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BLOG vom 17.01.2010


England: Verkümmerter Sprachschatz bei Jugendlichen
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wie weit ähnliche Einschränkungen in der deutschen Sprache feststellbar sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Hier schildere ich den englischen Sprachgebrauch in England, wie er zunehmend von Kindern und Jugendlichen der heutigen Generation gehandhabt wird, und dessen Folgen.
 
Die englische Sprache ist reich, vielfältig und sehr aufnahmefähig, und das Vokabular hat sich auf 1 Million Wörter erweitert. Dessen ungeachtet, stellte Professor Tony McEnery von der Lancaster Universität in England in einer Untersuchung fest, dass der Sprachgebrauch bei Jugendlichen auf 800 Wörter im täglichen Umgang geschmolzen sei. Dieser Befund jedoch ist umstritten. Das wird dem so genannten „teenspeak“, d. h. im Textaustausch via elektronische Medien zugeschrieben. Diese Texte enthalten einfache, kurze Wörter, oft Kurzformen, und sind vom Slang durchsetzt. Letztere Beispiele sind „chenzed“ (müde oder betrunken), „spong“ (statt „silly“ für lächerlich), „lol“ („laugh out loud“ ‒ laut Herauslachen). Ich bin ganz für kurze und aussagekräftige Wörter, doch nicht für diese.
 
In der Metro habe ich immer wieder die Gelegenheit, Brocken von Gesprächen zwischen Jugendlichen aufzuschnappen, die von Grunzlauten und dem immer wieder einfliessenden „f...“ durchsetzt sind – entsetzlich anzuhören. Der Sprachunterricht lässt viel zu wünschen übrig. Jugendliche, die sich nicht verständlich ausdrücken wollen oder können, geraten bei der Stellenbewerbung, selbst als Verkaufspersonal, ins Hintertreffen. Das ist keine Mundart mehr, sondern vielmehr Mundunart.
 
Es wird dem Fernsehen angelastet, dass Kinder die Sprache immer später erlernen und ausreichend beherrschen. Der Fernseher bleibt stundenlang angeschaltet. Selbst Kleinkinder haben in ihrem Zimmer ein TV-Gerät. Die Zeit zu Gesprächen zwischen Eltern und Kindern ist beschnitten. Wer liest ihnen heute noch Geschichten vor dem Einschlafen vor? Wer kriegt sie überhaupt noch rechtzeitig ins Bett?
 
Kinder sind neugierig und aufnahmefähig, aber diese wichtigen, von der Natur mitgegebenen Fähigkeiten welken rasch, wenn sie nicht stimuliert werden. Hinzu kommt der Spieltrieb, den es zu fördern gilt. Dieser entwickelt die persönlichen Kontakte zwischen Gespielen und kann durch kein elektronisches Spielzeug ersetzt werden. Als Erwachsener kann ich nicht einsehen, warum ich mein Schachspiel gegen einen elektronisch programmierten Gegner führen sollte. Warum sollen Kinder mit vorgekauten Programmen abgespiesen werden? Her mit Farbstiften und Papier! Das stärkt und beflügelt die Phantasie. Und sie brauchen jemand, der Anteil nimmt und dem sie ihre Zeichnungen zeigen können. Jemand, der sie lobt und anspornt, wie es etwa die Grosseltern zu tun vermögen. Kinder sind mitteilsam, aber mit gestutztem Sprachvermögen verlieren sie den Anschluss an die weite und wundervolle Welt.
 
Bei manchen Erwachsenen spürt man leider, was ihnen in der Jugend gefehlt hat. In sich gekapselt, wissen sie nichts vom Wert der wahren Freundschaft und Liebe und jagen immerfort ihrem eigenen Vorteil nach. Sie leben am Leben vorbei. Das äussert sich auch in der Handhabung der Sprache. Das Traurigste aber ist, dass ihre Kinder genau das entbehren, was schon den Eltern gefehlt hat. Ein Allgemeingut, das nicht von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, verliert sich unwiederbringlich.
 
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