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BLOG vom 02.10.2009


Vignetten aus Paris – ganz nach meinem Geschmack
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Schon unzählige Male habe ich Paris zuvor besucht. Es ist und bleibt meine Lieblingsstadt und birgt für mich viele Erinnerungen. Auch diesmal frischten meine Frau und ich alte Erinnerungen auf und gewannen neue, während unseres Aufenthalts (vom Sonntag, den 20.09., bis und mit Mittwochabend, 23.09.2009) bei wunderherrlichem Nachsommerwetter.
 
Palais Royal
Der lang gestreckte und rechteckige Garten mit den Alleebäumen, wie eine Ehrengarde aneinander gereiht, ist innerhalb des von Arkaden und Boutiquen gesäumten Platzes, etwas versteckt. Dort steht die Zeit so still wie das Spalier der Bäume, mitten im Herzen von Paris, unweit des Louvre. Ich lasse die Geschichte des Palais Royal links liegen und biege rechts zum grossen Marmorbecken ab. Der Wasserspeier wirbelt Fontänen hoch, von der Nachmittagssonne glitzernd bestrahlt.
 
Dieser Park ist eine Oase für die Pariser und wird nur von wenigen Touristen durchstreift. Ältere Herren und Damen verweilen dort stundenlang, plaudernd oder lesend. Kleinkinder tummeln sich. Endlich wird ein Stuhl frei. Ich setzte mich und stütze meine Füsse auf den von Sohlen polierten Marmorrand des Beckens. Die Wassermusik – vom Geplätscher des Tropfenregens orchestriert – lullt mich ein. Ich blinzle auf das sanfte Wellenspiel. Mir scheint, als schlängelten sich zahllose Goldschlangen, zum Schleier verstrickt, im Wasserspiegel. Sie haben die goldenen Sonnenstrahlen aufgesaugt, wie ich meinerseits die Sonnenwärme aufsauge. Eine innere Ruhe durchrieselt mich. Ich fühle mich von jedem Zwang befreit und habe keinen anderen Wunsch, als dass mein augenblickliches Wohlsein ewig andauern möge.
 
Am nächsten Nachmittag gesellte sich Lily zu mir in diesem Refugium. Sie rekelte sich und nickte ein. Sie erwachte aus ihrer Siesta. Sie habe geträumt, gestand sie mir, dass sie die Waschmaschine auffüllen müsse. So wirkt das Geplätscher des Wassers unterschiedlich auf uns ein.
 
Trocadéro
Der Nachsommer hielt gnädig an. Möglichst rasch wollte ich den Champs Élysées und dem Touristenstrom entkommen. So bogen wir in die Avenue George V ein. Mein Wegweiser war der hochgestreckte Zeigefinger des Tour Eiffel; doch nicht dort war mein Ziel, sondern der wuchtige Troc beim rechten Seine-Ufer, ein Prestigebau im neoklassischen Stil, anlässlich der „Exposition Internationale“ von 1937 eröffnet. Am lauen Sonntagabend hatten wir, ganz in der Nähe des Troc, auf dem Vorplatz eines Restaurants unser Familientreffen gefeiert. Dort entschloss ich mich, den Troc endlich nach vielen Jahren wieder aufzusuchen.
 
Also erklommen wir die Stufen zur ersten Terrasse des Gebäudes. Junge Leute betrieben lärmig ihre Akrobatik auf den Skating-Boards. In die Terrasse ist ein vernachlässigtes rechteckiges Brunnenbecken eingebettet, von grünen Algen überzogen, genau unterhalb der hohen Standfigur des „Génie de France“ des Bildhauers Antoine Bourdelle geschaffen. Verschiedentlich mussten wir zur Seite springen, als die Jünglinge waghalsig hin und her rasten, und wir konnten deswegen den weitfächerigen, allegorischen Art- Déco-Fries von Alfred Janniot, mit vielen mehr oder weniger entblössten Grazien zum Lob der Musen verziert (wie es sich ziemt), nur flüchtig betrachten.
 
Der Treppenaufstieg zum Haupttrakt des kürzlich renovierten Teils des Troc, von Kolonnaden gestützt, hatte sich wirklich gelohnt! Ich entdeckte im Seitenflügel das „Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris“, ausserhalb von Kennerkreisen kaum bekannt. In diesem kostenlos zugänglichen Museum, mit Spitzenwerken aus dem 20. Jahrhundert beschickt, gab es keinen Besucherandrang. Eine Klasse von Kleinkindern hatte sich in der Mitte eines der Ausstellungsräume niedergelassen, und die Kleinen malten nach Herzenslust unter der Aufsicht ihrer Lehrerin. Am liebsten hätte ich mich ihnen angeschlossen …
 
Der Farbenzauber aus der „Fauve“-Periode erfreute meine Augen, u. a. aus den Pinseln von Maurice Vlaminck und André Derain, inbegriffen ihre Keramik-Meisterwerke, gefolgt vom Kubismus, worunter eine „Nature morte à la pipe“ (Stillleben mit Pfeife) von Georges Braque, dazwischen Skulpturen von Henri Laurens „Danseuse espagnole“ (spanische Tänzerin), Jean Arp – ein gebürtiger Elsässer aus Strassburg – mit seiner Abstraktion „Concrétion humaine“, eine Art Metamorphose des Lebens darstellend. Ich weiss, dass Aufzählungen ohne Bildbeigaben langweilig sind, aber folgende Spitzenkünstler muss ich wenigstens namentlich erwähnen: Fernand Léger, Robert Delaunay, Max Ernst, Henri Matisse, Raoul Dufy. Amedeo Modigliani (mit seinem fesselnden Bildnis einer Frau mit Fächer), Kees van Dongen, den Japaner Léonard Foujita, Marc Chagall, Edouard Vuillard, Pierre Bonnard.
 
Wem diese Namen etwas sagen, dem ist diese permanente Ausstellung sehr zu empfehlen. Der Besucher kann diese Meisterwerke in aller Ruhe geniessen. Dort gibt es keinen Stau vor den Bildern. Noch ganz hingerissen von dieser Bilderflut, überquerten wir nachher die Strasse und fanden uns – ja der Farbenzauber hielt an – diesmal im farbenstrotzenden Herbstblumen-Garten des Palais Galliera – Musée de la Mode et du Costume. Mitten im Blumenbeet sichtete ich unverhofft die entzückend ranke Bronzefigur einer Fee von Pierre Roche, ein Kleinod aus dem Jugendstil, die ich am liebsten umarmt hätte – natürlich nur mit der Erlaubnis meiner Frau.
 
Die Kluft zwischen Arm und Reich
Paris voller Anmut, kennt auch viel Armut. Kurz nach unserer Eurostar-Ankunft im Gare du Nord machte ich einen kurzen Spaziergang durch einige abseits liegende Quartierstrassen, während sich meine Frau für den Abend richtete. Um Grossstadt-Bahnhöfe herum gibt es, besonders auch in Paris, viele Drogensüchtige, Bettler und Clochards, die sich aus Weinflaschen volltanken. Einer von ihnen hat seinen Wohnsitz in der Telefonkabine gefunden. Mir aber fielen viele alte Leute auf, die in zerfetzten Kleidern und Schuhen herum schlurfen und darben müssen, aber zu stolz sind, es den Bettlern gleichzutun. Die Sonne hat sie aus ihren Verliesen gelockt. Viele nähren ihre einzigen Gefährten  – ihre Hunde – viel besser als sich selbst. Ich bemerkte einen, der in Abfallkörben nach Essbarem suchte.
 
Als wir uns zum Mittagsessen an ein typisches Rundtischchen mit Gusseisenfüssen setzen, bemerkte Lily unweit von uns auf einer Bank einen armen Schlucker. Aus seinem Sack angelte er ein Stück Brot und trank aus einer gewiss mit Brunnenwasser nachgefüllten Plastikflasche. Das war seine Bank, sein Reich. Er erhob sich und schubste, auf Sauberkeit bedacht, Zigarettenstummel in den Strassenrand. Er schrak zusammen, als ich aufstand und ihm einige Euros reichte. Er bedankte sich auf Spanisch. In schlechtem Spanisch wandte ich mich an ihn: „Quanto es caliente el sol, tenemos mucho placer“. Er nickte breit lächelnd und schickte uns viele „Adios“ nach, als wir weitergingen.
 
Die Wirtschaftskrise, scheint mir, hat ein Preistreiben ausgelöst. 1 englisches Pfund ist heute auf den Gegenwert von 1 Euro abgesackt. Eine Omelette mit Salat und ein Glas Bier kostet im Bistro rund 17 Euro – 17 Pfund! Im Gegensatz zu den Engländern konnte ich von meinen Euros zehren, dennoch störten mich die übersetzten Preise. Im mondänen Teil von Paris, etwa der Rue Saint Honoré entlang, von Luxusläden flankiert, reiht sich Reich an Reich, Touristen aus aller Welt, die sich Luxuskäufe ohne Wimpernzucken leisten können. So ist es überall, und so ist es immer gewesen – ein Armutszeugnis. Ich erinnere mich an die armseligen Vororte von Paris, von Immigranten in tristen Mietskasernen bevölkert, auf der Schwelle der Armut lebend. So ist es überall, und so ist es immer gewesen.
 
Le Louvre des Antiquitaires
Wenn immer ich in Paris bin, besuche ich diese Antiquitäten-Galerie, ohne jemals ein Objekt erstanden zu haben. Mein Einkaufsort war der Marché aux Puces (Flohmarkt – Métro-Station: Porte de Clignancourt), wo man einst Fundstücke preiswert erwerben konnte. Das ist heute leider selten der Fall. Die Broquanteurs (Händler mit Haushaltsgut aus 2. Hand) vertreiben dort zumeist Ramsch. Gute Antiquitäten werden anderswo feilgeboten, u. a. eben im Louvre des Antiquitaires. Diesmal waren viele Galerien geschlossen. Nur wenige Besucher durchkämmten die Geschäfte. Ich erkundigte mich da und dort nach den Preisen von Bronzefiguren. Die befragten Händler wollten mich kaum loslassen und versuchten mich – natürlich umsonst – mit Rabatten zu ködern. Ich hatte ein wichtigeres Anliegen zu verfolgen:
 
„Attaches triangulaires“ ‒ Aufhängsel für Bilderrahmen
Mein Vorrat an diesen Messingdreiecken ist aufgebraucht. Selbst in der Galerie Lafayette wurde ich nicht fündig, aber ich konnte dort immerhin wieder einmal zu der herrlich mit Buntgläsern dekorierte Riesenkuppel hochblicken. Es gibt nur einen Ort, wo man diese Aufhängsel finden kann, wurde mir geraten – im stadtbekannten „BHV“, ganz am Ende der „Rue de Rivoli“, gegenüber dem Hôtel de Ville.
 
Hôtel de Ville und die „Bouquinistes“
Dieser weitschweifige Bau (1837 erbaut) wird der Neorenaissance zugeordnet und prunkt nächst dem Seine-Ufer. Ich stand ihm nach erfolgreichem Kauf der „attaches triangulaires“ erstmals gegenüber. Kann dieser pompöse Bau als Krone der „Hausmann-Architektur“ bezeichnet werden? Die 136 Nischen sind von Skulpturen der Pariser Prominenz besetzt. Eindrücklich oder erdrückend? Das bestimmt der persönliche Geschmack. Im Gebäude gibt es durchs ganze Jahr viele Ausstellungen, die kostenlos besucht werden können. Doch der Tag war für uns viel zu schön, um uns in den Eingeweiden dieses Riesenpalasts zu verlieren. Stattdessen erholten wir unsere Beinmuskulatur auf einer Bank, ehe wir die „Bouquinistes“ abklopften – in Richtung Saint Germain des Prés. Die grünen Kästen mit Büchern sind an der Seine-Abschrankung angehängt und gehören mit zum Wahrbild von Paris. Viele Miniatur-Eiffeltürme werden dort an Touristen verkauft und Reproduktionen der berühmten Pariser Plakate.
 
„Vélib“
Leider ist Lily keine Radfahrerin, sonst hätten wir (vielleicht) 2 dieser Mietvelos gesattelt, wie uns das Schuhwerk zu drücken begann. Diese Innovation geniessen mehr und mehr Pariser, um sich umweltschonend und zeitsparend durch den dichten Verkehr zu schlängeln. Die Holländer haben die mit dem Velo verbundenen Vorteile längst entdeckt und besitzen ihre Radfahrstreifen. Ohne diesen ist man den temperamentvollen – und in Paris besonders den ungeduldigen – Autofahrern machtlos ausgeliefert. Radfahren sei gesund, wird gesagt. Aber wie vereinbart sich das mit den Auspuffgasen? London will das „Vélib-System“ einführen. Mir graust vor dem Gedanken, ein Velo bei Regen und in der Winterkälte zu besteigen. Dazu bin ich nicht abgehärtet genug. „Chacun à son goût“ (Jedem das Seine) …
 
Die Gastronomie
Punkto Essen glaube ich, dass man heute im Schnitt besser und preiswerter in London als in Paris isst, und eindeutig am besten in der Schweiz! Die Zauberkünste der Haute cuisine sind ein anderes Thema, wenn man bei Kasse ist. Im von uns wiederholt frequentierten Lokal „Aux Beaux-Arts“ in Saint Germain des Prés hat der Inhaber gewechselt, mit negativen Auswirkungen auf die Küche und die Bedienung. Das nächste Mal in Paris werden wir uns enger an die Empfehlungen unserer kulinarisch adepten Bekannten halten. Punkt.
 
Galerie Vivienne
Unter dem Google-Suchwort „Galerie Vivienne“ finden sich viele Fotos meiner Lieblingsgalerie, 1823 erbaut, ein Juwel unter den vielen abgedeckten Pariser Passagen und Galerien. Immer wieder habe ich sie aufgesucht wegen des altmodischen Buchladens mit antiquarischen Büchern. So auch diesmal. Leider ist das Lager an bibliophilen Büchern mit „Pochoir“-Drucken namhafter Illustratoren aus der Art-Déco-Periode arg geschrumpft, wie anderswo auch. Nur der Duft betagter Literatur hängt in diesem Laden noch in der Luft – unter diesem Duft schwillt jeweils mein Lesehunger an!
 
Der Weg zu dieser Galerie führt am Ende des eingangs beschriebenen „Palais Royal“ über eine enge Treppen-Passage hoch. Nebst diesem Buchladen sind allerlei originelle Modegeschäfte und Läden für den Wohnbedarf usw. eingerichtet – und erst noch ein Café, geeignet, um sich zu entspannen. Ich habe die Gratis-Postkarte dieser Galerie mitgenommen. Sie ist wie folgt beschriftet: „La mode, la culture, les services, les saveurs … c’est Galerie Vivienne“. Ich kann diesem Slogan beipflichten.
 
Fin du séjour!
 
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