuje zaraz projizd u tramwaii?
Bei mir wehtut Zahn. = Mir tut der Zahn weh. = U meine bolyt* zub.
Ihr könnt mir helfen
? = Können Sie mir helfen? = Wy moshete menj dopomohty?

Ich habe hier nur einen kleinen Einblick in die Probleme gegeben, die sich durch die unterschiedliche Grammatik der Sprachen ergibt, kulturspezifische Phänomene konnte ich kaum berücksichtigen.

 
Quelle
Grube, Ulrike & Börner, Natalja, Ukrainisch – Wort für Wort, Verlag REISE KNOW-HOW, Bielefeld, 2008
 

 


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