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BLOG vom 12.03.2011


Vom Vorfrühling genarrt? Im Garten erwacht das Leben
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wer glaubt, der Frühling komme, wird fortzu genarrt. Wir sind erst im Vorfrühling mit seiner langdauernden Vorsilbe. Immerhin konnte ich gestern – die Sonne schien zeitweilig –, mit der Gartenschere gerüstet, die wild wuchernde Heckenrose vom dürren Gezweig befreien. Die dornigen Rosen belohnten grosszügig meine Mühen mit vielen „Chräbeln“ (Schweizer Mundartausdruck für Kratzer).
 
Warum verzichte ich immer wieder auf die Schutzhandschuhe? Eine solche Arbeit, meine ich, erfordert Fingerspitzengefühl. Später, einsichtiger geworden, verstaute ich das tote Gezweig, mit Handschuhen gewappnet, im Plastiksack. Der Wind hatte etwas gegen diesen Sack. Erst als ich einige Stängel quer hinlegte, war der Sack stabil, und ich konnte aufräumen.
 
Auf den Gartenwegen hatte sich viel Kraut (ich verzichte hier auf das Wort Unkraut), eingenistet. Auf einen (Un)Krautvertilger verzichte ich der Vögel wegen. Könnte ich eventuell mit Kochsalz, im Wasser aufgelöst, dem Wildwuchs beikommen? Würde das wirken, ohne die Vögel zu schädigen? Warum wuchert hier das Gras büschelweise, während es dort, wo es wachsen sollte, vom Moos erstickt wird?
 
Mühsam rupfte und zupfte ich den Makel aus dem Weg. Und ehe der Vorfrühling vorbei ist, wird sich das Gras vermehrt haben. Was tun? Am besten nichts.
 
Ein kurzfristiger Sonneneinfall sollte mir eine Ruhepause verschaffen. Kaum hatte ich mich gesetzt, blies der Wind und vertrieb die Sonne hinter Wolken. „Du solltest arbeiten, nicht faulenzen“, tschilpten die Vögel. „Du gehst doch nicht in den Garten, um dich zu erholen“, drohte eine Krähe im Vorbeiflug. Angriffig kämpften Elstern mit anderen Rabenvögeln um Nistplätze in den hochgewachsenen Tannen. Ihr Gezeter war ohrenbetäubend.
 
Ich entdeckte ein Augentrost im grossen Topf: Schnittlauch stiess Triebe durch die Erde. In einem anderen Topf hatte die Petersilie den harten Winter überlebt. Die Rosmarinstaude hatte unsere Fischgerichte, besonders den Salm, den ganzen Winter über geschmackvoll bereichert. Wie gut, dass es so viele immergrüne Kräuter gibt.
 
Wieder brach die Sonne durch. Was suchte die dicke Hummel um diese Jahreszeit? Die Osterglocken waren noch immer geschlossen. Doch der Wirt der Krokusse hatte seine Schenke geöffnet. Dort tummelte die Hummel von einer Nektarschenke zur anderen.
 
Ein Schwarm von kleinen Mücken gaukelte auf und ab, jetzt von Sonnenstrahlen berauscht. Der Schwarm glitzerte wie eine weisse Wolke von Sonnenstäubchen. Hielten sie Hochzeit? Ich kam zum Schluss, dass sie wirklich Hochzeit feierten. Diese dauerte bloss einen Augenblick – ein langer Augenblick im Mückenleben; ist sie vorbei, verlassen Braut und Bräutigam einander. Sie lösen sich aus dem Schwarm und verschwinden. Wohin?
*
Wie gut, dass ich Augen habe, um selbst die ersten Keime des Frühlings zu geniessen. Jetzt verziehe ich mich zufrieden mit Gartenschere und Handschuhe ins Haus, belohnt mit dem, was ich gesehen habe.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
 
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