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BLOG vom 17.01.2013


Gedanken über Toleranz, Intoleranz, Duldung und Dogmen
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Die meisten von uns, ich eingeschlossen, halten sich für tolerant! Das ist schon möglich. Ich behaupte: Die meisten von uns, ich eingeschlossen, sind auch intolerant! Sie weisen das von sich? Sie sagen, Sie seien höchstens intolerant gegen Gewalt, Diskriminierung, Fundamentalismus und Rassismus? Toleranz wie Intoleranz sind Fragen der Definition.
 
Toleranz bzw. das Verb tolerieren ist aus dem Lateinischen tolerare entlehnt, das erdulden bedeutet. Die heutige Bedeutung geht darüber hinaus, Toleranz bedeutet das Gewährenlassen und Geltenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Die Steigerungsform der Toleranz ist die Akzeptanz. So schrieb Johann Wolfgang von Goethe: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heisst beleidigen“ („Maximen und Reflektionen“, Spruchsammlung).
 
Umberto Eco vertritt die Ansicht, dass Intoleranz gegenüber dem Andersartigen oder dem Unbekannten ein angeborener Instinkt sei, beim Tier äussere sie sich als Kampf ums Territorium, und sie gründe sich auf gefühlsmässige, oft oberflächliche Reaktionen. In diesem Verständnis komme sie vor dem, was als gerechtfertigte Intoleranz angesehen werde. Denn Fundamentalismus, Rassismus und Diskriminierung setzten eine Doktrin voraus, sei sie religiös, politisch oder sonst wie.
 
Al-Kaida, Nationalsozialisten, Stalinisten oder die Roten Khmer in Kambodscha handeln oder handelten unmenschlich, weil sie von ihrer Doktrin überzeugt sind oder waren. Sie sind der Ansicht, dass ihr Handeln der Allgemeinheit dient, so wie es die monotheistischen Religionen mit Wahrheitsansprüchen auch getan haben (man denke an die Inquisition!) und noch immer tun, beispielsweise in der Haltung der katholischen Kirche gegenüber der Homosexualität.
 
Umberto Eco: „Die Intellektuellen können gegen die rohe Intoleranz nichts ausrichten, denn vor dem rein Animalischen, das kein Denken kennt, ist das Denken wehrlos. Und wenn sie gegen die doktrinale Intoleranz kämpfen, ist es zu spät, denn sobald Intoleranz zur Doktrin gerinnt, ist sie nicht mehr zu besiegen …“ Und er schreibt weiter: „Die rohe Intoleranz muss an der Wurzel bekämpft werden, durch eine permanente Erziehung, die im zartesten Alter beginnt … und bevor sie eine zu dicke und harte Verhaltenskruste wird.“
 
Ich bin direkt nach dem Krieg in den 1950er-Jahren in die Schule gegangen. Ich entstamme einer gut katholischen Familie, wurde also in eine katholische Schule geschickt. Das Schulgebäude beherbergte rechts die evangelische Schule und links die katholische Schule. Der Pausenplatz war durch einen Zaun getrennt. Wir durften nicht gemeinsam spielen. Wir lernten, die andere Konfession sei die falsche, nur unsere sei wahr. Wir lernten, die Kinder der anderen Konfession seien dadurch mit einem Makel behaftet. Ebenso verhielte es sich mit den Juden, denn die hatten Jesus ans Kreuz geschlagen. Über andere Religionen hörten wir nur am Rande, eigentlich gab es sie gar nicht. Es gab Schlägereien der katholischen gegen die evangelische Seite, unter anderem aus Gründen gegenseitiger Beleidigungen.
 
Meiner Meinung nach sind die beiden Konfessionen aus dem Status der gegenseitigen Duldung immer noch nicht herausgekommen. Ökumenische Annäherungen sind mehr oder weniger an Dogmen gescheitert.
 
Günther Anders argumentiert, dass die meisten Menschen kaum aus freien Stücken einer Religion angehören, sondern weil sie da hineingeboren sind, die Zugehörigkeit also ein Stück Unfreiheit bedeutet. Unmündige Kinder in die Unfreiheit zu zwingen und vorzuschreiben, was sie zu glauben oder nicht zu glauben, zu verehren oder zu verabscheuen, zu tun oder zu unterlassen haben, bedeutet Intoleranz. Natürlich können diese Kinder ab einem bestimmten Alter die Kirche verlassen, aber nur, wenn sie es in Deutschland auf sich nehmen, zum Standesamt zu gehen. Wenn sie das nicht tun, wird ihnen ab dem ersten Arbeitsverhältnis auch noch die Kirchensteuer einbehalten. Und für die Kirche sind sie lebenslänglich getaufte Christen. Das ist Unfreiheit, nicht Toleranz.
 
Dass eine Religion auch tolerant gegenüber anderen sein kann, habe ich bei Hindus erlebt. Jesus wird einfach in die Vielzahl der Götter eingereiht.
 
Toleranz ist eng mit den Begriffen Verstand, Denken, Vernunft, Selbstkritik verbunden. Der Verstand sagt mir, dass meine eigene Meinung fehlbar sein kann. Ich kann unrecht haben, ebenso wie der andere. Das ist intellektuell redlich und dient der Wahrheitssuche, die immer nur annähernd sein kann.
 
Ich muss bereit sein, andere Auffassungen als potenziell gleichberechtigt nicht nur zu dulden, sondern auch anzuerkennen. Gleichzeitig bin ich verantwortlich für mein Tun. Es ist möglich, dass ich damit einen Fehler mache, wenn ich meiner 16-jährigen Tochter verbiete, bis nachts um 2 Uhr in einer Tanzbar zu bleiben, aber mein Verstand sagt mir, dass das nicht vernünftig sein kann. Ich kann dieses Ansinnen rational kritisieren, und diese Kritik muss unpersönlich sein. Intoleranz ist nicht immer als negativ anzusehen.
 
Wenn ich aber meiner Tochter verbieten will, mit einem Freund muslimischen Glaubens auszugehen, muss ich das Verbot rational begründen und vernünftig diskutieren, möglichst aus einer unpersönlichen Sicht heraus.
 
Im 17. Band der „Enzyklopädie“ von D. Diderot und D' Alambert steht: „Die Toleranz ist im allgemeinen die Tugend jenes schwachen Wesens, das dazu bestimmt ist, mit Wesen zusammen zu leben, die ihm gleichen. Dem Menschen, der durch seine Intelligenz so erhaben ist, sind zugleich durch seine Irrtümer und seine Leidenschaften so enge Grenzen gesetzt, dass man ihm den anderen gegenüber nicht genug von jener Toleranz, jener Duldsamkeit einflössen kann, deren er selbst so sehr bedarf und ohne die man auf der Erde nur Unruhen und Streitigkeiten sehen würde.“
 
Wenn ich meinem Sohn untersage, sich einer Gruppe anzuschliessen, deren Mitglieder meinen, sie seien etwas Besseres im Vergleich zu ausländischen Mitschülern und es ihnen auch zeigen wollen, bin ich dadurch intolerant? Ich bin es dann, wenn ich mein Verbot nicht mit meinem Sohn diskutiere und ihm meine Gründe dafür nicht nenne. Diese Gründe sollten wiederum nicht persönlich sein, sondern rational und vernünftig.
 
Wie an diesen wenigen Beispielen zu sehen ist, kann ich nicht von vornherein annehmen, dass Toleranz immer richtig und Intoleranz immer falsch sein muss. Gegenüber der Missachtung von Menschenrechten muss ich sogar intolerant sein.
 
Ich habe erhebliche Schwierigkeiten damit, das Verhalten der USA-Regierung zu tolerieren, mittels unbemannter Drohnen Menschen zu töten. Die Gründe dafür mögen noch so einleuchtend sein, wie z. B. der Hinweis, das seien Terroristen, Attentäter, Diktatoren, etc. Das heutige internationale Rechtssystem verlangt ein Gerichtsverfahren mit der Möglichkeit der Verteidigung, wie es der Internationale Gerichtshof in Den Haag praktiziert. Die technische Machbarkeit des Tötens rechtfertigt nicht dessen Realisierung. Politiker, die das anordnen, sind in meinen Augen anzuklagen.
 
„Toleranz wird auf politische Massnahmen, Bedingungen und Verhaltensweisen ausgedehnt, die nicht toleriert werden sollten, weil sie die Chancen, ein Dasein ohne Furcht und Elend herbeizuführen, behindern, wo nicht zerstören …. Toleranz gegenüber dem radikal Bösen erscheint jetzt als gut, weil sie dem Zusammenhalt des Ganzen dient auf dem Wege zum Überfluss oder zu grösserem Überfluss … Im Namen von Erziehung, Moral und Psychologie entrüstet man sich laut über die Zunahme der Jugendkriminalität, weniger laut über die Kriminalität immer mächtigerer Geschosse, Raketen und Bomben – das reifgewordene Verbrechen einer ganzen Zivilisation“ (Herbert Marcuse, 1973).
 
Ich bleibe ein Skeptiker, in der Bedeutung des griechischen Verbs, also „prüfend betrachten, prüfen, erwägen, untersuchen, suchen und forschen.“ Das impliziert auch Toleranz und Intoleranz!
 
 
Quellen
Ulrich Wickert: „Das Buch der Tugenden“, Hoffmann und Campe, Hamburg 1995, Kap. 8.
Umberto Eco: „Vier moralische Schriften“, dtv., München: „Die Migration, die Toleranz und das Untolerierbare“.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Toleranz
11.05.2005: Zur Toleranz: Wo ein Wille ist, ist ein Weg, mein Weg
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