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BLOG vom 01.07.2012


Lebensgefährliches Leben mit seinen Reizen, seinem Sinn
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Das Leben ist lebensgefährlich; es führt zum Tode. Das hat nicht nur Erich Kästner gesagt. Lebensgefahr ist so etwas wie die Erbsünde bei den Katholiken. Sobald man als Embryo im Mutterleib existiert, hat man sie. Gegen Lebensgefahr gibt es keine Taufe. Lebensgefahr kann man nicht durch ein wenig Wasser, das über den Kopf geschüttet wird oder – wenn die Taufe erst im Erwachsenenalter vollzogen wird – durch Untertauchen und durch ein paar exorzistische Gebete wegwaschen.
 
Die Erbsünde soll man dadurch los sein, aber dafür ist man getauft. Taufe lässt sich laut der katholischen Kirche nicht wieder beseitigen, einmal getauft, ist man sein Leben lang getauft, egal was man glaubt oder ob man überhaupt glaubt. Also: Auch getauft ist das Leben lebensgefährlich!
 
So lebt man lebenslang lebensgefährlich. Und es gilt das Sprichwort: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Ein Spruch aus der Bibel, von Jesus von Sirach aus dem alten Testament. Umdrehen kann man den Spruch nicht: „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt nicht um. Das wäre schlichtweg falsch, denn „umkommen“, also „sterben“, muss jedenfalls jeder.
 
Deshalb sagt die Mutter gern zur flügge gewordenen Tochter: „Pass auf dich auf!“ Vorher hat die Tochter schon des Öfteren behauptet, dass sie auf sich selbst aufpassen kann. Denn wenn sie nicht auf sich selbst aufpasst, kann das lebensgefährlich werden. Zum Beispiel, wenn sie nach einem Diskobesuch betrunken über die Strasse geht und überfahren wird. Dann zahlt auch keine Versicherung, jedenfalls dann nicht, wenn der Autofahrer sich richtig verhalten hat und den Zusammenstoss nicht vermeiden konnte. Also ist es besser, auf sich selbst aufzupassen und nicht in alkoholisiertem Zustand auf die Strasse zu gehen. Wenn man nüchtern ist, zahlt zumindest die Versicherung.
 
Aber das meint die Mutter wahrscheinlich gar nicht, wenn sie sagt, die Tochter soll auf sich selbst aufpassen. Sie hat im Sinn, die Tochter soll Situationen vermeiden, die sie in Gefahr bringen könnten, nachts auf dunklen Wegen zu gehen, sich mit einem Mann einlassen, der sie schlägt, ihr Geld nicht leichtsinnig ausgeben, und was es sonst noch alles gibt. Aufpassen hat die Tochter gelernt, etwa in der Schule, auf sich selbst aufzupassen muss sie noch lernen, denn bisher haben das die Eltern getan.
 
Eltern sind verpflichtet, auf ihre noch minderjährigen Kinder aufzupassen. Wenn die sich in Gefahr begeben und darin umkommen, werden sie bestraft. Deshalb sagen die Eltern das häufiger zu ihren Kindern, dass sie auf sich aufpassen sollen. Na ja, das ist jedenfalls nicht der einzige Grund, schliesslich liebt man als Eltern seine Kinder und sorgt sich um ihr Wohlergehen.
 
Denn das Leben ist lebensgefährlich. Dass die Eltern dafür verantwortlich sind, dass sie ihre Kinder in Lebensgefahr gebracht haben, ist ihnen nicht bewusst. Sie haben es aber getan, indem sie ihre Kinder gezeugt haben, und dadurch, dass die Mutter sie auf die Welt gebracht hat.
 
Kann man jemand dafür verantwortlich machen, der oder die sich gemäss der Evolution verhalten hat? Die Evolution sorgt dafür, dass Leben entsteht. In dem Moment der Begattung war es mit dem freien Willen nicht weit her, es passierte einfach. Evolution sorgt auch dafür, dass Leben wieder vergeht. Lebensgefahr hat seine Reize.
 
Die Menschen verdrängen gern den Gedanken an die Lebensgefahr, in der sie stecken. Sie denken nicht an ihr eigenes Leben, wenn sie zum Beispiel beobachten, wie ein Löwe eine Antilope schlägt oder die Katze sich ein junges Kaninchen holt. Bei Tieren finden sie es selbstverständlich, fressen und gefressen werden ist ein alltäglicher Vorgang in der Natur. Das ist die Bestimmung der meisten Tiere.
 
Und von wem werden die Menschen gefressen? Es gibt keine Kreatur, die Menschen jagt, ausser die Menschen selbst. Dafür gibt es viele Lebewesen, die ihm nach dem Leben trachten, Viren, Bakterien und bösartige Zellen, um ein paar Beispiele zu nennen. Oft tragen wir unsere Mörder ein Leben lang in uns. Denn in vielen Fällen können wir ohne sie gar nicht leben.
 
Das bringt uns zu der Frage, was Leben eigentlich ist. Jedes Lebewesen ist ein System. Es gibt eine philosophische Schule, die sagt nicht „System“, sondern „Maschine“, mit Stoff- und Energiewechsel, selbst organisiert und zur Fortpflanzung fähig. Das ist jedenfalls Schulwissen, aber so ganz wissen das die Biologen und viele andere Wissensgebiete ebenfalls nicht. Manche behaupten sogar, die Erde selbst sei ein Lebewesen.
 
Dass das Leben endlich ist, also lebensgefährlich und zum Tode führt, ist jedenfalls kein Lehrsatz der Biologie. Auch nicht die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die einzige Antwort ist, dass das Leben selbst der Sinn des Lebens ist. So wie der Tod der Sinn des Todes. Irgendwie sinnlos.
 
Ich finde den Satz sinnvoll. Die Tatsache selbst mag sinnlos sein, aber sich dessen bewusst zu sein, ist es nicht. Jedenfalls wird man nicht davon überrascht, wenn das Ende naht. Auch wenn man Überraschungen liebt, diese wird es nicht sein.
 
Manche sehen den Satz aber auch als eine Hoffnung an. Wer will schon ewig leben? Aber bis es so weit ist, passen Sie auf sich auf!
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Lebensgefährdendes
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