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BLOG vom 12.07.2012


Aspekte der Objektivität: Dokumentarfilme und Wirklichkeit
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Die Filme der Serie mit dem Titel „37 Grad“ im ZDF sind Dokumentarfilme. Die öffentlichen Fernsehanstalten ARD und ZDF und ihre Töchter grenzen sich damit von den Reality Shows der Privat-Fernseh-Anbieter ab. Oft sind es dort Pseudo-Dokus mit Laiendarstellern in erfundenen Geschichten oder Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ usw., in denen die Wirklichkeit inszeniert wird. ARD und ZDF wollen seriös sein. Am 10.07.2012 wurde im ZDF eine Sendung mit dem Titel „Wäre cool, wenn sie ein Engel wird“ ausgestrahlt. Darin wird „aus der Sicht des Bruders Moritz“ über einen Zeitraum von 5 Jahren das sich verschlimmernde, zum Tode führende unheilbare Leiden mit dem Namen Mukopolysaccharidose der kleinen Schwester Luca gezeigt – und wie er und seine Familie damit umgehen.
 
Die Ankündigung im Internet: „37 Grad ‒ Wäre cool, wenn sie ein Engel wird! ,Fussball hilft, wenn ich traurig bin’; ein Lächeln huscht über Moritz' Gesicht. Anlass zur Traurigkeit gibt es immer wieder, denn der 14-Jährige hat eine kleine, schwerkranke Schwester, der es von Tag zu Tag schlechter geht. Luca kann inzwischen kaum mehr schlucken und wird eine Magensonde bekommen müssen.“ Zu ihrem Leiden wird ausgesagt: „Die Krankheit ist weder behandel- noch heilbar, sie verläuft in Schüben und wird phasenweise schlimmer. Keiner weiss, wie lange Luca noch leben wird. ‚Früher konnte sie laufen, sprechen, singen, war lebenslustig und hatte richtig Spass am Leben. Heute sitzt sie nur noch im Rollstuhl und stiert vor sich hin.’“
 
Am Ende der Informationen über die Sendung steht: „Die 37-Grad-Dokumentation ist die Weiterführung einer Dokumentation über Moritz aus dem Jahr 2008 für die ZDFtivi-Sendereihe ,stark!’, die Auszeichnungen im In- und Ausland erhielt“ (1).
 
Es ist zu merken: Die Regisseurin Andrea Cornelissen will seriös und objektiv berichten. Der Bruder wird nicht interviewt, sondern gibt seine Gedanken wieder, nicht spontan, sondern ruhig und genau gesprochen. Es wird gezeigt, wie er sein Leben lebt und wie das Leben mit der kranken Schwester sein eigenes beeinflusst. Seine Aussagen sind aber nie negativ, als ob es keine Konflikte gäbe, kein Sich-Aufbäumen, weil sich alles um die Schwester dreht. Das wird nicht gezeigt. Am Ende des Filmes ist er 18 Jahre alt. Auch seine Freundin wird im Familienkreis gezeigt und darf sagen, wie sehr sie den Umgang in der Familie bewundert. Die Eltern kommen zu Wort und erzählen, dass sie ihre Tochter noch lange nicht gehen lassen möchten. Die Schwester ist 16 Jahre alt, nicht mehr ansprechbar und benötigt rund um die Uhr Pflege, unter anderem beim dauernden Absaugen der Atemwege. Die Notwendigkeit einer Reanimation, wenn nicht schnell genug abgesaugt werde, wird von der Mutter angesprochen. Seit all den Jahren scheint der zu erwartende Tod der Schwester ein Dauergespräch im Familienkreis zu sein. Jedenfalls kommt das bei den Aussagen immer wieder zur Sprache. Es wird dies suggeriert: Obwohl der Tod lange erwartet wird, werde er doch schrecklich sein, für die Überlebenden, denn sie verlieren die Schwester und Tochter.
 
Der Film will eine bestimmte Stimmung unter den Zuschauern erzeugen, vielleicht Mitleid, immer aber das Gefühl des Mitlebens beim Schicksal der Familie. Der Film soll authentisch wirken. Es wird nicht nur die direkte Wohnumgebung gezeigt, sondern auch Moritz auf dem Fussballfeld und seine kleine Fussballkarriere im Verein werden erwähnt. Beim Zuschauer soll die Frage erzeugt werden: „Was wäre, wenn …?“ Ja, was wäre, wenn ich persönlich in meiner Familie so oder ein ähnliches Schicksal zu erleiden hätte? Ja, wie würde ich mit dem Tod umgehen, der tagtäglich zu erwarten ist? Es wird ein gewisser Identifikationseffekt erzeugt.
 
Das ist manipulativ. Ich frage mich, worum geht es eigentlich in diesem Film? Um Moritz, den Bruder, um die Eltern oder wirklich um Luca? Dass der Tod vermutlich eine Erlösung für die Leidende sein wird, kommt nicht zur Sprache, nur wie schlimm man den Verlust nehmen wird.
 
Wie authentisch kann ein Film überhaupt sein? Wie authentisch können Medien sein? Ich bin nicht der Einzige, der sich diese Fragen stellt: Wann gibt ein Dokumentarfilm das tatsächlich Geschehene wieder? Wie viel ist real oder in Wirklichkeit inszeniert? Wie lassen sich durch Kameraführung oder -ausschnitt Ereignisse authentisch darstellen oder manipulieren? Wie kann man mit dokumentarische Mitteln seine eigenen Geschichten erzählen?
 
Es ist schon vermaledeit mit der Wirklichkeit – und der Dokumentarfilmer ist ja verpflichtet, diese, zumindest „irgendwie“, abzubilden. Natürlich schöpft der Filmer durch seine Sicht auf die Dinge etwas Eigenes aus dem Vorhandenen – allein schon seine Anwesenheit und Sichtweise verändert ja den Lauf der Dinge.
 
Der Dokumentarfilm ist sozusagen von Haus aus dazu verpflichtet, die Realität möglichst genau und mit so wenigen Verzerrungen wie irgend möglich abzubilden. Und darin liegt das Paradox des Genres: Realität völlig unverzerrt abzubilden, kann nicht funktionieren. Sobald einer etwas filmt, konstruiert er ganz automatisch, da führt kein Weg dran vorbei. Dennoch geht man davon aus, ein anständiger und aufrichtiger Dokumentarfilm müsse zumindest versuchen, sich diesem Ideal der unmittelbaren Realitätsabbildung anzunähern. Das heisst: keine nachgestellten Szenen, keine beim Spielfilm entliehene Dramaturgie und ein eher zurückgenommener Off-Kommentar, damit die direkte Anschauung und Meinungsbildung des Betrachters nicht beeinflusst wird. Das alles selbstredend so wertneutral wie irgend möglich ... (2).
 
Es wird suggeriert, sich den Film über Luca als Realität anzusehen; kein Mitgefühl zu empfinden, könnte von der möglichen Gefühlskälte des Zuschauers her kommen. Da müssen einem ja die Tränen kommen. Und hier sind sie sogar real und gerechtfertigt. ‒ Bei Filmen, wie „Der Untergang der Titanic“, „Sissi“ und vielen anderen weiss der Zuschauer, dass auf die Tränendrüse gedrückt werden soll. Da wird zwar ein historischer Vorgang gezeigt, aber mit fiktiven Mitteln. Die Schauspieler kommen dabei nicht ums Leben.
 
Die Ankündigung eines Essays über den Dokumentarfilmer und Autor Michael Moore („Stupid White Men“), verfasst vom Medienpädagogen Manfred Rüsel, mit dem Titel „Härter als die Wirklichkeit?“ beginnt mit den folgenden Sätzen: „Was bedeutet es für unser Informationszeitalter, wenn sogar der Dokumentarfilm gar nicht mehr existieren kann, weil wir inzwischen in fiktiven Zeiten leben? Welcher dokumentarische Anspruch im Kontext von Zeugenschaft lässt sich jenseits allgegenwärtiger Bildmanipulationen und Computeranimationen in glaubwürdiger Form noch filmisch umsetzen?“
 
Manfred Rüsel schreibt: “Michael Moore beherrscht die emotionalisierende und überrumpelnde Klaviatur des Films perfekt. Sachliche Distanz zum Gegenstand ist nicht sein Ding und leise Ironie schon gar nicht ... Moore manipuliert ohne Ende.“
 
Manfred Rüsel unterscheidet Dokumentarfilme so: Angesichts der Vielfalt, die dokumentarische Filmstile in seiner über hundertjährigen Geschichte ausgeprägt hat, fällt eine trennscharfe Definition dessen, was den Dokumentarfilm ausmacht, schwer.
 
Einige dokumentarische Stilrichtungen sind beispielsweise:
-- lyrisch-dramatisch (Nanuk der Eskimo, USA 1921, Robert Flahertiy),
-- didaktisch-aufklärerisch, z. B. die Naturdokumentationen von Bernhard Grzimek und Horst Stern,
-- avantgardistisch-experimentell, (Berlin, Symphonie einer Grossstadt, 1931, Walter Ruttmann),
-- propagandistisch, (Der ewige Jude, 1940, Fritz Hippler),
-- provokant-polemisch: die 68er-Agitprop-Dokumentationen
-- oder Mischformen, z. B. die Mischung aus klassisch didaktisch-aufklärerischem Stil mit Strategien des Unterhaltungskinos (Individualisierung, Identifizierung, Emotionalisierung) der ZDF-History-Dokumentationen (3).
 
Der Zuschauer soll gar nicht merken, was er sich für eine Stilrichtung mit dem Dokumentarfilm ansieht; er bemerkt eine sachliche Distanz, geht davon aus, das ist die Realität, und ganz bestimmt nicht „wem er da aufsitzt“, und sei das Anliegen der Regie noch so seriös, denn es ist ein anderes Format als es die Kolleginnen und Kollegen der Reality Shows bei den Privatsendern verwenden. Dass die eine vielfach höhere Einschaltquote haben als „37 Grad“, wird der Sendezeit, nachmittags, wenn Hartz-4-Empfänger und Arbeitslose nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen, und einer Strategie des Unterhaltungskinos zugeschrieben.
 
Dennoch ist und bleibt die Serie „37 Grad“, wie alle Dokumentationen, in meinen Augen manipulativ.
 
Ich bin ein „Tatort“-Fan: Frei erfundene Geschichten mit bekannten Schauspielern. Manchmal humorvoll, manchmal spannend, oft mit gesprochenen Texten, wie geschrieben formuliertes Deutsch. So glatt wie die Gespräche geführt werden, ohne „Ah und Oh“, ohne Sätze, die mittendrin abgebrochen werden, das gibt es in der Realität nicht. Das weiss ich: Das einzige, was real ist, ist die Stadt, in der der Film spielt und ab und zu erkenne ich die Ecke, wo gedreht wurde.
 
Quellen:
(1) http://37grad.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/37-Grad/2942544/23315728/a4432b/W%C3%A4re-cool-wenn-sie-ein-Engel-wird.html
(3) parapluie.de/archiv/zeugenschaft/columbine/
 
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