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BLOG vom 04.06.2015


Sprichwörter und Redensarten: Das Gold der Morgenstund‘
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Morgenstund’ hat Gold im Mund (‚aurora habet aurum in ore’).
 
Es soll sich lohnen, morgens früh aufzustehen und mit der Arbeit zu beginnen. Die römische Göttin der Morgenröte, Aurora, soll frühmorgens aufgestanden sein. Da sie Gold in den Haaren und im Mund hatte, sei ihr beim Lachen das Gold aus dem Mund gefallen, den Frühaufstehern vor die Füsse.
 
Mit allen Wassern gewaschen.
 
Die Seeleute lernten auf ihren Reisen fremde Länder und seltsame Sitten kennen und mussten damit umgehen; ihnen konnte kaum jemand etwas vormachen.
 
Sich etwas hinter die Ohren schreiben.
 
Im Mittelalter war man der Ansicht, eine Ohrfeige sei ein geeignetes Mittel, sich später an eine besondere Situation zu erinnern. Heutzutage soll man Kinder nicht mehr schlagen. Sie dürfen auch keine Eselsohren mehr in Bücher machen, um etwas wieder zu finden!
 
Alles in Butter.
 
Zur Beförderung zerbrechlicher Ware im Mittelalter auf holperigen Wegen wurde das zerbrechliche Gut in Fässern in erwärmter flüssiger Butter gebettet. Die Butter wurde fest und dämpfte die Schläge ab. Am Ziel angekommen, braucht man nur die Butter wieder zu erwärmen und abzugiessen. Woher das moderne „alles paletti“ herkommt, ist unsicher, vielleicht aus dem Jiddischen bzw. Hebräischen, wo pallett  retten, bewahren oder in Sicherheit bringen bedeutet, oder aus dem Französischen, in dem paletot ein weiter Umhang oder eine Jacke bedeutet und auf „alles in trockenen Tüchern“ hinweist.
 
Das ist der springende Punkt.
 
Aristoteles glaubte in dem dunklen Fleck im Eiweiss eines Vogeleies, also der Keimscheibe, das Herz des Kükens erkannt zu haben, übertragen also das wichtigste Organ beim Lebewesen, wie auch bei anderen Angelegenheiten.
 
Auf die Tube drücken.
 
Man könnte auch Gas geben sagen; denn vom englischen Choke Tube, einem Teil des Vergasers, kommt die Kurzform Tube.
 
Keine Ahnung von Tuten und Blasen.
 
Wer das nicht konnte, durfte auch kein Nachtwächter werden, denn dieser musste bei Gefahr ins Horn blasen. Derjenige war eben zu nichts zu gebrauchen.
 
Er versteht nur Bahnhof.
 
Wenn eine Person an nichts anderes mehr denken kann, und alles nur auf ein Wort bezieht, das ihr im Kopf herumschwirrt, dann erreicht das Hirn nichts anderes mehr. So soll es bei den Soldaten im 1. Weltkrieg gewesen sein, die nichts anderes wollten, als nur noch mit dem Zug nach Hause zu kommen, vom Bahnhof aus.
 
Aus dem Nähkästchen plaudern.
 
In Theodor Fontanes Roman Effi Briest versteckte die gleichnamige Protagonistin ihre geheimsten Informationen, unter anderem verräterische Liebesbriefe, unten in ihrem Nähkästchen. 6 Jahre nach ihrem Ehebruch entdeckte der Ehemann sie. Seltsam, die Anwandlung, dort zu suchen, nicht wahr?
 
Etwas auf der Pfanne haben.
 
Das charakterisiert eine Person, die nicht dumm ist und nicht eine, die etwa ein Steak brät. Denn die Pfanne, die hier gemeint ist, gehörte früher zum Gewehr und wurde mit Pulver gefüllt. Etwas auf dem Kasten haben, wird synonym benutzt, und als Kasten wurde im Mittelalter das Gehirn gemeint, das man durch fleissiges Lernen füllen kann.
 
Die Arschkarte ziehen.
 
Dieser zugegebenermassen vulgäre Ausspruch ist noch gar nicht so alt und stammt aus der Zeit, in der Fussballspiele noch schwarz-weiss im Fernsehen zu verfolgen waren. Wenn der Schiedsrichter die gelbe Karte zog, also verwarnte, steckte er sie in die Hemdtasche; zog er die rote, in die Gesässtasche. So wussten die Zuschauer, dieser Spieler durfte nicht weiterspielen!
 
Du treulose Tomate.
 
Tomaten wachsen in Italien besonders gut. Daher stammten sie anfänglich auch, wenn sie in Deutschland zu kaufen waren. Italien war der Verbündete Deutschlands sowohl im 1. als auch im 2. Weltkrieg, kündigte aber die Entente, als das Kriegsglück für Deutschland sich wendete, wurde also treulos oder unzuverlässig.
 
Etwas springen lassen.
 
Als es noch kein Papiergeld gab, liess man die Münzen auf den Tisch fallen, wo sie nach oben sprangen. Damit konnte man auch hören, dass sie echt waren. Ob dieser Handel immer grosszügig war? Heute nimmt man es an!
 
Sich selbst etwas einbrocken.
 
Manchem betagten Mitbürger ist die Sitte noch bekannt, die dünne Suppe dadurch löffelbarer zu machen, indem man Brot hinein brockte. Dann musste die Suppe auch ausgelöffelt werden, schliesslich war sie durch diese Person verändert.
 
Aus dem Stegreif.
 
Herolde und Boten, die Nachrichten überbrachten, hatten wenig Zeit, sie stiegen gar nicht erst vom Pferd ab, sondern liessen ihre Füsse im Stegreif, dem Steigbügel, erledigten ihren Auftrag direkt und ohne grosses Tamtam, also Trommeln und ohne viel Federlesens, denn sie reinigten ihre Kleidung nicht von Staub und Federn, und ritten wieder weiter.
 
Blaumachen.
 
Die Färber mussten einen Tag mit der Arbeit aussetzen, nachdem sie die Farbe Blau mit Hilfe der Pflanze Färberwaid
(http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%A4rberwaid) und mit viel Urin hergestellt hatten, denn damit letzteres in Strömen floss, musst auch wassertreibender Alkohol durch die Kehlen fliessen. Und als dann der Stoff aus dem Färberbad kam, war er weiss. Erst wenn der mit Luft reagierte, wurde er blau, das dauerte und in dieser Zeit konnte auch nicht gearbeitet werden!
 
Es geht durch Mark und Bein.
 
Wenn man an die Gebeine denkt, weiss man, dass nicht nur die unteren Extremitäten so heissen, sondern auch das Jochbein, Schienbein, Wadenbein, usw. Ein Schrei erschüttert den ganzen Körper!
 
Eine Schlappe einstecken.
 
Ein Klaps oder ein Hieb, der so richtig schön auf dem gegnerischen Körper landet, hört sich an wie „schlapp“. Manchem Zeitgenossen passiert so eine Niederlage ab und an!
 
Auf Tuchfühlung gehen.
 
Eng nebeneinander in Reih und Glied zu stehen, geht nicht, ohne dass sich die Ärmel der Soldaten berühren. So ist es im übertragenen Sinn auch heute noch, wenn man sich näher kommt.
 
Einen Frosch im Hals haben.
 
Rana“ ist lateinisch „Frosch“, und „Ranula“ ist der medizinische Name für eine Geschwulst. Das könnte man theoretisch haben, wenn der Hals trocken ist und man sich räuspern muss. Wieso die Menschen immer an das Schlimmste denken müssen?
 
Jemandem etwas abknöpfen.
 
Feine Herrschaften trugen früher Jacken und Westen mit Knöpfen aus echtem Gold. Hatten sie einmal keine Taler zur Hand, musste ein Knopf „daranglauben“!
 
Kalte Füsse bekommen.
 
Öffentliche Glücksspiele waren früher verboten, und man traf sich in kalten, ungeheizten Kellerräumen. Wenn das Glück nicht abhold war, schob der Spieler „kalte Füsse“ vor, um ans Tageslicht zu gehen und um „die Reissleine zu ziehen“, also dem Unheil zu entgehen.
 
Eine Sache ausbaden.
 
Für den Jüngsten in der Familie war es ausgesprochen unangenehm, wenn er als Letzter in die Badewanne steigen musste, denn das Wasser darin war schon von der ganzen Familie gebraucht worden, verschmutzt und inzwischen kalt geworden.
 
Ausgepowert ...
 
… bin ich mittlerweile nach so viel Tipperei! Dabei hat dieses Wort gar nichts mit dem englischen „power“, also „Kraft“, zu tun, die mir dabei ausgegangen ist, sondern mit dem französischem „pauvre“, also „arm“, denn wenn man das ist, kostet es viel Anstrengung, um diesem Zustand wieder zu entgehen. Sich aus der Armut (und der Müdigkeit) heraus hochzuarbeiten, kostet Kraft!
 
Den Löffel abgeben ...
 
… werde ich deshalb nicht, denn ich habe keinen mehr, der mir vererbt worden ist. Heutzutage ist er nicht mehr so wertvoll wie früher, jedenfalls für einfache Leute. Ich werde ihn also kurz vor meinem Tod explizit nicht meinen Nachfahren überlassen!
 
 
Quelle
Abdallah, Aiman: „Physik fängt unter der Dusche an“, rororo Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2007.
 
 
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