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BLOG vom 26.03.2011


Schreiben: Gedanken, wie aus dem Ärmel geschüttelt?
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wie leicht sich heute Texte am PC schreiben lassen! Schreiben? Das Verb weist auf die ursprüngliche Handarbeit des Schreibens mit Tinte auf Papier hin: Briefe, Gedichte, Erzählungen, Essays. Das Ergebnis sind Manuskripte. Dann kamen die Schreibmaschinen und die PCs. Die Tasten schlucken gefrässig Zeile um Zeile im Nu. Das Ergebnis ist oft nicht mehr als Makulatur wert. Die Kunst des Schreibens wird vernachlässigt. Die Gedankenverknüpfungen fehlen oder wackeln arg.
 
Diesen Aufsatz widme ich der Kunst des Schreibens: dem Schöpfen von Gedanken im künstlerischen Bereich. Aber die Gedanken müssen reifen. „L’encre dont je me sers est le sang bleu d’un cygne.“ „Die Tinte, die ich gebrauche, ist das blaue Blut eines Schwans“, schrieb Jean Cocteau. Damit ist ihm eine poetische Gedankenverbindung gelungen. Diesen Satz hat er nicht einfach aus dem Ärmel geschüttelt.
 
Als Paul Valéry seinen Beruf auf einem Formular angeben musste, schrieb er kurz und bündig: „Artisan en chambre“ (Handwerker in der Kammer). Nochmals zitiere ich Jean Cocteau, diesmal aus einem Auszug seines Diskurses „La poésie sous la Coupole“ (Die Poesie unter der Kuppel [der französischen Akademie]): „… puisque tout effort visible manque de style et que notre travail doive toujours effacer notre travail et n’afficher jamais la grimace dénonciatrice des efforts qu’il nous coûte.“ (Frei übersetzt: Jede sichtbare Mühe entbehrt des Stils und muss ausgelöscht werden, damit unsere Arbeit niemals die verräterische Grimasse unserer Anstrengungen entblösse.)
 
Der flämische Poet der Arbeit, Emile Verhaeren, deshalb so genannt, weil er als Sozialist die Armut der Handwerker beklagte, hat seine Gedichte mit grösstem Fleiss bearbeitet, ehe er sie aus seiner Werkstatt entliess. Dieses Ringen ist aus seinen Manuskripten ersichtlich. Bis das Gedicht druckreif auflag, bedurfte es mehrere „Croquis“ (Entwürfe), mit unzähligen handschriftlichen Verbesserungen kreuz und quer übersprenkelt.
 
Sein Schriftbild gleicht einem Orkan, der die Wellen der Gedanken hochtreibt. Das haben viele Schriftsteller mit ihm gemeinsam, besonders die französischen, die auf gediegenen Sprachumgang Wert legen.
 
„Ohne Fleiss kein Preis“, sagt der Volksmund. Und ich nicke beifällig und beklage, wie oft ich Sätze in den PC giesse, ohne diese vorbereitende Fleissarbeit auf mich genommen zu haben. Diesen Aufsatz skizzierte ich zuerst mit Bleistift auf einem Blatt Papier: eine vergessene Disziplin, die ich in mir wieder aufleben lassen will. Wie weit? Das kommt ganz auf die Art des geplanten Texts an. Auf jeden Fall mache ich mir Notizen, wenn nicht auf dem Papier, so doch im Kopf. Ohne gedankliche Inkubation leidet die Aussage, wie das floskelhafte Geschwätz der Politiker.
 
Der Schwund unserer Sorgfaltspflicht in der Sprache stimmt traurig. Aber ich hege die Zuversicht, dass in der nächsten Generation allmählich ein Wandel, eine Rückbesinnung auf das ehrenwerte Handwerk in allen Bereichen stattfinden wird. Wir werden ausserhalb der Hast unserer Zeit einen neuen Rast und Halt für Gedanken finden: Gedanken, die endlich den blinden Materialismus überflügeln und die echte Lebensfreude wieder erwecken und bestimmen. Vive l’optimism!“
 
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