Textatelier
BLOG vom: 29.07.2011

Leuchtstift und -schrift mit aphoristischem Anhang

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Man kann immer etwas erfinden: eine Geschichte, etwa wie diese:
 
Herr Rapolt hat viele Einfälle und ist ein verkappter Erfinder. Nur hapert es in der Verwirklichung grandioser Ideen. Aber diesmal ist ihm der Durchbruch mit seiner Leuchtschrift, die es bis zur Patentreife geschafft hat, gelungen. Mithilfe eines Chemikers entwickelte er eine flüssige Leuchtschrift. Er füllt diese Leuchtschrift in eine leere Kugelschreibermine ab. Damit lässt sich in der Dunkelheit auf gewöhnlichem Papier schreiben und auch lesen.
 
Aber wer schon will in der Dunkelheit lesen und schreiben? Wer ist auf einen Leuchtgriffel angewiesen, jetzt, wo man sich auf elektronischem Zauber in Taschenformat Tag und Nacht verlassen kann? Wie jeder Erfinder war er stolz auf seinen Leuchtstift und schenkte mir einen zum Ausprobieren. Gleichzeitig bot er mir an, mich an diesem Projekt zu beteiligen und wollte mir kurzerhand die Markteinführung aufbinden.
 
Nein, ich wollte seinen Enthusiasmus nicht dämpfen. Das habe seine Zeit, sagte ich ausweichend. Aber er solle sich nicht in Kosten stürzen, ehe er festgestellt habe, ob nachweisbar ein Marktbedarf dafür bestehe.
 
Meine eigenen Einfälle überfallen mich oft mitten in der Nacht. Wenn ich sie nicht sofort festhalte, vergesse ich sie. Wie oft musste ich doch nach dem Lichtschalter tasten oder aufstehen und ein Blatt Papier und Bleistift holen? Jetzt habe ich, dank Rapolt, den Leuchtstift zu meiner Erleuchtung.
 
So schrieb ich gleich in der 1. Nacht in grüner Leuchtschrift:
 
„Klein geschraubte Erwartungen ersparen grosse Enttäuschungen.“
 
Die Inspiration war befeuert, und ich schrieb weiter:
 
„Lassen Sie sich nicht beirren, aber überprüfen Sie zuerst, ob eine Idee tauge und nicht in die Irre führe.“
 
„Viele Einfälle enden in Reinfällen.“
 
„Erfinderisch sein ist gut, doch das Finden ist problematisch.“
 
Genau in diesem Augenblick verkrustete die Mine, und ich musste einen gewöhnlichen Bleistift benutzen für die 3 letzten Sätze:
 
„Das Schreibgerät muss flüssig bleiben; das gilt auch für Gedanken.“
 
„Sich mit kleinen Mitteln behelfen, helfen grosse Absichten schrittweise voran, nach dem Prinzip ‚ein Backstein auf den anderen gelegt, damit lässt sich ein Haus bauen’.“
 
„Vieles im Leben scheitert an Kleinigkeiten.“
 
Soll ich diese Gedanken mit Rapolt teilen? Ich glaube, das wäre eine vergebliche Liebesmühe, wie so viel anderes auch.
 
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