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BLOG vom 09.11.2014


Französischer Film: „Monsieur Claude und seine Töchter“
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
In einem Text von Mark Twain (18351910) mit dem Titel „Briefe von der Erde“ (1963, Übersetzung von M. Beheim-Schwarzbach, u. a.) beschreibt er ein (fiktives) Experiment.
 
Er sperrte verschiedene Tiere in einen Käfig. Weiter führt er dazu aus: „Als nächstes sperrte ich einen irischen Katholiken aus Tipperary in einen anderen Käfig, und sobald er gezähmt schien, tat ich einen schottischen Presbyterianer aus Aberdeen hinzu. Sodann einen Türken aus Konstantinopel, einen griechischen Christen aus Kreta, einen Armenier, einen Methodisten aus der Wildnis von Arkansas, einen chinesischen Buddhisten und einen Brahmanen aus Benares. Zuletzt dann einen Obersten der Heilsarmee aus Wapping. Dann blieb ich zwei volle Tage weg. Als ich wiederkam, war der Käfig mit den höher entwickelten Tieren in Ordnung, aber in dem anderen fand sich nur noch ein Chaos von zerrissenen Fetzen, Turbanen, Fezen, Tüchern, Knochen und Fleisch – nicht ein einziges Exemplar war mehr am Leben.“
 
Der Autor fiel im fortgeschrittenen Alter einer abgrundtiefen Menschenverachtung und einem die Welt verneinenden Pessimismus anheim, verfügte aber, dass die Texte zu dieser Auffassung posthum erscheinen sollen, also nicht während seines Lebens.
 
Er war am Ende seines Lebens nicht mehr davon überzeugt, dass Menschen verschiedenen Glaubens in toleranter Weise miteinander leben können.
 
Vor einigen Tagen habe ich mir einen Kinofilm angesehen, der aufzeigt, dass es doch Hoffnung gibt.
 
Der Film des Regisseurs Philippe de Chauveron heisst „Monsieur Claude und seine Töchter. Er wird angekündigt als Multikulti-Komödie um ein Paar, dessen vier Töchter alle einen Mann aus anderen Kulturkreisen heiraten. Der französische Titel lautet wie die Frage, die sich die Filmeltern, die gewünscht hätten, ihre Töchter würden „waschechte Franzosen“ heiraten, stellen: „Qu’est-ce qu’on a fait au bon dieu? – Was haben wir dem lieben Gott bloss angetan?“
 
Von einer Komödie erwartet man kein Ende, wie ihn Mark Twain in seinem Text beschreibt, sondern laut Wikipedia „ein Drama mit erheiterndem Handlungsablauf, das in der Regel glücklich endet. Die unterhaltsame Grundstimmung entsteht durch eine übertriebene Darstellung menschlicher Schwächen, die neben der Belustigung des Publikums auch kritische Zwecke haben kann.“
 
Die Idee zu der Geschichte, die der Film erzählt, könnte aus einem Rahmenplan für den Französisch-Unterricht für allgemein bildende Schulen eines deutschen Bundeslandes entnommen worden sein:
 
„Individuum und Gesellschaft:
Parcours de vie dans des pays francophones
(Lebensläufe in frankophonen Ländern).
– Histoires d' amour
(Liebesgeschichten).
–Vivre pour une idée
(Für eine Idee leben).
– Des tournants dans la vie
(Wendepunkte im Leben“).
 
... denn darum dreht sich alles.
 
Ein gut situiertes Ehepaar der oberen Mittelklasse in einem kleinen Ort an der Loire in Frankreich hat vier Töchter. Der Vater („ich bin Gaullist“) ist überzeugter Franzose, die Mutter gläubige Katholikin. Ihr Wunsch war es, dass ihre Töchter einen französischen Mann heiraten und dem Paar Enkelkinder bescheren. Das tun drei der Töchter zwar, aber die Schwiegersöhne mit französischem Pass haben alle drei nicht französische Wurzeln, Rachid ist Muslim, David ist Jude und Chao ist Chinese.
 
Den Töchtern mit ihren Familien geht es finanziell gut, alle drei haben respektable Berufe. So ist Rachid, wie auch sein Schwiegervater, Anwalt. Es gibt auch bereits Enkelkinder. Dennoch ist der Vater nicht zufrieden. Er ist Patriot, und die Mutter möchte, dass der katholische Glaube bei ihren Kindern und Enkelkindern weiterlebt. So richtet sich alle Hoffnung auf die zuletzt verbliebene jüngste noch unverheiratete Tochter.
 
Nach und nach lernt der Zuschauer die Familien der Töchter kennen. Ressentiments bringen sich die Ehemänner alle gegenseitig entgegen. Es erfolgt eine Einladung zur Beschneidung des jüdischen Enkelkinds. Der Grossvater lehnt das als barbarisch ab und bekräftigt es auch, und wider Willen fährt er nach Paris zu den Feierlichkeiten. Aber das ist nun einmal Tradition. Die Kabbeleien der Schwiegersöhne untereinander arten manchmal in kleine Handgreiflichkeiten aus, wenn die Vorurteile gegenüber den Religionen lauthals verkündet werden.
 
Nach der Beschneidung wird dem Grossvater ein Kästchen mit der Vorhaut des Enkels ausgehändigt, traditionell soll es im Garten vergraben werden. Wieder zurück in der Provinz will der Grossvater protestierend dem Wunsch folgen, lässt aber das Kästchen fallen, der Familienhund stürzt darauf zu und frisst die Vorhaut. Demonstrativ nimmt der Grossvater ein Stück Schinken und vergräbt dieses als Ersatz.
 
Das wird so humorvoll dargestellt, dass der ganze Kinosaal lauthals lacht.
 
Zu Weihnachten lädt die Mutter ihre Töchter mit ihren Familien zu sich ein. Sie sieht sie wenig. Sie wohnen in Paris, gehen ihrer Arbeit nach und haben schon manche Vorurteile des Vaters der Töchter anhören müssen. Die Mutter bemüht sich nach Kräften, es allen Recht zu machen und kauft sogar drei Puten, die sie koscher (halal) und chinesisch zubereitet. Die jüngste Tochter Ségolaine verkündet, dass sie heiraten will, und zwar den von den Eltern ersehnten Katholiken. Was sie zunächst verschweigt: Der künftige Ehemann und Schwiegersohn ist schwarz und kommt von der Elfenbeinküste.
 
Als das Geheimnis gelüftet wird, sind zuerst einmal alle Männer, natürlich einschliesslich des Vaters der Töchter, dagegen und sie wollen die Hochzeit verhindern. Die Schwager der jungen Braut spionieren dem künftigen Ehemann nach, ertappen ihn angeblich mit einer anderen Frau. Es stellt sich aber heraus, dass das seine Schwester war.
 
Die Hochzeit wird festgelegt – und zwar auf Wunsch des Vaters des jungen Mannes – im Juli, weil er damit eine schon vorher geplante Reise verbinden kann. Der an der Elfenbeinküste ansässige störrische Vater ist mit dieser Heirat auch nicht einverstanden und verkündet lauthals allerlei Ressentiments und Vorurteile gegen „die Franzosen“, die Afrika ausgebeutet und seine militärische Karriere ruiniert hätten.
 
Die Tage vor der Hochzeit verlaufen turbulent mit Ablehnung und Annäherung, mit Verbrüderung der Väter des jungen Paares mit vielen humorvollen Szenen. Besonders lustig ist die Szene, in der beide für eine Nacht im Gefängnis landen. Am Ende gibt die Tochter auf und will wieder nach Paris zurück. Im Zug, von den Vätern im letzten Augenblick noch erreicht, wird ein Schwächeanfall des künftigen Schwiegervaters simuliert, die eine Notbremsung des TGV zur Folge hat, und im letzten Moment findet dann doch noch die Trauung statt.
 
Der Film ist sehr humorvoll; es wird viel gelacht. Die Probleme mit Migranten, mit Rassismus und Vorurteile werden offen dargestellt, bleiben aber oberflächlich. Eine ernste Auseinandersetzung damit will und kann der Film aber auch nicht leisten. Die „FAZ“ kritisierte das, und der Redakteur bewies dadurch, dass er nicht verstanden hatte, was eine Komödie ist. Was gezeigt wird, ist, dass Migranten in Frankreich trotz unterschiedlicher kultureller Herkunft im französischen Leben fest eingegliedert und wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden und sein können.
 
Mark Twains negative Sicht auf die Welt wird hier nicht bestätigt. Es darf aber nicht vergessen werden, dass wir es mit Fiktion zu tun haben, die zwar durchaus nachvollziehbar gefilmt, aber nicht die Realität ist. Die kommt nur in ein oder zwei kleinen Szenen vor, die den Juristen bei seiner Arbeit als Pflichtverteidiger von Jugendlichen aus der Banlieu zeigt. Auch er, auch kein „echter Franzose“, weiss nicht, was in deren Köpfen vorgeht.
 
Der Film ist ein gelungener Versuch, aufzuzeigen, dass es, entgegen aller Vorurteile, möglich ist, miteinander friedlich auszukommen, wenn Kulturen aufeinander treffen. Vielleicht ist die Vermischung ja die Lösung! „Make love – not war!” Und: „Get married and have children!”
 
Quellen
Aus: Mark Twain: „Briefe von der Erde“ (1963, postum; Übersetzung M. Beheim-Schwarzbach u. a.).
 
downloads/unterricht/Rahmenplaene/Rahmenplaene_allgemeinbildende_Schulen/Franzoesich/kc-franzoesisch-11-12-gym.pdf
 
 
Hinweis auf weitere Film-Besprechungen
12.09.2006: „Volver“ – verzwickter Wunderfilm von Pedro Almodovar
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