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BLOG vom 20.07.2010


Der Portobello-Markt in London – verschwindet er?
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Jetzt wollen sich die Spekulanten in die Oase des Portobello-Markts in London einnisten und diesen von Touristen und Einheimischen beliebten Strassenmarkt mit Kettenläden verschandeln. Jammerschade!
 
Meine nachstehende Skizze wurde von der „Arbeiterzeitung“ in Basel im Jahr 1963 veröffentlicht. Dabei bin ich mir bewusst, dass ich das Wort „Neger“ durch „Schwarze“ hätte austauschen müssen. Aber ich stehe zu meinem Originaltext.
 
Dickens – wem drängen sich bei diesem Namen nicht die urtümlichen Gestalten seiner Bücher auf: rasselnde Postkutschen, schnaubende Pferde, peitschenknallende und fluchende Kutscher. Fällt der Buchdeckel, so entschindet unwiederbringlich der Abglanz seiner Zeit. Kein Hausknecht poliert mehr Stulpen, Stiefel und Gamaschen vor dem „Inn“ und beäugelt dabei ein gewisses Stubenmädchen eindringlicher als notwendig. Auch keine ausgemergelten Schreiberlinge, welche die abgeschossenen Stellen ihrer schwarzen Anzüge mit Tinte nachfärben, bleiben sinnend vor ausgehängten Speisekarten stehen, um alsdann doch beim Pastetenbäcker einzukehren. Was bleibt von diesen Tagen übrig? Der Regen, reichlich und anhaltend, das Königreich beständig und unverändert und die schrulligen, spitznäsigen Jungfern mit ihren entsetzlichen Hunden … und sonst?
 
Vielleicht verliert sich der kamerabewehrte Besucher noch in einen Hinterhof im East End, abseits der belebten Strassen, wo ihm der mufflige Geruch vergangener Zeiten entgegenschlägt. Katzen streichen um Abfalltonnen, und vom lecken Dachkännel träufelt es aufs Pflaster. Hier muss es wohl nachts bei Nebel und Regen wie zu Dickens Zeiten spuken.
*
Von einem anderen Überbleibsel möchte ich berichten: dem Portobello-Markt, unweit der Notting Hill Gate Untergrundstation. Für Sammler und Müssiggänger, für alle, birgt dieser Markt einen Anreiz. Der langgezogene Markt beginnt mit Antiquitäten überhäuften Verkaufsständen. Hier wühlt emsig der Sammler und Kuriositätenjäger. Rundbäuchige kupferne Teekannen heben sich über zinnerne Biermasse, die wiederum von hochnäsigen Jugendstilfiguren überragt werden, und scheu verbergen Teller und Krüge ihre angeschlagenen Stellen zwischen allerlei Nippsachen und Silberbesteck. Wer unter all dem Sammelsurium sein Fundstück erkoren hat, wende beim ersten Preis des Händlers zunächst nur leicht den Kopf, wie zum Weitergehen, und der nächstgenannte Preis liegt oft 5 bis 10 Schillinge tiefer. Drauf setze der Kauflustige seinen Preis, worauf der Handel gütlich in beider Mitte abgeschlossen wird.
 
Wer den anschliessenden Gemüse- und Früchtemarkt betritt, wird bemerken: Je tiefer er eindringt, desto bunter und ärmlicher sind der Leute Kleider und niedriger die Preise. Die Weissen werden zur Minderzahl unter Negern, Mischlingen und ihren Kindern. Hier drängt und wogt alles lebhaft durcheinander. Vor einem Warenhaus spielt ein Blinder die Handorgel, und in seine umgehängte Tasche fallen mehr Almosen als in vornehmeren Strassen. In diesem Abschnitt verweilt sinnend der Beobachter, und mancher Schnappschuss gelingt dem behenden Photographen.
 
Der bunteste, wohl auch betrüblichste und einmalige Teil des Markts sind die abschliessenden Kleider und Trödelstände. Neben mir steht eine alte Frau und probiert ein verschossenes, schäbiges Wolljäckchen, das sie für wenige Münzen zu erstehen hofft. Einige Schritte weiter zwängt eine fette Negerin ihren breiten Fuss in ein morsches Schuhwerk und wird dabei von ihren Schwestern umdrängt und beraten. Unbemerkt hockt ein Negerjunge auf dem Randstein und bietet seine Habseligkeiten an: eine arg mitgenommene Tasse, eine Zange und einige geklaute Löffel und Gabeln. Mitten auf der Strasse versuchen sich Männer im verbotenen Würfelspiel. Ihr Gehabe unterscheidet sich durch nichts von den Leuten in Kursaalkasinos. Stur und verbissen wartet der eine auf den Fall der Würfel, während der andere lässig vorgibt, nur aus Zeitvertreib gesetzt zu haben. Plötzlich flüstert einer dem Spielbesitzer hastig etwas zu, und im Handkerum ist das Spielbrett weggeräumt, die Kisten an den Strassenrand gerückt und die Spieler zu kleinen Grüppchen aufgelöst. 2 „Bobbies“ spazieren ahnungslos vorbei, und kaum sind ihre Helme ausser Sicht, liegt das Brett wieder zum Spiel auf.
 
Wer aufmerksam zwischen all den ramschbeladenen Ständen schlendert, kann mit etwas Glück und für wenig Geld eine Kostbarkeit finden. So stiess ich kürzlich auf eine mit „1784“ datierte, reich mit Ornamenten verzierte, holländische Öllampe, wie sie sonst schwerlich mehr zu finden sind. Bei einem weiteren Streifzug erstand ich ein gut erhaltenes, altes Ölbild, das meisterlich einen in Tracht gekleideten Geiger darstellt.
 
Wer weiss, vielleicht treffe ich hier nächste Woche schon den Leser mit ferienfroher Miene und glänzenden Augen, nach Fundstücken spähend, wobei er jedoch nicht vergessen darf, den Regenschirm unter seinen Arm zu klemmen und die Brieftasche sicher zu versorgen, eingedenk des Satzes über die verschiedenen Kostgänger.
 
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