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BLOG vom 23.01.2013


Wie man einen Doktortitel bekommt (und auch behält)
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Von den Gebrüdern Grimm gibt es ein Märchen, in dem erzählt wird, wie schnell man in alten Zeiten „ein Doktor“ werden konnte. Ob das Tragen des Titels durch den Bauern einen Strafbestand darstellt, möchte ich untersuchen.
 
Doktor Allwissend
Es war einmal ein armer Bauer. Sein Name war Krebs. Er fuhr mit seinem Ochsenkarren Brennholz in die Stadt und verkaufte es an einen Doktor. Während der Doktor zu Tisch sass und ass und trank, bezahlte er den Bauern. Der Bauer dachte, er möchte auch gern ein Doktor sein. Nach einer Weile fragte er den Doktor, ob er nicht auch ein Doktor werden könne.
 
„O ja“, sagte der Doktor, „das geht ohne Probleme!“ ‒ „Was muss ich tun?“, fragte der Bauer. „Erstens kaufe dir ein Abc-Buch, so eins, wo auf den ersten Seiten ein Hahn abgebildet ist. Zweitens verkaufe deinen Ochsen und deinen Karren und kaufe dir von dem Geld Kleider und was ein Doktor sonst noch benötigt. Drittens lasse dir ein Schild malen mit den Worten: ‚Ich bin der Doktor Allwissend’ und lasse dir das Schild oben über deine Haustür nageln.“
 
Der Bauer tat alles, wie es ihm gesagt worden war. Am Anfang klappte es noch nicht so gut. Eines Tages wurde einem reichen Adeligen Geld gestohlen. Der hörte von Doktor Allwissend. Der weiss sicher, wo das Geld hingekommen sei, dachte er. Der Adelige fuhr ins Dorf und fragte bei ihm an, ob er der Doktor Allwissend sei. Dieser bejahte das. Der Reiche forderte ihn auf, mitzugehen und das Geld wieder zu beschaffen. Der Bauer bestand darauf, dass seine Frau auch mitkommen soll.
 
Als sie auf dem adeligen Hof ankamen, war der Tisch gedeckt. Der Bauer und seine Frau wurden aufgefordert, mitzuessen. Als der erste Diener mit einer Schüssel schönem Essen kam, stiess der Bauer seine Frau an und sagte: „Grete, das war der erste.“ Er wollte damit sagen, das sei der erste Gang. Der erste Diener aber meinte, er wollte damit sagen: „Das ist der erste Dieb“, und weil er es wirklich war, bekam er Angst, und er sagte draussen zu seinen Kameraden: „Der Doktor weiss alles, es wird uns schlecht ergehen! Er hat gesagt, ich sei der erste.“
 
Der zweite Diener wollte gar nicht hinein, aber er musste doch. Als er nun mit seiner Schüssel hereinkam, stiess der Bauer seine Frau an: „Grete, das ist der zweite.“ Der zweite Diener bekam ebenfalls Angst, und er machte, dass er hinauskam. Dem dritten Diener erging es nicht besser, der Bauer sagte wieder: „Grete, das ist der dritte.“ Der vierte Diener musste eine verdeckte Schüssel hineintragen, und der Adelige sprach zum Doktor, er solle seine Kunst zeigen und raten, was darunter läge; es waren Krebse. Der Bauer sah die Schüssel an, wusste nicht, wie er sich helfen sollte, und sagte: „Ach, ich armer Krebs.“ Als der Adelige das hörte, rief er: „Da, er weiss es, nun weiss er auch, wer das Geld hat.“
 
Der Diener bekam es mit der Angst zu tun, und er blinzelte den Doktor an, er möchte einmal herauskommen. Als er nach draussen ging, gestanden ihm alle vier Diener, sie hätten das Geld gestohlen: sie wollten es gern wieder zurückgeben und ihm eine Belohnung dazu, wenn er sie nicht verraten würde; sie hätten sonst eine schwere Strafe zu erwarten. Sie führten ihn dorthin, wo das Geld versteckt lag.
 
Der Doktor war zufrieden, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und sprach: „Herr, ich will in meinem Buch suchen, wo das Geld steckt.“
 
Der fünfte Diener versteckte sich im Esszimmer und wollte hören, ob der Doktor noch mehr weiss. Der Bauer schlug sein Abc-Buch auf und suchte das Bild von dem Hahn darin. Weil er es nicht sofort finden konnte, sagte er: „Du bist doch drin und musst auch heraus.“ Da glaubte der fünfte Diener, er wäre gemeint, kam hervor und sagte: „Der Mann weiss alles!“
 
Der Bauer Doktor Allwissend zeigte dem Adeligen, wo das Geld lag, sagte aber nicht, wer es gestohlen hatte, bekam von allen Seiten viel Geld zur Belohnung und wurde ein berühmter Mann.
 
So einfach wird es einem Doktoranden heutzutage nicht mehr gemacht. Er muss sich in seinem Gebiet auskennen, aber auch die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens beherrschen, als da sind:
 
1. Recherchieren: das Thema finden und eingrenzen.
2. Mit Quellen arbeiten: in und aus Print- und elektronischen Medien bibliographieren, exzerpieren, paraphrasieren, zitieren.
3. Editieren und redigieren;
4. Erstellen eines Literaturverzeichnisses.
 
Wie unschwer zu erkennen ist, gehört es auch zum Blog-Schreiben, wie es meine Blogger-Kollegen und ich verstehen, wissenschaftliche Techniken anzuwenden.
 
Plagieren gehört nicht dazu! Obwohl das eine alte Technik ist. Ein Plagiat (das Wort kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutet „Menschenraub“!) liegt vor, wenn geistiges Eigentum ohne Erlaubnis oder Kennzeichnung als eigenes Gedankengut übernommen wird.
 
Vor mir liegt ein 770 Seiten dickes Taschenbuch mit dem Titel „Epigramme“ und dem Untertitel „Von Dirnen, Gaunern, Gladiatoren“ von Martial, einem römischen Dichter, geboren im Jahre 40 n. u. Z. Es sind Verse darin, eingeteilt in das „Buch der Schauspiele“ und in die nummerierten „Bücher“ 1‒14. Der Autor setzte seine Bücher „freigelassenen Sklaven“ gleich. Der Autor hat vom Vortragen dieser Verse gelebt und warf seinem Dichterkollegen Fidentinus (ironisch zu verstehender Name, in Anlehnung an „fides“ – „Treue“) vor, Verse von ihm als seine eigenen auszugeben und beschimpfte ihn als „plagiarius“, also „Menschenräuber“.
 
So schreibt er im Vers 1.53 „Überführter Plagiator“: 
Bloss ein Blatt in meinem Büchlein
ist das deine, Fidentin;
denn ganz deutlich ist die Dichtart
seines Herrn darin zu sehen.
Das bestätigt unverhohlen:
Dies Gedichtbuch ist gestohlen … 
... und am Ende des Verses steht: 
Keinen Kläger, keinen Richter
braucht dies Büchlein, das ich schrieb.
Deine Seite steht dagegen,
und sie spricht: ‚Du bist ein Dieb!’“ 
Das Thema ist, auch nach fast 2000 Jahren, immer noch aktuell. Noch vor ein paar Tagen, am 17.01.2013, stand in der Rheinischen Post ein Interview mit Klaus Ferdinand Gärditz, dem Bonner Jura-Professor, der die Aufgabe hat, den Ablauf des bisherigen Verfahrens zu den Plagiatsvorwürfen (nicht diese selbst!) an die Bildungsministerin Annette Schavan zu überprüfen. Er stellt fest: „...das Verfahren (wird) mit der gebotenen Objektivität, Nüchternheit und Sachlichkeit in pflichtgemässem Ermessen und ohne Ansehung der Person durch(ge-)führt.“ Wir können auf den abschliessenden Bericht gespannt sein!
 
Frau Schavan hat ihre Doktorarbeit vor mehr als 32 Jahren eingereicht. Die meisten der oben genannten Techniken muss auch sie dabei angewandt haben. Heutzutage dürfte das Erkennen von Plagiaten leichter sein als damals, gibt es doch eine Reihe von Softwareprogrammen, die angeblich Plagiate erkennen. Allerdings raten Experten von solchen Programmen ab, weil sie angeblich nicht zwischen Zitaten und Plagiaten unterscheiden könnten.
 
Wird ein Träger eines Doktortitels allerdings zweifelsfrei überführt, kann das zur Aberkennung des Titels führen.
 
Wikipedia berichtet in seinem ausführlichen Artikel zum Thema nicht nur darüber, sondern auch über andere Plagiatoren. Der Religionsstifter der Mormonen, Joseph Smith, habe im Buch Mormon aus dem Matthäus-Evangelium abgeschrieben, Smith selbst bestand darauf, dass sein Werk eine direkte Offenbarung Gottes gewesen sei. Auch Bertolt Brecht habe in der Dreigroschenoper Verse von François Villon benutzt.
 
In der Wissenschaft sind die Fälle von Friedrich Wilhelm Prinz von Preussen, Putin, Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und anderen bekannt geworden. Zuletzt trat der ungarische Staatspräsident Pál Schmitt von seinem Amt zurück, nachdem ihm der Doktortitel aberkannt wurde.
 
Kommen wir zurück auf den Doktor Allwissend. Im europäischen Raum ist die Bezeichnung „Doktor“ höchst unterschiedlich geregelt. So ist beispielsweise in der Schweiz der Schutz akademischer Grade auf Bundesebene nicht genau festgelegt, wenngleich das Führen eines falschen Doktortitels in einigen Kantonen verboten ist. In den Niederlanden gibt es den „Doktorandus, Drs.“, der aussagt, dass vom Träger eine anschliessende Promotion erwartet wurde. So gibt es viele, die sich so bezeichnen, aber im Grunde nie promovieren. Inzwischen hat man in den Niederlanden, wie auch in Deutschland, auf das Bachelor- und Master-Studium umgestellt. Allerdings wird im Allgemeinen jeder Mediziner „Doktor“ genannt, egal ob er den Titel erworben hat oder nicht. Üblich ist das übrigens auch in Deutschland, auch wenn der Mediziner diesen Titel nicht führt.
 
So ist schwierig zu beurteilen, ob unser Märchen-Doktor sich eines Betrugs schuldig gemacht hat oder nicht. Zur Entstehungszeit des Märchens war der Titel höchstwahrscheinlich nicht so genau definiert wie heute! Allerdings gehört damals wie heute ein Quäntchen Glück dazu, auch dann den Titel nicht aberkannt zu bekommen, wenn man ihn nicht auf ehrliche Weise erworben hat.
 
Quellen
Rheinische Post, 17.Januar 2013, A 4: „Vorwürfe gegen Uni Düsseldorf sind haltlos“.
Martial, Epigramme, Insel Verlag Frankfurt 2000, S. 47.
 
Hinweis auf einen weiteren Textatelier.com-Artikel zum Thema „Plagiat“
 
 
 
 
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