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BLOG vom 23.04.2014


Lebensbeichte – Fortsetzungsroman aus Nachlässen (3)
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Ich blätterte Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ durch, in dem ich die „Lebensbeichte“ des unbekannten Verfassers gefunden hatte. Ich stiess auf einige Zeilen im Buch, die er unterstrichen hatte. Jetzt fand ich den Bezug zur Macht:
 
.. und ich bin soweit gekommen, dass ich jetzt zuweilen denke, die Liebe bestehe gerade in einem von dem geliebten Wesen freiwillig zugestandenen Recht, es zu beherrschen. Auch in meinen Kellerlochträumen habe ich mir die Liebe nie anders als einen Kampf vorgestellt, habe sie stets mit Hass begonnen und mit moralischer Unterwerfung gekrönt...“ (a.a.O., S. 140).
 
Überraschenderweise wandte sich der Schreiber der „Lebensbeichte“ anderen Bereichen zu, so schien es jedenfalls im ersten Eindruck des Lesens.
 
Blatt 6: „An meinem Arbeitsplatz hatte ich mein erstes Überlegenheitsgefühl über eine Gruppe von Männern, die fast alle älter waren als ich, der ich, besonders in Überstunden und Samstagsschichten ihr Vorgesetzter war. Ich war mit in der Fabrikhalle und zum ersten Mal begab ich mich, wie meine Mitarbeiter, am Ende der Schicht in den Duschraum, in der wir, ganz ungezwungen, alle nackt unter der Dusche standen und uns gegenseitig den Rücken einseiften. Natürlich hatte ich mir immer schon Gedanken darüber gemacht, ob mein Geschlechtsteil eine normale Grösse hatte oder etwa zu klein geraten war. Das konnte ich jetzt überprüfen und stellte fest, dass ich mich im mittleren Bereich befand, ich also ganz normal entwickelt war. Es machte mir nichts aus, mich den Mitarbeitern gegenüber nackt zu zeigen, es ging ganz ungezwungen zu und war allein von der Absicht getragen, sauber zu werden. Auch diese Einsicht stärkte nicht zuletzt mein Selbstvertrauen.
 
In dieser Zeit vollzog sich langsam ein gesellschaftlicher Wechsel im Umgang mit der Sexualität. Tabus bröckelten, die Menschen strömten in Filme wie ‚Das Schweigen’ von Ingmar Bergmann, in der zum ersten Mal eine nackte Frau gezeigt wurde und in die als Aufklärungsfilme deklarierten Streifen von Oswald Kolle. Nicht nur die Filmtheater verdienten viel Geld mit diesen Filmen, sondern auch Gastwirtschaften, in denen auf kleiner Leinwand Filme gezeigt wurden, die dem Softporno zugeordnet werden konnten. Beeindruckt hatte mich damals ein Film, in dem eine nackte Frau in einem gläsernen runden Pokal sich wusch und räkelte. Sie war schlank, hatte grosse Brüste, die sie ausführlich einseifte und drehte sich immer wieder im Glas herum. Die rein männlichen Zuschauer hielten den Atem an oder tranken hastig ihre Biergläser aus. Immer wieder drängte einer der Männer hinaus auf die Toilette, kam nach einiger Zeit mit rotem Kopf wieder heraus, und schaute wieder zu.
 
Als der Film zu Ende war, stand ich neben einem jungen Mann, der mich ansprach. Wir redeten darüber, ob die Darstellerin als hübsch bezeichnet werden konnte, ob sie ihre Rolle gut gespielt hatte. Wir versuchten beide, die ganze Situation als völlig normal und selbstverständlich anzusehen. Wir gaben beide vor, uns daran nicht aufgegeilt, sondern nur neugierig und interessiert hingeschaut zu haben. Der Mann, etwa 10 Jahre älter als ich, sein Name war Egon, war Junggeselle und lud mich in seine kleine Wohnung ein. Ich ging mit, ich hatte den Eindruck, ich könnte bei ihm etwas lernen, er schien mir lebenserfahrener zu sein als andere, die ich kannte. Er sprach von den wenigen Bordellbesuchen, die er hinter sich hatte, und wie er die Prostituierten sah und beurteilte. Bisher schien er noch keine länger andauernde Beziehung zu einer Frau eingegangen zu sein.
 
Egon passte altersmässig nicht zu mir, auch sonst nicht, aber er übte eine bestimmte Anziehungskraft auf mich aus. Ich begann, ihn öfters aufzusuchen und mit ihm abends nach meiner Arbeitszeit meine Freizeit zu verbringen. Er war allein bei seiner Mutter aufgewachsen, die ihn in sehr jungen Jahren, sie war erst 16, geboren hatte. Egon bemerkte, dass sein Grossvater auch sein leiblicher Vater gewesen sei, das hätte seine Mutter ihm kurz vor ihrem Tod erzählt. Das Verhältnis zu Egons Grosseltern, die der Mutter alle Schuld für die Schwangerschaft zugeschoben hatten, führte dazu, dass die beiden, als die Mutter 18 Jahre alt war, in eine eigene Wohnung umzogen. Die Mühsal der jungen Frau schmiedeten Mutter und Sohn eng zusammen.
 
Die Verbindung war so eng, dass es, wie mir Egon eines Tages erzählte, wir waren beim Thema Inzest, zu sexuellen Handlungen zwischen beiden gekommen sein soll. Egon gab an, mit seiner Mutter geschlafen zu haben. Sie habe ihn in die Sexualität ‚eingeweiht’, wie er das nannte. Die Verbindung habe beide nur noch enger aneinander geschmiedet. Als Egon 30 Jahre alt geworden war, starb die Mutter an Krebs. Deshalb wohnte er jetzt allein.
Ich hätte mir nicht vorstellen können, mit meiner Mutter so eine Beziehung eingegangen zu sein. Sie war meine Mutter und die Liebe, die zwischen Mutter und Kind besteht, schliesst so etwas nicht ein. Es gibt eine natürliche Hemmschwelle, und die wurde bei Egon und seiner Mutter übersprungen. Hatten sich beide damit strafbar gemacht? Im Sinne der Gesetze bestimmt, auch wenn aus dieser Verbindung kein Kind entstanden ist.
 
Ich war weder angewidert von dem, was ich von Egon erfuhr, noch abgestossen. Ich schob diese Erkenntnisse über das Leben in die Rubrik ‚Erfahrungen machen’. So einem Menschen, Produkt einer inzestuösen Beziehung, die er in Folge wiederholte, würde ich, so dachte ich, nie wieder in meinem Leben begegnen. Die Berichte zeigten mir bisher unbekannte Tiefen des menschlichen Lebens auf.
 
Was Inzucht bedeuten kann, erfuhr ich durch einen Bericht in einer SPIEGEL-Ausgabe aus dem Jahr 1967 über die Forschungen eines Historikers mit Namen Dr. Werner Maser, der sich mit der Herkunft von Adolf Hitler beschäftigt hatte, und der zu dem Ergebnis gelangt war, Hitler sei ‚das Produkt einer besonders dichten Inzucht’ gewesen. Mit was für einer Person hatte ich es bei Egon zu tun? Was hatte er geerbt?“
*
Damit endete Blatt 6 des Verfassers der „Lebensbeichte“. Die Beschreibung der Beziehung zwischen ihm und seinem „Freund“, was war das? War es reine Neugier, was den jungen Mann dazu trieb, sie aufrecht zu erhalten, war es das Erlebnis des Besonderen, war es Leichtsinn? Oder war es der innere Zwang, die Gelegenheit zu nutzen, etwas über Sexualität in allen Facetten und über Macht zugleich zu erfahren? Was hatte die Herkunft des Menschen mit Faszination, mit Charisma, mit Ausstrahlung, mit der Fähigkeit, andere in seinen Bann zu ziehen, unabhängig davon, ob das Ziel ethisch, moralisch, gerecht, human oder gesetzestreu ist, zu tun? Es ist möglich, dass Machtmenschen besondere Fähigkeiten aufweisen, die andere nicht besitzen. Welche es sind, das trieb die Neugierde des Verfassers an und zog ihn in seinen Bann. Der Verfasser befand sich, so war ich mir sicher, im Netz der Spinne. War er verloren?
 
Fortsetzung folgt.
 
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