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BLOG vom 28.04.2012


Das Fischerdorf Vizhinjam im Wandel – Ende einer Idylle
Autor: Richard Gerd Richard, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Bangalore/Indien
 
Kerala, der Bundesstaat im Südwesten von Indien, nennt sich „Gods own country“. Dieses Land der Götter hat eine sehr schöne, abwechslungsreiche Landschaft. Strand, Binnenseen, „backwaters“ genannt, und Berge mit Teeplantagen und Wasserfällen wechseln sich ab. Ein kleines Fischerdorf mit Namen Vizhinjam liegt am Arabischen Meer, ganz im Süden an der Westküste, nur 3 Kilometer südlich von Kovalam entfernt, dem angeblich schönsten Strand in Indien. Kovalam ist mit seinen auf westliche Besucher ausgerichteten Hotel-Ressorts ein Ferienort, den sich nur Inder der Mittel- und Oberklasse, Europäer, Amerikaner und Reiche aus anderen Erdteilen leisten können.
 
Seltsam, in solche abgeschottete Feriendomizile scheint kaum ein Fremder zu kommen. Ich bin der einzige Tourist hier in Vizhinjam.
 
Eine lange Prozession bewegt sich durch den Ort. Viele Schülerinnen sind mit ihrer hellblauen Schuluniform bekleidet, Männer tragen einen offenen Sarg auf den Schultern. Man bewegt sich auf die kleine christliche Kirche zu. Ein junger Mann mit dem Sargdeckel in der Hand erwartet sie. Die Prozession zieht in die Kirche ein. Es erklingen Gesang und lautes Beten.
 
Der Ort hat 2 Moscheen, eine im Ort, eine weitere, kleinere und ältere an der äusseren Ecke des Hafens, direkt an die Kaimauer gebaut. Ausserdem hat der Ort 2 christliche Kirchen, eine kleinere mitten im Ort, bemalt mit fröhlichen, frischen Farben, und eine grössere, sandsteinfarbene oberhalb des an einen kleinen Hügel gebauten Dorfes. Der Hindutempel ist etwas ausserhalb und hat aus Felsen geschnittene Skulpturen aus dem 18. Jahrhundert in einer Höhle. Leider komme ich nicht hinein.
 
Ich wandere durch den Ort zur grösseren Moschee, die glänzend goldverziert, aber mit einer weissen Kuppel, mit einer goldenen Sichel versehen, verlassen in der Mittagssonne steht. Ich versuche, durch einen versteckt liegenden, abgetrennten Teil des Orts zur Moschee an der Kaimauer zu kommen, werde aber durch einen Bewohner daran gehindert, der mir zu verstehen gibt, ich sei als Nichtmoslem unerwünscht.
 
Zwischen der Moschee und dem Hafen komme ich zu offenen Hallen aus Stein, in denen die Fischer ihre Netze reparieren, Karten spielen oder schlafen. Einem Fischer schaue ich zu, wie er das zerfetzte Netz zuschneidet und näht. Er erzählt mir von seiner Familie, seinem Sohn, der in Dubai arbeitet, weil er hier keine Arbeit findet. Der Ort sei zweigeteilt, berichtet er mir, die eine Hälfte sei fest in der Hand der Muslime, der andere in der Hand der Christen. Die Muslime seien die Bösen; sie versuchten, immer mehr Einfluss und Macht im Dorf zu bekommen. Natürlich sind er und seine Kollegen Christen. Es habe öfters Streit zwischen den beiden Gruppen gegeben, blutigen Streit.
 
Ich laufe eine enge Gasse den Berg hinauf. Bei Regen in der Monsunzeit wird sie das Wasser ins Meer leiten und es schlammig und zu einem reissenden Fluss machen. Die Häuser an der Gasse sind kleine Fischerwohnungen, Handwerker und kleine Läden mit ihren Verkäufern für Lebensmittel und allerlei Krimskrams hausen hier.
 
Oben auf dem Hügel ist ein Platz: Dort befindet sich die grosse christliche Kirche, aus der per Lautsprecher ein Gottesdienst ertönt. Viele junge Menschen unterhalten sich; sie gehören zu einem College, das wohl von der Kirche geleitet wird.
 
Ich wandere in der Mittagshitze wieder langsam nach unten zur Ausfahrt für die Fischerboote und dem Meer zu. Die hohen Wellen schlagen auf der anderen Seite an der Kaimauer empor. Sie werden seit 1990 für ein Gezeitenkraftwerk benutzt, das demonstriert, wie mit herein- und hinausfliessenden Wasser Strom erzeugt werden kann. 1996 wurde in Vizihinjam eine fortgeschrittene Anlage installiert, doch weitere Details darüber sind nicht aufzutreiben.
 
Viele Menschen stehen im Sand vor dem Hafenbecken. Dieses ist voller Boote. Immer wieder kommen kleine Fischerboote, angetrieben von Aussenbordmotoren, mit 3‒4 Mann Besatzung herein. Bei manchen Booten sehe ich nur wenige Fische im Trog auf dem Boden, ein magerer Fang, der wahrscheinlich eine ganze Familie ernähren muss.
 
Der Fang, Tintenfische, Lachse und andere Fische, wird auf den Sand geworfen. Der Fischer beginnt mit der Versteigerung. Frauen geben ihr Angebot ab. Ein anderer schreibt den Abschluss auf. Geld wechselt den Besitzer; manchmal gibt es einen lauten Wortwechsel. Die Frauen sammeln die ersteigerten, jetzt sandbedeckten Fische in ihre Tröge aus Messing und verlassen den Hafen. – Mit der Idylle wird es aber bald vorbei sein. Bis 2015 soll hier der grösste Containerhafen an der Westküste Indiens entstehen. Es wird für den Kauf von Anteilen geworben.
 
An der Hafenspitze stehen 3 Männer und unterhalten sich. Sie haben Spass, trotz der brütenden Hitze ... und immer wieder beginnt einer davon ein Lied zu singen. Er komme aus Tamil Nadu, dem Teilstaat auf der östlichen Seite hinter dem Bergrücken, der sich von Norden nach Süden durch das Land zieht. Er sei ein Sänger von Beruf, ziehe mit einer Gruppe von Ort zu Ort und unterhalte die Leute. Die Lieder seien meistens Liebeslieder und ein unerschöpfliches Thema.
 
Ich suche den Friedhof des Orts auf. Neben der Kirche stehen Kreuze, die schon fast ganz mit Sand zugedeckt sind. Rechts hinten ein Grabhügel in Form des Sargdeckels, von dem ich oben geschrieben habe. Darauf brennen ein paar Räucherstäbchen. Alles ist still und friedlich.
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
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