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BLOG vom 25.08.2012


Familienausflug. Hurra, wir fahren zum Bad an die Ostsee!
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein/D
 
Der Wetterbericht nach den 20-Uhr-Nachrichten sagt „den heissesten Tag des Jahres“ für den nächsten Tag, den Sonntag, voraus.
 
Der Familienrat beschliesst, den Tag an der Ostsee zu verbringen. Die Familie, Vater, Mutter und 2 Kinder, Lina und Leo im Alter von 8 und 10 Jahren, freuen sich darauf. Sie wohnen am Stadtrand von Hamburg, zirka 80 km entfernt. Vater schaut ins Internet und entscheidet, dass sie nach Scharbeutz, an der Lübecker Bucht gelegen, fahren. Neben dem Strand gibt es mehrere Kinderspielplätze, Restaurants und Geschäfte. Man kann auf die Pier gehen und die Segelschiffe beobachten.
 
Die Eltern denken daran, einen Strandkorb zu mieten. Der kostet 8 Euro am Tag und hat Platz für 3 Personen. „Dann dürfen wir aber nicht zu spät losfahren! Es könnte voll werden!“
 
Am Sonntagmorgen ist die Mutter schon früh auf den Beinen, sie hat abends schon eine Schüssel mit Nudelsalat vorbereitet, die Mayonnaise muss noch dazu. Sie nimmt einen Rucksack, den man auch rollen kann, und packt alles ein, geschmierte Brotstullen, den Salat, Becher, Teller und Besteck, 2 grosse Flaschen Mineralwasser. Dann weckt sie ihren Mann und die Kinder. „Aufstehen, es geht an die Ostsee!“ Leo dreht sich wieder um. „Los Leo, du auch!“ fordert die Mutter ihn auf. Er hat keine Lust. „Wir waren uns doch einig!“ Sie reisst ihm die Decke weg. Brummig geht er ins Bad. Lina freut sich wirklich, sie steigt schnell aus ihrem Bett und macht sich fertig. Der Vater hat auch keine richtige Lust, aber beschlossen ist beschlossen, und die Familie soll ihn wenigstens am Wochenende haben.
 
Nach einiger Zeit finden sich alle am Frühstückstisch. Es wird besprochen, was alles eingepackt werden muss: Handtücher, Badesachen, Sonnenschutzmittel, ein Ball und das Federballspiel. Lena will noch ihr aufblasbares Badetier. Die Eltern nehmen zudem etwas zum Lesen mit, die Sonntagszeitung soll auf dem Weg gekauft werden.
 
Alle haben gefrühstückt, der Tisch muss noch eben abräumt, das Geschirr in den Spüler gepackt werden. Es kann losgehen. Es ist gegen 10 Uhr. Die 80 km bis zur Küste sind doch locker in einer Stunde zu schaffen! Vater sitzt am Steuer und fährt los. An der nächsten Tankstelle wird noch getankt und die Zeitung gekauft. „Haben wir genug Getränke?“ „Nimm noch eine Flasche Saft mit!“ Es ist jetzt schon schön warm, aber das Auto hat eine Klimaanlage. Die muss an, auch wenn Lena davon wieder eine Erkältung bekommt.
 
Der Verkehr auf der A1, auf die sie einbiegen, ist flüssig, die ersten Kilometer geht es gut voran. Es ist 10:30 Uhr. Der Verkehrsfunk berichtet von einem Stau von 8 km Länge vor einer Baustelle und später noch einmal 10 km. Vater flucht. Mutter schimpft: „Nicht vor den Kindern!“ Der erste Stau kommt bald. Warnlichtanlage an, langsam nähern. Der Verkehr steht, auf allen drei Spuren. Noch lange kein Hinweis auf die Baustelle. Anfahren und wieder anhalten, anfahren und wieder anhalten. Die Mutter versucht, die beiden Kinder bei Laune zu halten. „Wir machen das Spiel: Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist grün!“ „Das Auto da vorn, vor dem roten, rechts!“, „Nein!“, „Der Baum da!“, „Nein!“ „Da auf deiner Bluse.“ „Richtig!“ – Es dauert. Sie fahren nur im Schritttempo. Auf den beiden anderen Spuren geht es ein klein wenig schneller, auf der eigenen Spur geht nichts. Also wird die Spur gewechselt. Vorsicht, die Idee hatten auch schon einige vor ihnen. Ein paar hundert Meter weiter haben ein paar Wagen die Warnlichtanlage an. Es scheint ein Auffahrunfall zu sein. „Auch das noch!“ Der Verkehr steht. Von hinten kommt die Polizei mit Blaulicht und Sirene. Die Autofahrer müssen an die Seite, um eine Gasse freizumachen. 2 Fahrspuren sind blockiert, der gesamte Verkehr muss nach rechts. Alle wollen wissen, was passiert ist und fahren ganz langsam vorbei. Am aufgefahrenen Wagen ist ein Kotflügel, der Scheinwerfer und die Stossstange in Mitleidenschaft gezogen. Das kaputte Auto kann nicht mehr fahren.
 
Nach der Unfallstelle wollen alle nur schnell weiter, aber schon nach einigen Metern staut sich der Verkehr wieder. Das erste Warnschild für die Baustelle kommt in Sicht, 2 Spuren sind abgeschlossen. Es soll im Reissverschlussverfahren von links auf die offene Spur eingebogen werden, jeder Autofahrer muss einen Wagen vor sich in die Schlange lassen. Einige versuchen, schon jetzt herüber zu kommen und halten den anderen Verkehr auf. Endlich kommt die Baustelle. Man darf nur 60 km/h fahren, aber jeder fährt mindestens 70, bis er auf einen Fahrer oder eine Fahrerin trifft, die die Geschwindigkeit einhält. Dahinter wird wieder gebremst. Die Baustelle ist lang. Das Schild mit dem Gesicht zieht die Mundwinkel nach unten und kündigt noch 8 km an. Vater sagt: „Gut, dass heute Sonntag ist, da dürfen keine Lkw fahren.“ Kaum hat er es gesagt, kommt vorn einer in Sicht, ein Wagen mit dem Kennzeichen aus Litauen. Als die Baustelle passiert ist, zeigt die Uhr 11 an.
 
Der Verkehrsfunk berichtet, dass der Stau, der gerade vorbei ist, schon 10  km lang sei, und derjenige, der noch kommt, schon 13 km. Vater flucht: „Verdammte Scheisse, wer ist auf die gottverdammte Idee gekommen, heute an die Ostsee fahren zu wollen?“ Die Mutter tadelt: „Geflucht wird nicht!“ Die Kinder maulen. Lina fragt: „Sind wir bald da?“ Mutter sagt: „Das dauert noch!“
 
„Ich habe Durst!“ „Ich auch!“ Mutter kramt die Flasche Wasser aus dem Rucksack, die hinten auf dem Boden steht. Sie sucht die Becher. Endlich findet sie diese. „Und ich?“ fragt der Vater, „ich muss schliesslich fahren!“ Sie gibt auch ihm etwas zu trinken und nimmt den Becher wieder in Empfang. Danach genehmigt sie sich auch etwas. Die Verkehrsdichte nimmt zu, es geht langsamer voran. Die Strasse ist auch nur noch zweispurig. Kurze Zeit später steht wieder alles. Im Minutentakt geht es 10 m voran. Vater hat das Seitenfenster geöffnet, um frische Luft einzulassen. Die Luft ist aber schon warm. Er schliesst es wieder und dreht die Klimaanlage wieder an. Sie wird eine Menge Sprit kosten, denkt er. „Können wir den Stau nicht umfahren?“ fragt die Mutter. Das Navi zeigt an, dass es sich nicht lohnt, zu weit müsse man ausweichen. Leo mault: „Ich will jetzt da sein!“ Lena stimmt mit ein: „Ich auch.“
 
Der Vater reagiert genervt: „Klappe halten! Kann ich was dafür?“ Endlich kommt die nächste Baustelle in Sicht. Langsam kommt man näher. Hier gibt es nur eine Spur, wieder einfädeln. Der hintere Wagen sperrt sich und gibt keinen Platz frei. Der Vater lässt ihm keine Wahl. „Soll er doch auffahren, dann wird er schon sehen!“ Langsam geht es durch die Baustelle. Obwohl man 60 fahren darf, kommt man nur langsam voran. „Wer fährt denn da vorn Schneckentempo!“ schimpft der Vater. Lena hat Hunger, Mutter kramt ein Käsebrötchen hervor. Wer isst, mault nicht, denkt sie. Nach der Baustelle gibt jeder Gas, endlich, es geht voran.
 
Bei Bad Schwartau gibt es wieder eine Baustelle. Der Vater fährt von der Autobahn ab und lässt sich vom Navigationsgerät den Weg zeigen. Bald kommen sie zur Küste. Am Strand entlang dürfen sie nur 30 km/h fahren. Hinter dem Timmendorfer Strand kommt Scharbeutz. Die Parkplätze an der Strasse sind alle belegt, der grosse Parkplatz im Ort ebenfalls, am nördlichen Ende gibt es noch 2 Parkplätze, einer ist gratis, der andere gebührenpflichtig. Beide sind voll belegt. Wieder biegen sie parallel zum Strand in die Strasse. Überall ist Halten und Parken verboten. Sogar die Parkplätze am Einkaufszentrum sind belegt. Da ist ein Platz, Halteverbot. „Egal. Am Sonntag verteilt keiner Knöllchen,“ hofft der Vater.
 
Aussteigen, die Sachen aus dem Auto holen. „Ich kann nicht alles allein tragen!“ sagt die Mutter. Der Vater nimmt den Rucksack. Sie gehen ungefähr 700 m zum Strand. Es ist heiss. Sie haben keine Kopfbedeckung. „Mist!“ sagt der Vater. Die Sonne brennt unbarmherzig.
 
Sie gehen über die Strandstrasse zum Eingang zum Strand und fragen nach einem Strandkorb. „Ich habe keine mehr, fragen Sie mal meine Kollegin 200 m weiter!“ Schleppend gehen sie weiter durch die Hitze.
 
Am nächsten Eingang klappt es. Vater zahlt die Kurtaxe, 3 Euro pro Erwachsener und jeweils 2 für die Kinder und 8 Euro Tageskarte für den Strandkorb. Endlich Sand unter den Füssen. Nach ein paar Minuten haben sie den Strandkorb erreicht. Vater schliesst auf, Mutter sagt: „Ich kann nicht mehr!“ Es ist 13.30 Uhr. Vor dem Strandkorb liegt eine Familie auf einem Handtuch. „Sie müssen da weg, das hier ist unser Strandkorb!“ „Wir müssen gar nichts!“ „Und ob Sie müssen!“ Die anderen Strandkorbmieter mischen sich ein. „Sie dürfen hier gar nicht mit dem Handtuch liegen, es gibt eine Strandecke, die dafür frei ist.“ Maulend packen sie ein. Der Vater bedankt sich beim Nachbarn. „Das kostet ein Bier,“ meint der. Erst einmal ausruhen, denkt der Vater.
 
Das Strandleben kann beginnen. Eincremen, Essen hervorkramen und verteilen. „Ich will aber erst ins Wasser!“ ruft Leo und rennt los. Die Mutter lässt ihn, direkt am Strand ist es nicht tief, und es laufen viele Erwachsene und Kinder herum. „Aber nicht so weit hineingehen!“ ruft sie noch hinterher. Der Vater ist anderer Meinung: „Du kannst ihn nicht allein gehen lassen!“ tadelt er die Mutter. „Dann geh’ du doch,“ meint sie. „Wer ist die ganze Zeit gefahren, du oder ich?“ erwidert er und geht dann doch.
 
„Spielst Du Federball mit mir?“ fragt Lena. Widerwillig macht der Vater mit. Es ist heiss. „Kann ich ein Eis haben?“ „Ich auch?“ Mutter geht los, stellt sich in die Reihe der Wartenden. „Kommst du mit ins Wasser?“ Der Vater muss mit und spritzt die Kinder nass. Das Wasser ist lauwarm. Lenau ist in etwas hineingetreten, es blutet und sie schreit. Pflaster haben sie vergessen mitzunehmen, aber im Strandkorb nebenan ist auch eine Familie und die Mutter hat eins. Langsam beruhigt sich das Mädchen.
 
Um 16:30 Uhr haben die Eltern genug. Die Kinder maulen: „Wir wollen aber noch nicht weg!“ Die Sonne brennt immer noch unbarmherzig. „Es ist besser, bevor wir alle einen Sonnenstich bekommen!“ sagt die Mutter.
 
Kurz nach 17 Uhr sind sie am Auto. Vater sieht schon von weitem das Knöllchen. „Dann warten wir einmal ab, was das wieder kostet!“, meint er.
 
Alle wollen wieder nach Hause. Es staut sich und dauert. Nur langsam kommen alle voran. Die Kinder schlafen, wenigstens das.
 
Als sie um 20.15 Uhr zu Hause sind, sagt der Vater: „Die nächste Zeit nicht wieder! Für 3 Stunden am Strand waren wir 10 Stunden unterwegs!“ Und 50 Euro ärmer, denkt er. „Ist doch alles gut gegangen,“ meint die Mutter, „und für den ‚Tatort’ hat es auch noch gereicht!“ Sie bringt die Kinder ins Bett. Lenau hustet.
 
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