Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     19. Dezember 2018, 02:13 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 02.09.2012


Narren, Narreteien: früher, heute, besonders in der Politik
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Seitdem es Menschen auf der Erde gibt, gibt es auch Narren. Ich meine Narren jetzt nicht im Sinn von Karnevals- oder Faschingsnarren, also Menschen, die an bestimmten Tagen so tun, als hätte sie der Verstand verlassen und nach wenigen Tagen wieder „gesunden“. Ich meine auch nicht die höfischen Narren, die Spassmacher und Unterhaltungskünstler des Mittelalters. Ebensowenig meine ich die in dieser Zeit übliche Unterscheidung zwischen sogenannten „natürlichen“ und „künstlichen“ Narren, wobei mit den „natürlichen Narren“ Geisteskranke, im heutigen Terminus „geistig Behinderte“, gemeint waren und bei den „künstlichen Narren“ diejenigen, die sich dumm stellten, häufig, weil sie mit ihren Spässen ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Ich meine Narren im Sinne von Menschen, „die sich auf Basis ihrer Unwissenheit als Gelehrte aufplustern, ohne ihre Unwissenheit zu erkennen, weil sie denken, ihre Unwissenheit sei grosses Wissen“ (Wikipedia).
 
Welche Berufsgruppe fällt Ihnen bei dieser Definition ein? Ich habe sofort an Politiker gedacht, die je nach Karriere meist völlig unabhängig von ihrer Ausbildung zu sogenannten Experten und Ministern gekürt werden und dann so tun, als hätten sie Wissen und Lösungen für die Probleme in ihren Ressorts. In den Medien kann jeder das dann so verfolgen, dass unabhängige Experten fundierte Meinungen haben und die Politiker diese dann ignorieren.
 
Nicht die Lösung steht an erster Stelle, sondern dass sie bei der nächsten Wahl wieder gewählt werden, und dann vielleicht ein ganz anderes Ressort bekleiden werden.
 
Da gibt ein Sebastian Brand im Jahre 1494 ein Buch mit dem Namen „Narrenschiff“ heraus. Berühmt wurde es erst, als der Kupferstecher Kaspar Merian (1627 bis 1686) zu den Sechszeilern 115 herrliche Kupferstiche geschaffen hat. Gedruckt wurde das Buch erst 1730 in Nürnberg, das Original befindet sich im Besitz der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Inzwischen heisst es „Wolgeschliffener Narren-Spiegel.“
 
Mir liegt ein Faksimile-Druck aus dem Jahr 1981 von der Edition „libri rari“ Th. Schäfer GmbH in Hannover vor.
 
Der Autor schreibt am Anfang der Reihe von Sechszeilern: 
Ich bin der erst’ im Narren-Orden
weil ich so klug aus Büchern worden
dass ich gleich kenne an dem Band
wie dies- und jenes wird genannt;
was aber drinnen ist verborgen
dafür lass ich Gelehrte sorgen. 
Der Autor masst sich also nicht an, alles zu jedem Thema zu wissen.
 
Auf die oben angesprochenen Politiker gemünzt ist 
Num. 8: Der sich klug dünkende Narr:
Wer glaubt / er brauche keinen Rath /
er wisse selbst bey aller That /
wie er zu seinem Zweck soll kommen /
dem bleibt die Schellen unbenommen;
Dann wer sich hält allein für klug /
zieht gleichfalls an der Narren Pflug. 
Bei „Schellen“ denke man an „Maulschellen“, also Ohrfeigen.
 
Sie erinnern sich an die sogenannte „Elefantenrunde“ im Fernsehen nach der Abwahl von Gerhard Schröder am 09.07. 2005, als der damalige Bundeskanzler seine Wahlniederlage nicht einsehen wollte und trotz weniger Stimmen, als die CDU erreicht hatte, an der Regierung bleiben wollte? Dazu passt 
Num. 10: Der trotzige Narr:
Es wollen viel durch alle Sachen
Mit ihrem Kopf ein Loche machen;
Was man könnt mit Güte schlichten /
Soll ihre Macht und Trutz verrichten:
Drum mögen sie sich nur bequemen /
hier eine Stelle einzunehmen. 
Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Hans-Kurt Beck, hatte ein Prestigeobjekt, den Ausbau des Nürburgrings, ein Rennparcours in der Eifel, unter anderem mit einem grossen Hotel und einem Vergnügungspark. Die Nürburgring-Gesellschaft ist inzwischen zahlungsunfähig und musste Konkurs anmelden. Das Bauvorhaben wird dem Steuerzahler viele Millionen kosten. Da passt: 
Num. 15: Der Bau-süchtige Narr:
Wer etwas Grosses bauen soll /
der überschlag die Kosten wol;
dann fängt ers an / führts nicht hinaus /
so taugt er in das Narren-Haus.
Drum überschlag die Rechnung vor /
sonst bleibst du nach wie vor ein Thor. 
Die Schuldenkrise in Europa ist in aller Munde. So sollen die Länder für andere zahlen, die einigermassen gewirtschaftet haben. Besonders Deutschland soll für die Misswirtschaft anderer Staaten, wie z. B. Griechenland, geradestehen. Da passt: 
Num. 24: Der fremde Sorgen übernehmende Narr:
Mein / lass doch andre für sich sorgen /
Thu nicht stets fremdes Thun behorgen;
Wer überall einmischt die Händ
der bleibt ein Narr bis an sein End.
Willst du dich dann wie Atlas plagen /
Die Welt auf deinen Rücken tragen? 
Schuldenmachen an sich ist nicht nur in der Politik üblich, am Ende muss doch gezahlt werden. Dazu:
Num. 25: Der auf Borg aufnehmende Narr:
Ich lasse jedermann betrachten /
der nur mit borgen sich erhält /
an seinen Platz den Bürgen stellt?
Das Facit wird doch endlich heissen:
Zahl / oder du musst weiter reisen. 
Politiker und Manager übernehmen oft viele verschiedene Ämter. Da passt: 
Num. 30: Der viele Ämter suchende Narr:
Ein jedes Amt braucht einen Mann /
der es geschickt verwalten kan;
wie dass dann viel so häftig laufen /
sich noch mehr Ämter zu erkauffen?
Viel Säcke sind des Esels Tod /
ein Narr stürzt sich in solche Noth
Die deutsche Bundesregierung wird durch „Fünf Wirtschaftweisen“ beraten. Das heisst aber nicht, dass die Politiker sich diesen Rat auch in ihren Entscheidungen zu Herzen nehmen. Da passt: 
Num. 38: Der guten Rath verschmähende Narr:
Ein Kranker der den Arzt nicht hört /
sich nicht an seine Mittel kehrt /
steckt schon die Helft dem Tod im Rachen:
Ein Narr / der guten Rath verschmäht /
sein Thun nach eignem Sinne dreht /
wird seine Sach nicht besser machen. 
So geht das Buch weiter mit den Narren in der Welt, ob es der wollüstige, der neidische, der faulenzende Narr ist, denn es ist, wie in Num. 46 beschrieben: 
Die närrische Welt:
Es sitzet fast die ganze Welt
Beysammen in dem Narren-Zelt /
kein Stand ist ausgeschlossen;
Der Klügste ist / ob er mit Fleiss
die Narren-Kapp zu bergen weiss /
mit Hasen-Fett begossen. 
Eine Lösung bietet das Buch beim letzten Vers, der 
Num. 114: Der den rechten Weg für sich sehende Narr:
Die Weisheit rufft auf allen Gassen /
der Narre soll sich weisen lassen /
sie bietet jedem ihre Hände:
wirst du nun ihre Stimme hören /
und dich auf rechten Wege kehren /
so hat das Narren-Spiel ein
Ende. 
Wenn das so einfach wäre! Wir werden wohl alle Narren bleiben, für alle Zeiten!
 
 
Hinweis auf Narren-Feuilletons im Textatelier.com
 
Hinweis auf ein Blog mit Narren-Bezug
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier