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BLOG vom 22.12.2014


Zwischen Wachen und Träumen: Engel kam zu Besuch
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Es ist schon verrückt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da habe ich gestern noch den Text über Angelologie abgeschlossen, habe aufgezeigt, dass keine monotheistische Religion ohne ihre Boten auskommt, bin ein bisschen ironisch auf die esoterischen Engel eingegangen, und nun so was.
 
Ich musste mich anfangs noch einmal richtig davon überzeugen, dass diese Bezeichnung für die Engelkunde wirklich dieses „lolo“ mitten im Wort hat, aber ich musste erkennen, dass es das fehlerfrei hat, so wie auch in der englischen Übersetzung, die nur statt des „ie“ am Ende ein „y“ aufweist. „Lolo“ erinnert mich an das niederländische Wort „lol“, in der Bedeutung von „Spass haben“, und das ist es auch im Englischen, denn dort ist es die Abkürzung für „laughing out loud“. Engelkunde macht also Spass, auch wenn mir der Text ziemlich sachlich geraten ist, glaube ich doch nicht an diese Spezies.
 
Aber jetzt ich bin mir dessen nicht mehr so sicher. Engel sind, so habe ich durch meine Recherchen gelernt, männlich oder haben überhaupt kein Geschlecht (und ich habe mich gefragt, wie das denn möglich sei, aber bei Gott sei alles möglich, heisst es), und ausserdem hätten sie Flügel auf dem Rücken. Jetzt zu Weihnachten werden sie wieder gezeigt, als Puppen in den Krippen, die in den Kirchen aufgestellt sind, auf Bildern und Weihnachtskarten. „Man“ weiss also, ob man es mit einem Engel zu tun hat oder nicht!
 
Also jetzt von Anfang an: Ich liege in meinem Bett und weiss nicht, ob ich träume oder wach bin. Es ist jedenfalls nicht mehr ganz dunkel; durchs Fenster kommt ein wenig Licht. Da ist dann dieser Engel; er steht hinter mir, also hinter meinem Kopfende und schaut auf mich herunter. Wie ich das denn sehen könne? Schliesslich habe ich doch wohl auf meinem Haupt keine Augen? Das kann ich erklären. Am Fussende des Betts ist ein Gang, durch den ich zum Bett gelangen kann, aber an der anderen Seite steht der grosse Kleiderschrank und in einer der Türen ist ein Spiegel eingebaut. Ich kann mich also, wenn ich mich ein wenig aufrichte, sehen, wenn ich im Bett bin.
 
Träume ich oder nicht? Meine Gattin, mir angetraut seit über 30 Jahren, liegt neben mir. Ich höre sie nicht schnarchen, aber sie schläft bestimmt dort. Aber sie könnte auch in meinem Traum neben mir liegen. Das beweist gar nichts. Es scheint auch wenig Wind draussen zu wehen, denn wenn er das tut, kann ich von fern die Eisenbahn hören oder auch die Geräusche von der Autobahn. Aber jetzt ist alles mucksmäuschenstill.
 
Ich schliesse die Augen und öffne sie nach ein paar Sekunden wieder. Der Engel ist immer noch da. Er ist blond, aber so ganz kann ich das nicht erkennen. Vollkommen klar sehe ich seine weissen Flügel, wie sie rechts und links hinter seinem Rücken hervorstechen. So eine schöne grosse, weisse Feder oder 2 davon würde ich schon gern haben. Da könnte man einen wunderschönen Kopfschmuck von machen, und damit wäre mein Karnevalsauftritt als Indianer „Weisse Feder“ perfekt.
 
Ebenso sehe ich, dass er (Wieso bin ich mir so sicher, dass es ein „Er“ ist?) ein weisses Gewand trägt. Das erinnert mich an die schönen langen weissen Nachthemden, die auf Bildern aus dem vorletzten Jahrhundert zu sehen sind, und die damals die übliche Nachtbekleidung darstellten.
 
Ein Engel mit Flügeln im weissen Nachthemd? Na gut, es muss nicht unbedingt die Schlafbekleidung sein, Engel tragen so etwas scheinbar immer. Und wo lassen sie die waschen? Ob es bei ihnen eine Waschmaschine gibt und das richtige Waschmittel? Klar doch, dass mir solche belanglosen Fragen einfallen, habe ich doch gestern noch die Bettwäsche auf den Wäscheständer gehängt.
 
Jetzt macht er doch tatsächlich den Mund auf, als ob er etwas sagen will. Da bin ich doch gespannt, welche Sprache er spricht. Die Engel in den Religionen konnten garantiert kein Deutsch, die konnten hebräisch, persisch, altgriechisch oder weiss der Himmel welche Sprache!
 
Ich habe mich getäuscht, er spricht tatsächlich deutsch! Und zwar ein dialektfreies Hochdeutsch, so wie es im Raum Hannover gesprochen wird! Wo er das wohl gelernt hat?
 
„Ich verkünde dir eine Botschaft!“
 
Klar, was denn sonst! Dafür sind die Engel doch da, Botschaften zu verkünden. Das weiss man schon aus der Bibel! Jetzt müsste noch der Spruch kommen: „Wahrlich ich sage dir!“. Aber nein, den unterdrückt er.
 
„Es gibt uns wirklich! Engel sind kein Phantasieprodukt der Menschen. Auch wenn deren Fähigkeit, sich etwas auszudenken, unerschöpflich ist!“
 
Dann schweigt er eine Weile, als ob er mir die Gelegenheit geben wolle, das erst einmal zu schlucken.
 
Soll ich ihn fragen, wie er sein Gewand so weiss bekommt? Lieber nicht, das wäre doch unangemessen, schliesslich hat er seine Rede so pathetisch mit „ich verkünde“ begonnen. Solch ein „Verkünden“ ist was Besonderes und Wäsche waschen nicht!
 
„Ich will, dass du ein neues Blog schreibst und zugibst, dass du dich geirrt hast!“
 
Wieder hält er inne. Interessant, dass für ihn „Blog“ ein Neutrum hat und nicht ein Maskulin. Möglich, erlaubt ist sowohl das eine wie das andere. Und dass er dieses Wort überhaupt kennt! Schliesslich gibt es das noch gar nicht so lange, erst ein paar Jahre. Ein Engel, der auf der Höhe der Zeit ist, alle Achtung!
 
Mir kommt in den Sinn, seine Forderung abzulehnen. Er hat mir gar nicht zu wollen, das ist meine eigene Entscheidung, was ich schreibe!
 
„Du wirst erkennen, dass eine Weigerung zwecklos ist! Du wirst es tun, ob du willst oder nicht!“
 
Verflixt, der kann wohl Gedanken lesen! Oder hat er das an meiner Mimik abgelesen, dass ich nicht gerade begeistert von dem Ansinnen bin?
 
„Und wie soll ich das erläutern? Etwa, dass ich mich getäuscht habe?“ will ich sagen, aber es kommt mir nicht über die Lippen. Braucht es auch nicht, wie ich sogleich höre.
 
„Du schreibst einfach darüber, dass ich dir erschienen bin!“
 
Ich mache mich doch nicht lächerlich! Die müssen doch denken, ich sei meschugge, von allen guten Geistern verlassen! Über die letzte Redewendung muss ich dann doch schmunzeln.
 
„Du bist ganz und gar nicht von guten Geistern verlassen!“, vernehme ich, „auch wenn es dir unwirklich vorkommt. Ich will doch nur dein Bestes.“
 
Vorsicht, dieser Engel kann Gedanken lesen. Wie unterdrücke ich die nur? Das mit „dein Bestes“ ist doch ganz klar eine emotionale Erpressung. Fehlt nur noch, dass er mir sagt, wie viel Aufwand er gehabt habe, um hier in meinem Schlafzimmer zu erscheinen.
 
„Immer noch ungläubig? Auch wenn du nicht Thomas heisst, aber du benimmst dich wie er!“
 
Jetzt kommt er mir auch noch mit der Bibel! Was habe ich mit dem ungläubigen Thomas zu schaffen. Auch wieder so ein Druckmittel. Aber der hat sich ja auch um 180 Grad gedreht. Ob ich jetzt eine Feder aus seinem Flügel zupfen darf, um mich zu überzeugen?
 
„Es reicht doch wohl, dass du mich siehst und ich zu dir spreche“, sagt er.
 
Ertappt! Aber trotzdem, schade um die Feder!
 
„Ich lasse dir freie Hand, wie du es anstellst. Aber ich will in den nächsten Tagen lesen, dass es uns wirklich gibt!“
 
Ich grinse in mich hinein, und ich unterdrücke eine Idee.
 
„Du wirst diese Botschaft verkünden, so wie ich dir diese Botschaft verkündet habe!“
 
Ich nicke.
 
„Und jetzt: Lebe wohl! Es wird nur noch ein paar Jahre dauern, bis ich dich wieder sehe. Du weisst ja schon, dass Menschen nicht ewig leben.“
 
Ich bin noch nicht dement; klar, ist mir das bewusst. Aber er sagt mir voraus, dass ich noch ein paar Jahre zu leben habe. Wie viele er wohl mit „ein paar“ meint?
 
Ich muss wieder eingeschlafen sein. Als ich wieder aufwache, ist es hell, und der Engel ist verschwunden. War er wirklich da oder habe ich nur geträumt? Ich stehe auf, neben meinem rechten Fuss finde ich eine weisse kleine Feder. Ich spinne doch nicht! Die könnte auch aus meinem Kopfkissen stammen! Nein, stimmt gar nicht, das ist mit Schaumstoff gefüllt. Woher ist sie denn?
 
 
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