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BLOG vom 28.02.2010


Traumwelten: Virtuelles Leben in aller Ewigkeit – Amen!
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
(Das Wort „virtuell“ hat sich auch in unserer Sprache eingebürgert und flunkert den Menschen eine Quasi-Wirklichkeit vor, wie in meinem Blog vom 25.12.2006: „Flucht ins virtuelle Leben: Auf ins 2. Leben dank Linden!“ dargestellt.)
*
Wer aus dem Erdenleben scheidet, hinterlässt mehrheitlich wenige oder überhaupt keine Spuren, ausser allenfalls auf dem Grabstein, bis dieser verwittert ist. Ausnahmen finden in der Geschichte Unterschlupf.
 
Ein Akademiker und Schöpfer des virtuellen Lebens, Gabriel Nirwan, hat der Nachwelt eine Theorie hinterlassen, die selbst Atheisten und Agnostiker gutheissen: Mit dem Tod erlischt das Leben nicht. Man kann selbst ohne Leib ewig weiterleben, genau wie dieser Akademiker, der vor 168 Jahren gestorben ist. Wie ist das möglich – und erst noch ausserhalb der Glaubensbekenntnisse? Einige Fragmente bringen es an den Tag, die Gabriel seinem Ghostwriter zugeflüstert hatte, nachstehend mitsamt dessen Anmerkungen versehen.
 
Der Ghostwriter äussert sich: Wir alle leben teilweise in einer virtuellen Existenz. Das kann im Traum sein. Wir wollen anders sein als wir sind: Kein IT-Spezialist wird diesen Wunsch haben, doch ein Boxer will in der Virtualität sein. Genau so wie der Spieler im Kasino in seiner virtuellen Vorstellung auf einen Riesengewinn hofft, damit er in Saus und Braus das Leben geniessen kann. Gabriel Nirwan hat mir posthum bruchstückhaft gewisse Erlebnisse nach seinem Tod im Jahr 1842 mitgeteilt:
 
Befreit von meiner leiblichen Hülle, durchflog ich die Milchstrasse, um dort einen mir genehmen Ort zu finden für mein ewiges Leben, jenseits meiner Vergangenheit. Schon während meines Erdendaseins war ich ein rastloser Geselle. Kaum war ich in einem Ort, wechselte ich ihn. Kaum war ich verheiratet, wechselte ich die Frau. Man ändert sich nicht, selbst nicht in der Ewigkeit. Aber ich war entschlossen, meine ewige Bleibe zu finden. Also: Warum nicht die alte Welt wählen. „Was willst du dort?“ fragte mich ein Geist entgeistert. „Die Welt ist unheilbar versaut und voller Elend.“
 
Ich bin auch ein hartnäckiger Kerl und kümmerte mich nicht darum, welche neue Welt ich in der alten vorfinden werde. Die Welt mochte ein faules Ei sein. Das war mir einerlei. So tauschte ich meinen Fixstern gegen die Welt ein.
 
Auf der Milchstrasse gibt es keinen Hunger. Kaum aber war ich wieder auf der Welt, plagte mich der Hunger, Geist hin oder her. Der Geist und die Gespenster, und das soll sich der Erdenbürger merken, kennen weder Wände noch Einwände. Ich schlüpfte kurzerhand in einen Gast, der sich eben an den Mittagstisch im Hotel Dolder setzte. Meine Laserstrahlen strahlten, wie mir eine „Canard à l’orange“ auf dem Menü aufleuchtete. Mein Gast wählte die Ente auf mein unhörbares Geheiss, mitsamt einem Spitzenwein. So genoss ich die Gaumenfreuden meines Gasts virtuell (quasi) mit, weitaus besser, als mir je eine wirkliche Mahlzeit geschmeckt hat.
 
An dieser Stelle vermerkt der Ghostwriter im Weiteren: Allem Anschein nach amüsierte sich Gabriel köstlich, als er alle Annehmlichkeiten des virtuellen Lebens auskostete. Keine reizvolle Dame verweigerte sich. Er genoss die Liebe, im Liebhaber eingenistet, wiederum virtuell und viel genussvoller als der wirkliche Liebhaber.
 
Oben auf der Milchstrasse gab es keine Müdigkeit. Diese entdeckte er im faulen Apfel (New York), eine Stadt, die nie schläft. Flugs suchte er seine Schlafstätte auf den Bahamas auf, bei einer Dame auf einer Yacht. „Lass dich nicht wecken. Schlafe süss.“ Er wollte noch sagen: „mindestens 10 Stunden.“ Das gelang ihm nicht mehr, denn in der Ewigkeit ist jedes Zeitempfinden ausgeschaltet. Es gibt dort keine Uhren. Immerhin hatte er sich im Schlaf der Dame hinreichend ausgeruht.
 
Ein Geist findet sich leicht in die Technologie ein, die sich seit seinem irdischen Ableben rasant entwickelt hat. Die IT tat es ihm an, weil sie sich dort virtuos virtuell entfalten konnte. Er spielte mit den Viren und richtete dabei viel Unheil an, bis tief hinein ins US Ministry of Defense.
 
Als Mensch hatte Gabriel ein gesundes Rechtsempfinden gehabt, das sich, seitdem er Geist geworden, wesentlich verstärkt hat. Er empfand es als Schande, dass die USA unter falschem Vorwand einen neuen „Surge“ in Afghanistan angezettelt hatte. Wie gesagt, fehlte Gabriel als Geist jedes Zeitempfinden, und er konnte via Viren dem Computer nur den Befehl eingeben: „Die Amerikaner verlieren den Krieg in Afghanistan“. Dabei wusste er nicht, dass die USA den Krieg bereits verloren haben …“
 
Hier flüsterte Gabriel seinem Ghostwriter wieder zu: „ Ich bin besorgt, dass Schänder der Menschheit und der Umwelt ebenfalls am ewigen Leben teilnehmen, mitsamt dem Teufel. Fortan will ich meine Ewigkeit damit verbringen, diese allesamt ums ewige Leben zu bringen.“
 
Der Ghostwriter äusserte sich betrübt, dass er noch einige Jahre auf der Erde absitzen müsse, ehe er sich zu diesem Geist bekennen könne. Unterdessen hat der Geist seine Säuberungsaktion begonnen. Warum er den Vatikan zuerst aufs Korn genommen hatte, ist geschichtlich begründet. Ich denke dabei an die Inquisition als ein eklatantes Beispiel im langen Sündenregister der Kirche.
 
Die ganze Welt staunte, als sich der Papst in seiner Osteransprache im Namen der Kirche für den Machtmissbrauch und die Schandtaten entschuldigte und sich dabei sogar eine Träne aus den Augen wischte. Ich wusste, dass dabei der Heilige Geist im Spiel war. Zur Sühne versprach der Papst, die angehäuften Schätze an Bedürftige zu verteilen und selber als Bettelmönch ohne jeden Pomp seinen Weg zu gehen. Inzwischen ist der Papst in einer weissen Wolke ins ewige Leben verschwunden, was mich nicht verwundert. Schliesslich hat er Sühne geleistet.
 
Gabriel meldete sich ein letztes Mal: „Ja, ich verweile noch immer in der Welt und habe wahnsinnig viel zu tun. Immerhin habe ich dazu meine Ewigkeit, um die Welt von den Schurken zu befreien.
Das wird eine Ewigkeit dauern.“
 
Hinweis auf ein weiteres Baschnonga-Blog zur Virtualität
25.12.2006: Die Flucht ins Virtuelle: Auf ins 2. Leben dank Linden!
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