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BLOG vom 15.02.2013


Winterbesuch in Budapest (1): Historismus und Historien
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Ein Städtebesuch ist kein Urlaub im eigentlichen Sinne. Städte wollen erwandert werden. Städte wollen erkundet werden. Ein Städtebesuch bedeutet, Sehenswürdigkeiten und Museen zu besichtigen. Hauptstädte bieten oft viele davon.
 
Die Hauptstädte der ehemaligen Ostblockländer waren von uns – mit Ausnahme von Kiew – noch nicht in der engeren Auswahl der Städte, „die man gesehen haben muss“.
 
Jetzt aber ergab sich die Gelegenheit, Budapest zu besuchen (3 Übernachtungen).
 
Das Flugzeug landete bereits am Vormittag. Es war ein Direktflug von Düsseldorf D aus. Die Fahrt vom Flugplatz bis zu unserem Hotel, das nur 2 km von der Innenstadt von Pest entfernt liegt, war nicht lang. So ergaben sich 3 volle Besuchstage.
 
Der Name Budapest ist zusammengesetzt aus den Stadtteilen Buda und Óbuda, auf der Südseite der Donau gelegen, und Pest (die Budapester sagen „Pescht“) auf der Nordseite. Übrigens eine Seltenheit: Mir ist kein anderer Ortsname bekannt, in dem 2 oder 3 Stadtteile in einen einzigen Namen verflochten sind. Die Donau bildet eine geografische Grenze, auf der Südseite die Budaer Berge, auf der Nordseite das flache Pest.
 
Jahrhunderte lang war Buda die Hauptstadt von Ungarn; erst 1872/73 vereinte man Buda (auf deutsch „Ofen“), Óbuda und Pest. Beide Stadtteile haben eine wechselhafte Geschichte und eine fortlaufende Besiedelung seit 12 000 Jahren, die Skythen, Kelten, Römer, Hunnen, Tataren, Langobarden, Ostgoten, Heruler und schliesslich die Türken, Illyrer, Serben, Griechen und Armenier besetzten und besiedelten das Land und die Stadt. Anziehungspunkt waren die strategische Lage als Knotenpunkt der Handels- und Verkehrswege nach Osteuropa, Byzanz und Palästina und die Thermalquellen. Immer wieder wurde die Stadt zerstört oder dem Erdboden gleichgemacht. In der k. u. k.-Monarchie Österreich-Ungarn wuchs die Stadt rasant und um das Jahr 1900 entstanden grossbürgerliche Villen und Häuser, breite Strassen, und ab 1896 sogar die erste Untergrundbahn in Europa. 1918 war es zu Ende mit der Donaumonarchie – Budapest war bereits zu jener Zeit die Hauptstadt Ungarns, eines damals wirtschaftlich eher rückständigen Lands. 1945 glich die Stadt einem Trümmerhaufen; die Brücken waren von den abziehenden deutschen Truppen zerstört worden.
 
Pest ist jetzt der bedeutendere Teil der Stadt. Die Herrenhäuser und Villen sind ebenso wieder aufgebaut wie die angeblich zweitgrösste jüdische Synagoge der Welt. Dennoch: Fast alle historischen Bauwerke sind nicht älter als 150 Jahre. Historismus prägt den Baustil der Stadt; dazwischen gibt es einige sehenswerte Gebäude im Jugendstil. Das monumentale Parlament wurde dem britischen nachempfunden. Die Synagoge ist sehenswert.
 
Nach dem Ende des Sozialismus wurde viel gebaut, und alle westlichen Geschäfte findet man auch hier: Ikea, Lidl, Aldi, Spar, Tesco, Obi und die internationalen Modegeschäfte, um nur einige zu nennen. Dazwischen ab und zu ein paar kleine unscheinbare Läden, die Folklore und Touristenartikel anbieten; der Stil ist nicht viel anders als in anderen östlichen Ländern.
 
Obwohl zur Europäischen Union gehörend, hat Ungarn noch seine eigene Währung, den Forint. Die Preise sind aber mit denen in westlichen Euro-Ländern vergleichbar.
 
Die Budapester, mit denen wir Kontakt hatten, sprachen deutsch oder englisch, auf Nachfrage erfuhr ich, dass sie allerdings englisch bevorzugen. Wir stellten fest, dass die ungarische Sprache, ein finno-ugrischer Zweig der uralischen Sprachenfamilie, also nicht indogermanisch, für uns völlig unverständlich war. Auch schriftlich an Häusern und Läden war aus den Wörtern nur selten etwas herauszulesen.
 
Als jemand, der schon viele Haupt- und grössere Städte gesehen hat und natürlich vergleicht, reizen mich Gebäude aus dem Historismus, hier „eklektischer Stil“ genannt, nicht besonders. Im Winter ist Budapest nicht sehr anziehend, vor allem, wenn es schneit. Es gibt zur kalten Jahreszeit keine Terrassen, auf denen Budapester und Touristen ihren Kaffee trinken und Kuchen und Törtchen essen können, z. B. die mit Äpfel, Sauerkirschen, Nüssen oder mit Mohnsamen und mit Quark gefüllten kleinen Kuchenhäppchen, ein Überbleibsel aus der Habsburgerzeit, oder die Dobostorta, eine nach dem Erfinder Dobos genannten Torte, bestehend aus mehreren Teigplatten mit einer Füllung aus Creme, Zucker, Schokolade und Vanille, bestreut mit Karamellzucker. Natürlich kann man sie in den vielen Cafés geniessen, so auch in dem im Jugendstil gehaltenen Nobelcafé Hungaria. Eine Rundfahrt auf der Donau ist im Winter nicht erstrebenswert.
 
Ein Spaziergang über die Kettenbrücke führt nach Buda, dort kann man mit einer alten Zahnradbahn in ein paar Minuten auf den Berg fahren. Auf dem Burghügel beobachteten wir vor dem ehemaligen Verteidigungsministerium einen Wache-Wechsel der jeweils zu zweit vor 2 Toren stehenden Soldaten, eine Zeremonie mit Trommlern und Militärschritt, die nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen Touristen eher ein hintergründiges Grinsen hervorrief und ein wenig lächerlich wirkte. Die Matthias-Kirche, auch sie in den Jahrhunderten viele Male zerstört und spät- und neugotisch wieder aufgebaut, ist besonders wegen des Daches hübsch anzusehen und bekannt durch den Film um Sissi, der Kaiserin Elizabeth und Gemahlin von Franz-Josef; dort wurde sie 1867 gekrönt. Vom Berg hinab nach Norden hin hat man über die Donau hinweg einen schönen Blick auf Pest und die grossen Bauwerke.
 
Wer Thermalbaden mag, kann dies in mehreren Bädern tun, zum Beispiel stilvoll in dem im Jugendstil gestalteten Gellertbad. Opernhaus und Theater zeigen gute kulturelle Angebote, es gab u. a. „Don Giovanni“ von Mozart. Kunstinteressierte finden in einigen Museen Sehenswertes. Darüber berichte ich im Teil 2.
*
Wahrscheinlich weil das Flugzeug auf der Direktroute nach Düsseldorf ausgebucht war, mussten wir einen Umweg über Zürich machen. Mit der „swiss“ zu fliegen, war sehr angenehm, der Blick über die schneebedeckten Berge der Alpen beeindruckend.
 
Hinweis auf ein Blog mit Bezug zur ungarischen Küche
29.06.2005: Wachau-Urlaub (III): Mohr im Hemd, Besoffener Wachauer
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