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BLOG vom 20.02.2014


Spintisieren – über das Spinnen und die Spinnennetze
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
Spinnen – was lösen diese 7 Buchstaben für Assoziationen aus? Was ist gemeint?
 
Die Verarbeitung von Flachs und Wolle zu Garn am Spinnrad oder maschinell. Mit Chemiefasern aus einer Spinnlösung ein Gespinst herstellen. Die Seidenraupen spinnen sich ein! Der Ausdruck für „verrückt sein“, für eigenartige Gedanken. Die Katze, die schnurrt. Oder die veraltete Form für den Aufenthalt im Gefängnis. Die Tierart und die Angst davor. In der Grammatik ein starkes Verb, unregelmässig: ich spinne, ich spann, ich habe gesponnen, ich spänne.
 
Spinne ich oder lädt das Wort zum Spintisieren ein, also dazu, eigenartigen, wunderlichen, abwegigen (?) Gedanken nachzugehen?
 
Schon mittelhochdeutsch hiess es nicht anders. Alle grossen Naturgötter, die Hulda, die Frigg, die griechischen Schicksalsgöttinnen waren Spinnerinnen. Im Märchen Frau Holle zieht eine Spindel die Mädchen in den Brunnen, bei Dornröschen sticht sich die Prinzessin an der Spindel der Hexe, in Rumpelstilzchen muss das Mädchen Gold spinnen, ein Hirngespinst des Vaters. Und schon Obelix behauptete, sie spinnen, die Römer.
 
Das Spinnennetz! Eine bewundernswerte Konstruktion, stark und flexibel. Das häufigste ist das Radnetz: ein Spannseil, ein Rahmenfaden, eine Speiche, eine Fangspirale und eine Narbe. Klebrige Fäden, die es in sich haben.
 
„Ich staunte über die wie ein Schweizer Uhrwerk präzisen Gelenke, die nähmaschinenartigen Bewegungen, mit denen die Spinnen die Seide aus ihren Spinndrüsen zogen, über die Schönheit und sinnreiche Konstruktion der Netze“( Steven Pinker).
 
Im Gift der Vogelspinne haben Forscher ein hochwirksames Insektizid entdeckt, mit dem man Schädlinge bei Baumwolle und Mais vernichten kann, schreibt der SPIEGEL.
 
Sind denn Spinnen nicht selber Insekten? Sie bilden eine eigene Klasse der Gliederfüssler und haben 8 Beine. Skorpione, Milben, Zecken und Pfeilschwanzkrebse gehören dazu.
 
Regen macht ihnen nichts aus. Der Kinderreim erzählt davon: 
Die winzig kleine Spinne klettert auf das Dach.
Da fällt herab der Regen, die Spinne, die wird nass.
Die Sonne steigt auf und trocknet allen Regen.
Da kann die kleine Spinne sich wieder bewegen.
 
Die winzig kleine Spinne klettert an der Wand.
Da fällt herab der Regen, und sie plumpst in den Sand.
Die Sonne steigt auf. 
Spinnenseide ist, bezogen auf ihr Gewicht, viermal so belastbar wie Stahl, man kann sie bis auf das Dreifache ihrer Länge dehnen, ohne dass sie reisst. Sie ist wasserfest und kann gleichzeitig auch Wasser aufnehmen, ist kleberig und für Jungtiere eine Sicherungsleine zum Abseilen. Ja, sogar ein chemischer Abwehrstoff ist auf den Haltefäden des Netzes aufgebracht, damit die Ameisen nicht die Beute rauben.
 
Vor über einem Jahr habe ich darüber geschrieben, wie wir alle in Netzen verfangen sind: 
Wir leben im Jetzt
Sind alle vernetzt.
Die Spinne wartet am Rand
Ganz entspannt.
 
Netze in jedem Raum
Wabern durch deinen Traum.
Und du bleibst kleben.
So ist das Leben! 
Heute gilt mein Interesse dem Produzenten des Netzes, der Spinne.
 
Viele Menschen haben Angst vor diesem Tier, Arachnophobie heisst die Krankheit.
 
Arachne, die Spinne. Dabei gibt es nur ein paar Spinnen in Europa, die giftig sind, die meisten anderen sind harmlos. Ob die Angst angeboren ist? Möglich ist es, vielleicht auch nicht, denn es gibt Naturvölker, die sie ohne Angst fangen und sogar verspeisen.
 
Es gibt eine Spinnenart, da vibrieren die männlichen Exemplare, damit sie nicht schon vor der Begattung gefressen werden. Je heftiger sie das Netz zum Schwingen bringen, desto mehr Überlebungschancen haben sie. Schwingungen als Balzsignal!
 
Und was macht der maskuline Mensch? Er versucht es mit Schwingungen des Gefühls, damit sie zustimmt und ihn zum Vollzug kommen lässt. Eine Abweisung wäre so etwas wie gefressen zu werden. Der Frust frisst ihn auf.
 
Die Spinne ist ein Raubtier. Die Fliege im Netz hat keine Chance. Ihr Mörder schleicht sich heran, schnappt nach ihr und saugt sie aus.
 
Dabei will die Spinne nichts anderes als fressen und überleben. Die tropische Raubspinne ist eigentlich eine Jagdspinne. Sie baut Fang- und Wohnnetze.
 
Die Schönheit der Spinnennetze entzückt uns. Und wenn die Tautropfen an den Fäden kleben, sind sie nicht bewundernswert schön? Mühelos fängt das Netz die Tropfen auf. Vernichten die Menschen die Netze deshalb, weil sie neidisch auf die architektonischen Fertigkeiten der Spinnen sind? Diese Perfektion erreichen wir nie, die Geschwindigkeit, in der die Spinnen ihre Netze bauen, auch nicht. Spinnennetze sind Baukunst, vollendete Architektur!
 
Und was macht die Spinne, deren Netz zerstört worden ist? Sie baut ein neues, unermüdlich, mit gleicher Hingabe!
 
Genug mit meinen Hirngespinsten, genug spintisiert. Aber ein schöner Zeitvertreib ist es schon, eigenartigen, wunderlichen Gedankengängen nachzuhängen. Versuchen Sie es einmal selbst. Sie werden sich wundern, was so alles aus ihrem vernetzten Gehirn sprudelt!
 
Quellen
Pinker, Steven: „Wie das Denken im Kopf entsteht“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 2011.
 
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