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BLOG vom 07.07.2010


Soppensee: Ufer umrollt, wie die Stängel des Borstengrases
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Soppensee heisst er, nicht Suppensee. Sein Wasser ist klarer als jede Suppe, die den Namen verdient. Soppen oder Soppa sagt man im Luzerner Hinterland dem Borstgras (Nárdus strícta), dessen steife, graugrüne Blätter eingerollt sind und so zu Borsten beziehungsweise zu starken, einseitswendigen Ähren werden. Anderweitig sind auch Bezeichnungen wie Bürstling oder Hirschhaar üblich.
 
Dieser See mit seinem Borstgras, den die Eingeborenen Soppisee nennen, ist in die sanft hügelige Moränenlandschaft des Luzerner Hinterlands eingeteuft und recht schwierig zu entdecken – ein Glück, dass er noch nicht verlandet ist. Er befindet sich am Rande des Rottals zwischen Ruswil und Menznau LU, oder, anders bezeichnet, etwa 3 km nördlich von Wolhusen bzw. am südlichsten Zipfel der Gemeinde Buttisholz. Strassen führen nicht an sein Ufer, sondern in respektvollem Abstand an ihm vorbei.
 
Ich fuhr am 28.06.2010 zum Weiler Seehof (Gemeine Menznau), etwa 300 m vom Nordwestufer des Seeleins entfernt, wo mir ein grosszügiger Landwirt, ein vom Zupacken gestählter Mann im mittleren Alter, auf meine Anfrage hin ohne Weiteres gestattete, mein Auto beim nahen, im Zerfall begriffenen Stadel abzustellen, über dessen Holztor „KANDI FISCHER 1753“ geschrieben steht. Im Allgemeinen empfiehlt es sich aber, den kleinen Parkplatz beim Weiler Soppensee, der zur Gemeinde Buttisholz gehört und wo sich eine Lama-Zucht etabliert hat, zu benützen. Im Moment waren gerade Esel auf der Weide.
 
Vom Seehof aus begab ich mich zuerst einmal ein Stück weit den Geissberg zum Galgenbergwald hinauf, um einen besseren Überblick über den Soppensee zu erhalten, der mit einem grünen Band aus Gräsern, Büschen und Bäumen umgarnt ist, fast eingerollt in einen grünen Saum. Im Seeporträt, das Rudolf Michel verfasst und in der „Heimatkunde des Wiggertals 1997“ publiziert hat, wird der kleine Mittellandsee als „ein grosses Auge inmitten landwirtschaftlich genutzter Flächen“ treffend charakterisiert. Nur die Grössenangabe stimmt nicht: Der Seespiegel ist nicht 1 km2 gross, sondern höchstens ¼ davon, wie ein Blick auf die Landeskarte 1:25 000 („Wolhusen“) eindeutig ergibt.
 
Die Soppensee-Geschichte
Nach dieser Karte ist der Soppensee maximal 29 m tief. Dann beginnt der Grund mit einer rund 8 m dicken Schicht von Sedimentablagerungen, wie Kernbohrungen in den Jahren 1986, 1989 und 1991 ergeben haben. Dabei wurden Tausende von feinsten Warven (Jahresschichten) aus ausgefälltem Kalk, abgestorbenen Algen und anderem organischem Material beobachtet. Zudem förderten die Bohrkerne Kleinkrebse, Mückenlarven, Samen, Blätter, Nadeln, Pollen und Reste von Kiesel- und Goldalgen zutage.
 
Mit Hilfe der Pollenanalyse konnte die Vegetationsgeschichte des Soppensees und seiner Umgebung rekonstruiert werden: Nach dem Gletscherrückzug vor 15 000 Jahren ähnelte die Landschaft des Luzerner Hinterlands zunächst einer Steppentundra, die mit Moosen und Zwergsträuchern bewachsen war. Dann stellten sich Zwergbirken und Zwergweiden ein, aber auch Süss- und Sauergräser, Wermut, Sonnenröschen, Kreuzblütler, Gänse- und Hahnenfuss. Bei der Klimaerwärmung zwischen 11 300 und 10 400 vor unserer Zeitrechnung kamen Sanddorn und Wacholder hinzu, später dann Kiefern, und allmählich breiteten sich Laubmischwälder aus: Hasel, Ulme, Eichen, Linden Ahorn und viele Eschen – sie sind immer noch da; auch Erlen sind gut vertreten.
 
Der Wasserzufluss zum See scheint nur aus den vielen Entwässerungsrohren (Drainageleitungen) zu bestehen; doch sickert auch aus dem Seegrund Grundwasser ein. Das Seewasser aber wird nur ungenügend umgewälzt, weil der kleine See relativ tief und an windgeschützter Lage ist. Es handelt sich also um ein sauerstoffarmes (eutrophes) Gewässer.
 
Diese Angaben sind der erwähnten Jahresschrift entnommen. Rudolf Michel berichtet in seiner gut dokumentierten Arbeit ferner über die ersten Menschen am Soppensee, die aufgrund von Funden von Schlacken (von der Verhüttung oder Schmiedearbeiten), Resten von Feuerstellen und einem Eisenschmelzofen in 40 m Seetiefe usw. auf die Zeit von 8000 bis 5000 v. u. Z. datiert wurden. Als Eisenrohstoff wurde das „Mooreisen“ genannte Bohnerz (Sumpfbohnerz, Limonit) verwendet, das von Eisenalgen und Eisenspaltpilzen gebildet wird.
 
Die mesolithische (mittelsteinzeitliche) Besiedlung des heutigen Luzernerbiets dürften sich laut Untersuchungsresultaten von Josef Speck und Fritz Hürlimann vom Wauwilermoss noch weiter nach Süden erstreckt haben.
 
Der See wurde 1545 von der Stadt Luzern für 1000 rheinische Gulden an den Luzerner Ratsherrn Jakob Feer II. (1508‒1550) verkauft. Heute ist Bernhard Pfyffer-Feer Eigentümer, ein direkter Nachfahre von Jakob II.
 
Rundherum
Den Ausfluss des Sees, der zum Seebach wird, überquert ein Holzsteg mit Drehkreuz, und hier begann ich meine Rundwanderung im Uhrzeigersinn. Ganz in der Nähe steht eine kleine Kapelle, ein „Chäppali“. Sie, wie auch das nahe Wegkreuz, sollen wegen einer Schlangenplage errichtet worden sein. Es kann sich bestenfalls um harmlose Ringelnattern gehandelt haben; doch die Bibel verteufelt Schlangen leider als Inkarnationen des Bösen, ein böser tierschützerischer Ausrutscher.
 
Man muss schon sehr bedächtig einherschreiten, um für den Rundgang um den maximal 800 m langen und 400 m breiten See eine volle Stunde aufwenden zu können. Er ist infolgedessen für Anfänger im Wandern bestens geeignet. Ich vertrödelte etwas Zeit damit, indem ich mich immer wieder auf ein Bänklein niederliess und sah, hörte, tief atmete, den Frieden empfand, das Leben in seiner Fülle nach der Zen-Philosophie lebend.
 
Die mit einem roten Schutzlack beschrifteten Bänklein tragen auf der Rückenlehne die Namen der Gemeinde, auf deren Gemarkungen sie stehen, und sie vermitteln dadurch Geografieunterricht. Das östliche Ufer gehört zu Ruswil (Amt Sursee), das südliche und westliche zur grossen Gemeinde Menznau (Amt Willisau).
 
Der Wanderer mag sich bei solchen Gelegenheiten an den schönen, noch verbliebenen Schilfflächen erfreuen, den Vogelstimmen lauschen und die pompöse Aufmachung des Kopfs eines vorbeischwimmenden Haubentauchers bewundern. Dieser Vogel baut sein schwimmendes Nest gern im Schilf, fängt Jungfische und muss dabei sehr auf der Hut sein, dass Blässhühner und Krähen seine Eier nicht stehlen. Auf Schilfhalme ist auch der Teichrohrsänger angewiesen, der nach dem Winterurlaub in Afrika sein tiefes, wie ein Essnapf geformtes Nest gern an solchen Halmen befestigt. Der See wird wegen seiner Lage in Alpennähe von durchziehenden Wasservögeln gern aufgesucht. Es war aus solchen Gründen berechtigt, ja angezeigt, dass er schon 1961 unter Naturschutz gestellt wurde; die Schutzzone um den See beträgt 50 m. Das Baden ist untersagt. Mit dem Fällen von Bäumen wurde versucht, den Schilf- und Seerosenbestand zu beflügeln. Das erste Sumpfborstengras habe ich bei einem ins hinaus Wasser führenden Holzbrett gesehen, wo ebenfalls einige der wenigen Seerosen waren.
 
Die Ruhebänklein empfangen den Wanderer an Stellen, an denen das Ufer frei zugänglich ist und der See überblickt werden kann. Man sieht darin gelegentlich Jungfische herumschwimmen, was den angeblichen, bereits im 17. Jahrhundert erwähnten Fischreichtum bestätigt: Egli, Karpfen, Rötel, Schleie, Hasel, Zahnder und wenig Forellen. Schon damals wurde Balchenlaich vom Sempachersee in den „Soppisee“ verfrachtet – „zwen gute Züber voll“ (2 stattliche Zuber voll). Pro Jahr werden heute etwa 50 bis 60 Hechte gefangen, zumal auch Hechtbrütlinge eingesetzt werden. Auch Soppenkrebse (aus Deutschland eingeführte Edelkrebse) soll es darin geben, die an Luzerner Schlemmerlokale verkauft werden. Der See, auf Buttisholzer Gemeindegebiet gelegen, ist von der Fischereigesellschaft Soppensee gepachtet.
 
Der angenehm schattige Rundweg ist unproblematisch, gut unterhalten, führt teilweise über Naturboden, hat dann wieder einen Mergelbelag oder er ist mit Hackschnitzeln bedeckt. Am Ende des Rundgangs bedauert man, dass der entspannende, unspektakuläre Spaziergang schon beendet ist.
 
Buholz
Nur etwa 600 m südlich des Sees ist der Weiler Buholz, ein Ortsteil von Ruswil, mit dem auffälligen Schloss, einem verspielten Bau mit Klebedächern, Balkon, Sprossenfenster mit gestreiften Läden und einer gross proportionierten Lukarne mit Runddach. Es wurde 1912 erbaut, 2006/07 restauriert (http://www.a6net.ch/media/dl/projektblaetter/restaurationen/Schloss-Buholz.PDF). Das Herrenhaus muss zuerst noch etwas an Alter zulegen, um kunsthistorisch überhaupt wahrgenommen zu werden.
 
Der Weiler macht keinen architektonisch geschlossenen, harmonischen Eindruck, sondern er wirkt zusammengestückelt. So gibt es hier einen Speicher Amrhyn, die Kapelle St. Gallus und St. Erasmus und eine grosse Käsereigenossenschaft, vor der gerade Milchtankwagen ihre Ladung los wurden. Die Bautenversammlung wirkt wie hingestellt und nicht abgeholt; jedes Haus hat seinen eigenen Charakter.
 
Menznau
Anschliessend machte ich einen Besuch im 3 km westlich davon gelegenen Menznau (Amt Willisau). Auf der Gemeindekanzlei im ehemaligen Dorfschulhaus von 1878 wurde ich freundlicherweise mit Dokumentationsmaterial eingedeckt und konnte noch kurz mit dem Gemeindeammann Beat Blum reden.
 
Die Gemeinde beeindruckt weniger durch ihre Bevölkerungszahl (rund 2800 Personen) als vielmehr durch ihre Fläche von 30,4 km2, wovon 58,5 % von der Landwirtschaft genutzt werden. Die wichtigste Arbeitgeberin ist die Firma Kronospan, die u. a. Spanplatten produziert. Menznau ist eine der umfangreichsten Gemeinden des Kantons Luzern, reicht bis an den Soppensee heran und nennt auch die Dörfer Geiss und Menzberg, auf 1016 Höhenmetern auf einem langgezogenen Grat gelegen, ihr eigen.
 
Im Napf-Umfeld
Über den Weiler Twerenegg fuhr ich in jenes Bergdorf Menzberg hinauf. Dort, auf dem typischen Ausläufer des Napfs, endet die Fahrstrasse; ein grosser Landgasthof, das „Hotel Menzberg“, steht am Dorfeingang. Die Aussicht ist grandios. Weil der Napf während der jüngsten Eiszeit nicht vergletschert war, konnten Gewässer, die staubförmiges Gold mit sich führten, Furchen in die Talhänge schneiden, wobei Eggen und Grate als Erhebungen zurückblieben, zwischen denen Täler verlaufen, beste Voraussetzungen für eine vielfältige Flora und Fauna – sogar das Auerhuhn soll dort noch vorkommen. So entstand im Napfgebiet eine der schönsten voralpinen Landschaften der Schweiz.
 
Am Nordhang des Napfs entspringt die Wigger, die dort oben Enziwigger heisst und etwa 3 km westlich von Menzberg in Richtung Hergiswil LU ins Willisauland fliesst. Rund 1 km westlich von Menzberg hat die Buechwigger den Chanzelgraben ausgehoben, der ebenfalls Willisau zustrebt. Nach der Buechensagi verliess ich die nach Menznau führende Strasse nach links. Die asphaltierte, oft steil abfallende Strasse nach Willisau führt über niedriger werdende Hügel und vorbei an Feldern, von denen eben Heu geerntet und in die Scheunen gekarrt wurde. Sie endet nach dem Weiler Schülen in Willisau Stadt.
 
Schloss Wyher
Und wenn man schon in diesem Gebiet ist, kann man je nach Hin- oder Heimreiseroute vielleicht noch den Weg über Ettiswil‒Grosswangen an der Strasse, die ins Rottal führt, wählen und einen Blick aufs Wasserschloss Wyher mit dem englischen Garten und dem Wassergraben werfen, das man mindestens umrunden kann. Die 1963 durch einen Blitzschlag zerstörte Anlage, die kurz vorher unter Denkmalschutz gestellt worden war, wurde mittlerweile wieder aufgebaut und sieht aus, als ob sie direkt aus einer Waschanlage mit angegliederter Malerei kommen würde.
 
Wer sich in die Schloss-Geschichte einlässt, begegnet bekannten Namen. Auf einer Orientierungstafel steht: „Wyher wurde erstmals 1304 erwähnt. Mehrere niederadelige Geschlechter hatten im Hochmittelalter Anteil an der Herrschaft Wyher. Über 350 Jahre waren Schloss und Hofstatt Wyher im Besitze der 2 Luzerner Patrizierfamilien Feer (14801588) und Pfyffer von Altishofen und Wyher (1588‒1837).“
 
Ludwig Pfyffer war ein bekannter Kriegsherr in französischen Diensten und Staatsmann (1524‒1594), der wegen seines grosses politischen Einflusses auch als „Schweizerkönig“ genannt wurde.
 
Das Schloss Wyher, das Ludwig Pfyffer 1588 erwarb, gehört zur Gemeinde Ettiswil, dem „Florenz des Luzerner Hinterlands“, eine etwas gewagte Metapher. Dieses Hinterland befriedigt jedoch alle jene, die das Hinterwäldlerische suchen, ebenso wie Leute, die sich in einer mit Naturäusserungen und (religions-)geschichtlichen Relikten reich ausgestatteten Kulturlandschaft umsehen möchten. Das Angebot ist überraschend gross.
 
 
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