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BLOG vom 04.03.2010


Eingefleischte Gewohnheiten: das Pro und das Kontra
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der Konsum von Drogen inklusive Nikotin und der Alkoholmissbrauch gehören eindeutig zu den schlechten Gewohnheiten, die diesmal hier aber nicht erörtert werden sollen. Zu den positiv zu wertenden Gewohnheiten sind jene zu zählen, die uns gut tun: Spaziergänge zu bestimmten Tageszeiten, gleichgültig, ob die Sonne scheint oder nicht. Sie halten uns in Gang. Vielleicht braucht es einen Hund, der uns dazu zwingt, denn er will sich vom Stuhldrang befreien. Wir können dabei unseren Gedanken nachgehen und erst noch unsere Beobachtungsgabe schärfen.
 
Auch Mahlzeiten zu gesetzter Zeit im Alltag sind uns bekömmlich. Wir sind uns auf sie eingespielt, desgleichen der Schlaf zur gegebenen Stunde – verbunden mit dem Erwachen zur gewohnten Zeit. Diese Gewohnheiten sichern uns einen klaren Kopf für Arbeit und Pflichterfüllung.
 
Wer nach vielen Jahren die Wohnung wechselt, findet die Lichtschalter nicht mehr blindlings, sondern muss nach ihnen tapsen. Er muss sich umgewöhnen und anpassen. Aber das sind Bagatellen, mit denen man sich leicht abfindet.
 
Wer jedoch im normalen Alltag an den Schablonen der Gewohnheiten kleben bleibt, dem sei Abwechslung empfohlen. Ohne Abstecher von eingefleischten Gewohnheiten verkümmern wir, werden uns und anderen langweilig. Die Elastizität innerhalb und ausserhalb von Gewohnheiten verhindert, dass wir in ihnen erstarren.
 
Wer eine künstlerische Tätigkeit verfolgt, darf sich zeitweise eine Dispens verschreiben, denn die Kunst erfordert gewohnheitsmässig viel Disziplin – in anderen Worten: ein festes Pensum. Das trifft u. a. auch auf den Aktivsport zu.
 
Ich reihe auch Pausen zu den wünschenswerten Gewohnheiten ein. Wer viel hinterm PC sitzt, sollte solche Pausen einschieben und sich strecken und recken, dem Rückgrat zuliebe. Die Kaffeepause gehört mit zum Erholungsritual. Auch der PC wird für diese Verschnaufpause dankbar sein …
 
Nun gibt es Gewohnheiten, die leicht zur Sucht ausarten. Zu diesen rechne ich die Putzsucht vieler Hausfrauen. Der Montag gehört dem Staubsauger, am Dienstag werden der Küchenboden und das Badezimmer gereinigt und erst noch alle Wasserhähne auf Hochglanz poliert. All das allwöchentlich. Dabei soll der Hausfrau ja kein Mann über den Weg laufen.
 
Viele Männer pflegen mit gleicher Ausdauer ihr Auto, waschen und polieren es: ein wöchentlich wiederholtes Zeremoniell. Wehe, wenn dabei ein Hund sein Bein hebt …
 
Gewisse Gewohnheiten gilt es zu drosseln, allein schon um der Fettsucht vorzubeugen. Das bezieht sich auf das stundenlange Sitzen auf bequemem Polstermöbel vor dem Fernseher. Das geht so weit, dass Mahlzeiten vor dem Fernseher eingenommen werden, besonders wenn ein Fussballmatch aufgetischt ist. Jedes Gespräch versiegt – es wird gegrölt, wenn ein Tor ein Tor auf der Seite des vom Betrachter unterstützten Clubs schiesst und gewinnt. Das Familienleben ist futsch. Für mich ist der Massensport zum Gräuel geworden. Schalte ich die Fernsehnachrichten an, gewinnen die dem Sport gewidmeten Nachrichten den Vorrang. Andere Aktualitäten werden als nebensächlich an den Rand gedrängt, besonders in England (und wohl auch anderswo). So drücke ich gewohnheitsmässig  die „Stummtaste“, bis die Sportnachrichten vorbei sind.
 
Wer behauptet, er/sie sei kein Gewohnheitstier? Ich am allerwenigsten. Als Zeitungsleser kaufe ich mir jeweils am Samstag „The Daily Telegraph“ und am Sonntag „The Sunday Times“. Selbst wenn ich in Basel bin, kaufe ich sie entweder im SBB-Hauptbahnhof oder im Kiosk beim Barfüsserplatz. Kaum ist der Frühstücksraum im Hotel offen, setze ich mich an „meinen Tisch“ vor dem Fenster. Wenn immer möglich, steige ich im gleichen Familienhotel ab. Ach ja, am Samstagmorgen bummle ich gern durch den Ramschmarkt auf dem Petersplatz. So haben wir alle unsere eigenen liebgewonnenen Gewohnheiten, wo immer wir sind – oder gewinnen neue hinzu, der Abwechslung zuliebe.
 
Viele Gewohnheiten sind eigentlich Rituale, worunter das Messezeremoniell in der Kirche. Gemeinschaftlich gepflogene Rituale meide ich, da ich persönliche Rituale vorziehe. Jetzt, nach dem harten Winter, wartet uns der März auf. Endlich kann ich wieder meinen Rundgang durch den Garten frühmorgens vor Arbeitsbeginn aufnehmen. Die Natur erwacht aus dem Winterschlaf. Den Osterglocken entspringen die Vorboten von Blüten. Der Schnittlauch stösst grüne Spitzen durch die Gartenerde. Noch schlummern die Primeln, doch die Hyazinthen recken sich. Die Heckenrosen verstecken ihre Stacheln unterm sich entfaltenden Blattgrün. Wann treiben die Reben ihre Knospen, bis sie platzen? Welche Setzlinge oder Stecklinge haben Wurzeln gefasst? Der Schnittlauch hat unter der Schneedecke überlebt. Dieses Gedeihen und Wachsen verfolge ich allmorgendlich als mein bevorzugtes Ritual. Die Vögel zwitschern wieder kräftiger. Ihr Morgengesang erquickt mich. Ein Blog wartet mir auf – zum Lob der selbst gewählten Gewohnheiten.
 
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