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BLOG vom 22.04.2012


Cockroach: Gefährlicher Strassenverkehr für ein Tierchen
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit Bangalore/Indien
 
Kakerlaken, die englische Bezeichnung ist cockroach: dieser Begriff soll eine Verfremdung des spanischen Worts cucaracha sein, was im Englischen loathsome bug bedeutet, übersetzt: „widerlicher, ekliger, abscheulicher Käfer“. Auf Deutsch heissen sie „Gemeine Küchenschaben“. Diese Art gibt es zwar auch in Indien, aber meistens sieht man die „Amerikanische Grossschabe“ (Periplaneta americana), die auf der ganzen Welt zu finden ist. Sie ist grösser als diejenige, die wir in Europa kennen, meist etwa 5 cm lang. Sehr viel grössere habe ich noch nicht gesehen. Es gibt Arten, die können auch fliegen. Die meisten haben aber nur schwache Flugeigenschaften entwickelt, verfügen aber über gut ausgebildete 6 Laufbeine und sind deshalb gute und sehr schnelle Läufer.
 
Bei Wikipedia kann man ausführliche Informationen über diese Tierart finden. Kakerlaken sind Allesfresser, vor allem Laub- und Essensreste, allerdings verspeisen sie keine lebenden Tiere. Man muss in der Wohnung also darauf achten, Lebensmittel wegzuschliessen und Reste, z. B. Bananenschalen, schnell zu entsorgen.
 
In Indien sind sie sehr verbreitet, in den Bundesländern Kerala und Tamil Nadu habe ich kaum ein Haus gesehen, in denen es keine gab. In Goa lief ein kleines Exemplar in einem Restaurant am Tischrand entlang. In Bangalore kommen sie ebenfalls vor, aber nicht so häufig. In 3 Monaten haben mich erst 2 der etwas grösseren Art in meiner Wohnung besucht. Es sind hübsche Tiere, hellbraun, mit einer glatten harten Flügelseite, aber sie gelten als Schädlinge. Wissenschaftler führen unter anderem auch die Verbreitung von Asthma bei Kleinkindern darauf zurück.
 
Deshalb wird Werbung für einen Spray gemacht, der angeblich unschädlich für Menschen sein soll. Damit kann man grossflächig desinfizieren, aber auch das Tier töten, wenn es in der Wohnung umherläuft.
 
Es dreht sich dann sofort auf den Rücken, bewegt noch hektisch die Beinchen und ist schnell tot. Einen Aufenthalt im offenen Innenhof des Luxushotels Leela Palace an einem Nachmittag ‒ ich war zu einem Snack eingeladen worden ‒ mussten wir beenden, weil das Personal den gesamten Bereich mit einem Insektenvertilgungsmittel einsprühte, so dass alles eingenebelt wurde.
 
Während vor allem Europäerinnen oft hektisch reagieren, wenn die Kakerlaken auftreten, sind sie für die indische Bevölkerung nicht der Rede wert; sie gehören zum Leben. Eine Deutsche erzählte, dass sie in ihrer Wohnung auf einer Matratze auf dem Boden lag und plötzlich aufwachte, als eine Kakerlake gerade über ihr Gesicht lief. Sie hat sich dann doch ein Bettgestell gekauft.
 
In einer Imbissbude lief vor einigen Tagen eine an der Wand entlang, allerdings keine „amerikanische“, sondern eine kleine schwarze, wie sie auch in Europa zu finden ist. Dort habe ich sie während meiner Studienzeit (also schon vor einigen Jahrzehnten) bei der Nachtwache im Krankenhaus, mit der ich mir mein Taschengeld verdiente, öfters gesehen, sowohl in Patientenzimmern als auch in der Etagenküche. Damals wurden nach einem Exitus die Zimmer über Nacht desinfiziert, und am nächsten Morgen sah ich sie trotzdem beim Lüften und Fensteröffnen rasch hinter die Verkleidung laufen. Sie sind also sehr zäh und widerstandsfähig.
 
Kakerlaken sind natürlich nicht nur im Haus zu sehen, sondern auch draussen auf den Wegen und auf der Strasse. Das Leben auf der Strasse ist für sie nicht ungefährlich.
 
Heute Morgen stand ich an einem Kiosk und trank Chai (Tee). Direkt vor mir war eine kleine, enge Strasse, aber mit hektischem Verkehr. Rikschas, Motorräder, PkWs und kleinere Lastwagen fuhren in beiden Richtungen vorbei. Mitten auf der Strasse lief in schnellem Tempo eine Kakerlake. Kurz vor einer Rikscha erreichte sie die andere Strassenseite, lief dort ein Stück, entschied sich dann aber, wieder auf die Strasse zu laufen. Dort erwischte ein Reifen einer Rikscha ein winziges Stück am Ende ihres Körpers. Die Flügel sind so hart, dass die Berührung nicht tödlich war; sie drehte sich aber auf den Rücken, bewegte hektisch ihre Beinchen, so dass der kleine Körper dadurch kreisförmige Bewegungen machte. Das dauerte einige Minuten.
 
Der Verkehr fuhr so, dass sie jedes Mal davon kam, sie befand sich immer gerade neben den Reifen. Ich beobachtete sie, und immer, wenn ein Fahrzeug vorbeifuhr, dachte ich, jetzt erwischt es sie. Aber sie kam davon. Ich überlegte noch, ob ich sie von den Qualen befreien sollte, aber dann drehte sie sich um und lief zur anderen Strassenseite. Dort wartete sie einen Moment, lief dann auf und ab und wieder auf die Strasse. Wieder hatte sie für einige Minuten Glück, der Verkehr berührte sie nicht, bis sie dann zum zweiten Mal vom Reifen einer Rikscha erwischt wurde. Wieder drehte sie sich auf den Rücken, bewegte hektisch ihre Beinchen. Nach einigen Minuten kam sie wieder auf die Beine, wollte wieder weiterlaufen, dann aber fuhr ein Auto geradeswegs über sie hin. Der kleine Körper lag auf der Strasse und rührte sich nicht mehr.
 
Ich musste an den Glauben im Hinduismus denken, dass die Seele auch einen Platz in einem Tier finden kann, sogar in Insekten. Sie wird jetzt auf ihrem Weg zur Erlösung weiterwandern.
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
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