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BLOG vom 01.12.2013


Ideen über „Konsumenschen“: Macht Konsum glücklich?
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein/D
 
Eine Tatsache des Lebens ist, dass alle Menschen ab ihrer Geburt bis zum Tod Konsumenten sind. Wir sind also Konsumenschen. Konsum kommt von lateinisch consumere, und bedeutet „verbrauchen“. Ich verstehe unter Konsum nicht nur den Verbrauch, sondern auch den Gebrauch von Gegenständen, Immobilien usw. Konsum ist in der Regel mit einem Kaufakt verbunden. Konsumenschen sind also Käufer.
 
Ich sage „in der Regel“; denn wenn Sie in den Wald gehen und Pilze oder Beeren zum Verzehr sammeln, sind Sie nur ein halber Konsumensch. Viele Jahrhunderte waren die meisten Menschen Selbstversorger. Sie bauten ihre Lebensmittel zum Eigenverbrauch an, züchteten Tiere und spannen Wolle und Flachs zu Stoffen, nähten ihre Kleidung selbst. Bis es zur Arbeitsteilung kam, zur Spezialisierung, bis hin zum Fliessband. Als Entgelt für die geleistete Arbeit gibt es Geld. Damit kann der Lebensunterhalt (oft mehr schlecht als recht) bestritten werden. Geld zu haben, wird als Glück bezeichnet, denn damit kann der Konsumensch dem nachgehen, was seine Bestimmung ist.
 
Zurzeit ist Vorweihnachtszeit, anders gesagt Konsumzeit. Täglich flattern Angebote ins Haus, was denn alles kaufbar und schenkbar ist. Zu dieser Zeit gibt jeder Konsumensch in Deutschland statistisch 250 Euro mehr als sonst aus, das er in Form von Waren verschenkt. Anlass ist das christliche Fest der Geburt Jesu, und weil Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt hat, um die Menschen zu erlösen, müssen die Konsumenschen auch den Mitmenschen etwas schenken.
 
Da die Konsumenschen gar nicht mehr so religiös sind (jedenfalls in unseren Breiten) und damit sie nicht vergessen, dass sie schenken müssen, weisen alle, die Waren anbieten, schon viele Wochen vor dem Fest darauf hin. Es ist doch sooo schlimm, wenn man den Liebsten nichts schenkt! Keiner will als Geizhals verschrien werden. Und für Kinder ist es doch eine Selbstverständlichkeit, dass sie besonders zu Weihnachten Geschenke bekommen!
 
Da es immer schwieriger wird, zu schenken, wird einfach ein Gutschein gekauft, und der Beschenkte kann selbst entscheiden, was er denn gern haben möchte.
 
Da stellt sich dann die Frage, ob das Beschenktwerden und im Anschluss das Konsumieren des Geschenks glücklich machen. Wenn man nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über sieht, wie die Konsumenschen ihr Geld ausgeben, nicht nur für Geschenke, sondern auch für sich selbst, muss da etwas dran sein. Konsum dient natürlich vorrangig zur Befriedigung der unmittelbaren Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung, Gesundheit und Wohnen. Danach kommen die geistigen Bedürfnisse wie Bildung, Information, usw. und – nicht zu vergessen – die Zerstreuung und das Vergnügen.
 
Für eine Art der Grundbedürfnisse ist kein Konsum erforderlich, für die Sozialbeziehungen in der Familie, bei Freundschaft und im Bekanntenkreis. Das Gespräch, der persönliche Austausch, Zärtlichkeiten müssen nicht gekauft werden. Das Wirtschaftssystem hat auch dafür Konsumangebote geschaffen. Dennoch: Ein Kuss für den Liebsten, ein Gespräch mit der Nachbarin, ein Austausch unter Freunden kosten erst einmal nichts.
 
Trotzdem: Geld ausgeben befriedigt viele Menschen; alle streben danach, so viel wie möglich davon zu bekommen. Ungleiche Einkommen werden als ungerecht angesehen, verschaffen sie doch dem Bessergestellten mehr Konsummöglichkeiten.
 
„Ich will das aber haben!“ nörgelt schon der 2-Jährige. Und was passiert, wenn er es bekommt? Er spielt eine halbe Stunde damit und dann liegt es herum. Er hat es bekommen, im Moment des Beschenktwerdens gab es ein kleines Glücksgefühl, das aber schnell verebbte.
 
Der Konsumensch will sich mit dem Erworbenen vom Mitmenschen abheben. Ein hübsches Beispiel ist das Auto vor der Tür. Vielleicht hat sich das in der heutigen Zeit verändert, schliesslich weiss niemand mehr, ob das Gefährt gekauft, geleast, ein Firmenwagen oder durch Schulden finanziert worden ist, aber es erfüllt den Besitzer mit Stolz, denn sein Fahrzeug ist grösser, schneller, attraktiver als das des Nachbarn. Nicht nur mit Stolz, sondern es ist auch mit einem erhöhten Selbstwertgefühl verbunden. Ich kann der Aussenwelt zeigen, dass ich etwas im Leben erreicht habe! Und der „Erhöhte“ kann auf die anderen herunter schauen, besonders auf diejenigen, die nur ein mickriges oder gar kein Gefährt fahren, keine Wohnstatt sein Eigen nennen können, keine Markenkleidung tragen.
 
Man könnte meinen, wer sich sein Selbstwertgefühl durch Konsum schafft, hat es nötig, denn er hat keins oder nur ein unterentwickeltes aus sich heraus. Tun wir ihm oder ihr nicht Unrecht damit? Was wäre, wenn es nicht so wäre? Eine Wirtschaft ist darauf angewiesen, die produzierten Waren und Dienstleistungen verkaufen zu können. Wenn sie das nicht kann, müssen Mitarbeiter entlassen werden. Es entsteht also Arbeitslosigkeit, verbunden mit weniger Konsummöglichkeiten.
 
Deshalb weisen unsere Politiker einträchtig mit der Wirtschafts- und Finanzwelt immer wieder darauf hin, dass der Konsum „angekurbelt“ werden muss. Arbeitslosigkeit, Einkommensrückgang, Armut fällt nämlich auf die Politiker zurück, sie und die Arbeitgeber machen etwas falsch!
 
Der Produktionsprozess ist immer effektiver und immer schneller geworden. Das Angebot an Waren ist immens, der Kosumensch kommt immer häufiger in Entscheidungsnot, was und bei wem er kaufen soll. Waren aller Art werden importiert und exportiert. Es wird gesagt, Deutschland „lebe“ vom Export, die Binnennachfrage, also der Konsum im Land selbst reiche nicht aus, um den Lebensstandard zu sichern, und der misst sich wiederum an der Möglichkeit, zu konsumieren.
 
Das kapitalistische System hat sich in vieler Hinsicht vorteilhaft entwickelt. Auch bei geringem Einkommen muss niemand mehr hungern; die Grundbedürfnisse können befriedigt werden. „Entwickelt“ heisst hier, wirtschaftlich „auf der Höhe“ zu sein. Die Entwicklung der Wirtschaft in vielen bislang weniger entwickelten Ländern hat es gezeigt. Auch dort wird weniger gehungert. Viele Menschen haben die Möglichkeit, mehr Konsumenschen zu sein.
 
Immer öfters werden aber auch Fragen gestellt: Der Zusammenhang zwischen Umweltfragen aller Art und Konsum ist die eine, die Ausbeutung von Menschen die andere. Es ist zu fragen, ob der Konsumensch wirklich glücklich ist. Ist weniger nicht manchmal mehr?
 
Nur: Was Glück ist, muss jeder mit sich selbst ausmachen!
 
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