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BLOG vom 04.07.2014


Sind Sie „am Lesen“? Einstieg ins Ruhrgebietdeutsch (1)
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
Das Ruhrgebiet, auch einfach „das Revier“ genannt, heisst so, weil dort der Fluss die Ruhr sich seinen Weg bahnt, bevor er in den Rhein mündet. Zu diesem werden eine Reihe von Städten in Nordrhein/Westfalen gezählt, in denen Jahrzehnte lang Kohle gefördert worden ist und wo noch heute unter anderem Stahl erschmolzen wird (Duisburg) und Autos produziert (Bochum) werden.
 
Dort sind Sprachformen, Ausdrücke und Begrifflichkeiten üblich, die in anderen deutschsprachigen Gebieten nicht immer verstanden werden.
 
Ich möchte in 2 Blogs darauf eingehen. Die „Ruhrgebietsprache“ ist kein Dialekt, sondern es ist eine Alltagssprache, in der Begriffe aus dem Jiddischen, Polnischen, Rotwelschen, Holländischen, Plattdeutschen entliehen wurden und auch fachsprachliche Begriffe aus der Seemanns-, Bergmanns- und anderen Berufssparten eingeflossen sind.
 
Es gibt in der Umgangssprache des Deutschen Phänomene, die in Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache selten oder überhaupt keinen Eingang finden. Einerseits ist das auch richtig so, denn es kommt zuerst darauf an, die Grundlagen der deutschen Sprache zu vermitteln, und erst an zweiter Stelle die „Feinheiten“. Andererseits hat schon Martin Luther in seiner Bibelübersetzung darauf Wert gelegt, „dem Volk aufs Maul zu schauen.“
 
Ich möchte heute auf ein Phänomen in der deutschen Sprache eingehen, das zuerst im Ruhrgebiet verstärkt gesprochen worden ist, aber immer mehr Verbreitung gefunden hat, die Verlaufsform.
 
Die Verlaufsform ist allen jenen unter Ihnen ein Begriff, die z. B. die englische Sprache gelernt haben, sie wird im Präsens auch „present progressive“  genannt. Damit wird das „Gerade in Erwartung sein, dass etwas passiert“ dargestellt. Gebildet wird die Form durch das Präsens von „to be“ + der Grundform des Verbs + ing. Ein hübsches Beispiel ist „I am thinking“.
 
In vielen allgemeinen deutschen Grammatikbüchern, wie sie zum Erlernen der Sprache verwendet werden, findet man sie nicht, die „westfälische“ oder „rheinische“ Verlaufsform. In den Duden wurde sie ab 1966 aufgenommen. Gebildet wird sie durch die finite Form von „sein“, durch das Element „am“ und durch den Infinitiv. Die entsprechende deutsche Übersetzung des obigen englischen Satzes lautet also:„Ich bin am Denken.“ (Ich habe die Form gern verulkt, in dem ich noch das Wörtchen „dran“ angehängt habe.)
 
Die Form wird der gesprochenen Sprache zugeordnet und gilt als Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Dadurch wird es möglich, zu sagen, was man in diesem Augenblick tut. Bisher war das durch das lexikalische Mittel „gerade“ möglich: „Ich denke gerade.“
 
Historisch könnte man meinen, dass es einen Vorläufer gab, nämlich die „beim“-Form: „Ich bin beim Essen.“ und die Verlaufsform sich dann in Konkurrenz dazu entwickelt hat.
 
Nach der Darstellung von www.atlas-alltagssprache.de ist die Form im westlichen Bereich Deutschlands und im nordwestlichen Teil der Schweiz „sehr üblich“, wobei die Aussage „Ich bin noch am Schlafen“ häufiger vorkomme als „Ich bin die Uhr am Reparieren“, was für mich auch logisch ist!
 
Als ich „am Recherchieren“ für diesen Text „dran“ war, stiess ich noch auf eine andere Form, die eine Verwandtschaft zur deutschen Verlaufsform hat, den Absentiv.
 
„Absent“ bedeutet bekanntlich „abwesend“, das Subjekt (oft eine Person) der Verbhandlung ist nicht am Ausgangsort, aber es wird erwartet, dass es wiederkommt. Die Form wird durch die Konstruktion „sein“ + Infinitiv gebildet. Das Subjekt muss damit kongruieren, also übereinstimmen. Die Abwesenheit darf nicht durch Wörter wie „weg“ oder etwas Ähnlichem erklärt werden. Die Tätigkeit wird mehr oder weniger regelmässig durchgeführt.
 
Die Aussage antwortet meist auf die Frage: „Wo ist ...?“ bzw. „Was macht ...?“
 
Es wird darin betont, dass die Person nicht anwesend, also an einem fremden Ort ist, die Tätigkeit selbst, die in Abwesenheit stattfindet, von dem aus die Aussage gemacht wird, erst an 2. Stelle steht:
 
„Fritz ist einkaufen.“ – „Mama ist joggen.“ – „Sie ist telefonieren!“ „Fritz ist einkaufen gewesen.“ – „Mama ist joggen gewesen.“ – „Sie ist telefonieren gewesen.“
 
In der „Ich-Form“ könnte die Konstruktion auch verwendet werden, wenn sie beispielsweise am Telefon ausgesprochen wird:
 
„Was machst du?“ – „Ich bin spazieren.“
 
Der Absentiv gibt Aufschluss über den Verbleib einer Person. Er hat sich aus Aussagen entwickelt, die mehr Wörter gebraucht haben:
 
Fritz ist gerade zum Einkaufen gefahren. – Mama ist momentan nicht zu Hause, sie läuft durch den Wald. – Sie war nicht zu Hause gewesen, sie war zum Telefonieren weggefahren.“
 
Genau betrachtet, handelt es sich beim Absentiv auch um eine Verlaufsform, denn beispielsweise bei „sie ist (am) schwimmen“ erkläre ich, dass sie nicht am Ausgangsort sein kann, aber gerade eine Tätigkeit ausführt, die andauert.
 
Bekanntlich ändern sich Sprachen permanent. Es entstehen neue Wörter, Wörter aus anderen Sprachen werden plötzlich heimisch und von der Allgemeinheit benutzt und vieles mehr.
 
Die Verlaufsform in beiden Varianten könnte man als Sprachverarmung ansehen oder auch als Formen, die sprachliche Aussagen komprimieren, die also mit so wenigen Wörtern wie möglich auskommen.
 
Ich am Surfen,“ erläutert der Sohn seinen Eltern, als er ihnen ein Foto zeigt, auf dem eine hohe Welle zu sehen ist, auf dem ein Mann reitet. Ich verbinde bei diesem Satz die deutsche Verlaufsform mit dem Anglizismus „surfen“.  Die Annäherung an die englische Sprache ist offensichtlich.
 
Es gibt ein Ausdrucksbedürfnis für sich über einen längeren Zeitraum erstreckende Handlungen oder Ereignisse, das in vielen Sprachen zu einem Progressiv-Aspekt als grammatischer Kategorie des Verbs geführt hat. Wenn wir im Deutschen eine Handlung oder einen Vorgang, der sich hinzieht, darstellen wollen, haben wir nicht die einfachen Möglichkeiten von Nachbarsprachen wie Englisch (she is/was/has been cooking), in dem auch Komplemente (he is hitting the ball) und das Passiv (it was being cooked) möglich sind. (. .) Der Blick auf andere Sprachen zeigt, dass die Verlaufsformen eine im Formsystem angelegte Möglichkeit nutzen, um eine Progressiv-Funktion als verbale oder nominale Form zu realisieren. Sie sollte allgemein akzeptiert sein“ (Ludwig Hofmann).
 
 
Quellen
Glück, Helmut; Sauer, Wolfgang Werner: „Gegenwartsdeutsch“, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 1997, Seite 60.
Duden. Die Grammatik, 7. völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Dudenverlag: Mannheim/ Leipzig/ Wien/ Zürich 2005, Seite 434.7.
Hoffmann, Ludger: „Darf man Ich bin am Schreiben schreiben? Bereichert die Verlaufsform (der Progressiv) das Deutsche?“, in Konopka, Marek und Schneider, Roman (Hrsg.), „Grammatische Stolpersteine digital“, Festschrift für Bruno Strecker zum 65. Geburtstag, Institut für deutsche Sprache, Mannheim, 2012.
 
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