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BLOG vom 24.03.2005


Flausen: Fragmente aus dem Lebensfrühling

Autor: Emil Baschnonga

Was ging mir damals nicht alles durch den Kopf, wie ich als Zwanzigjähriger geduldig „Das schöpferische Klima“ schrieb – meine Abhandlung zum Thema der Kreativität. Diesen Text von 211 Seiten, säuberlich in einem Ringbuch aufbewahrt, habe ich heute aus einer Schublade geklaubt und darin wahllos geblättert.

Dabei bin ich auf das Wort „Flause“ (lustiger Einfall, Nonsens, Spinnerei) gestossen. Ich hatte „Flausen wie Läuse“ (nehmen Sie bitte diesen Vergleich nicht allzu wörtlich!). Kein Läusekamm kam meinen Flausen bei. Selbst heute nicht! Zum Glück. Aber das wusste ich damals noch nicht, und ich bedauerte mich, weil ich etwas „anders gewickelt“ war.

Ich lese und werde in den Frühling meines Lebens zurück versetzt. Hier sind einige Stellen, auszugsweise und fragmentarisch – hoffentlich „blog-gerecht“ − aufgetischt:

„Die Tücken dieser Welt, von denen das Kind noch wenig weiss, werden ihm eine nach der andern aufgedeckt. Ermahnt wird es mit Ratschlägen, eindrücklich gewarnt vor den schlimmen Folgen, sie in den Wind zu schlagen, mit aus Märchenbüchern entliehenen Schreckensbildern. Kurzum, das Kind wird aufgeklärt, wie es sich konform oder ‚comme il faut’ zu verhalten habe.

Anders ausgedrückt, könnte auch gesagt werden, dass sich konformgemässe Intelligenz immer an praktische Belange klammert. Daneben aber gibt es eine Intelligenz, die sich nicht an praktischen Dingen wundscheuern will, eine Intelligenz im Phantasiebereich. Dort haust sie und bewirkt ein Jonglierspiel mit wunderlichen Gedankeninhalten – an der Scheidelinie zwischen Traum und Wirklichkeit. Wem solches widerfährt, der ist zu bedauern. Die Geschäfte des Tages nähren das Hirn nicht ausreichend.

Eng mit der Phantasie verknüpft, entwickelt sich im Kind eine Flause. Eine Flause? Sie wird ihm ausgetrieben! Wie oft und leicht wird einer Flause wegen der Anschluss ans rechtschaffene (klein)bürgerliche Leben verpasst! Auch zeitigt sie allemal wieder schlechte Schulzensuren . . . Wehe, wenn sie Wurzel treibt und zum Ausdruck eigenwilligen Verhaltens wird! Die bodenständigen Erzieher hassen sie. Flausen sind ansteckend und versauen ihren Lehrplan.

Flausen (nicht mit Schrullen zu verwechseln) verleiten zur eigenen Denkarbeit. Sie bilden durchaus ernstzunehmende Ansätze zum schöpferischen Tun. Manchmal endet mitten in der Kunst, was mit einer Flause begann. Eine Flause – und das ist das gefährlichste – sondert das Individuum von der Menge ab.

Zur Flause zurückgekehrt, ist sie nichts anderes als eine den Geist vorbereitende Gedankenleiter zu derlei Kraftakten (das will sagen: der Weg zu eigenen Lebensinhalten, die über den reinen Zweckgedanken hinweg reichen).

Die besten Erzieher sind jene, die den Kniff kennen, wie diese latente Kraft im Kind geschürt werden kann. Dabei wird etwa die kindliche Neugier angepeilt, der vorzügliche Quellboden. Auf diese Art werden der Forschungstrieb gestärkt und das Kunstempfinden erweckt.“

Sind Flausen Unarten? Ganz und gar nicht! Köstlich von Boutet de Monvel illustriert und vom Onkel Eugen im Kinderbuch „La Civilité“ („Die Höflichkeit“) vor 100 Jahren erklärt, bereitet das brave Kind seinen Eltern viel Freude. Es pflegt seine Flausen ganz für sich allein, was eigentlich niemand stören sollte. Dank ihnen blieb ich eigentlich ganz brav und anständig.

Jetzt bricht der Frühling ins Land, und mein Kopf ist voller Flausen, die viel Schreiblust entfachen – eben wie damals die Flause „Das schöpferische Klima“.

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