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BLOG vom 22.09.2009


Trick mit dem Verschwinden: Aus dem Leben der Brille
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Als Brille habe ich das Glück, einem guten Brillenträger zu gehören. Regelmässig putzt er meine Gläser. Ich schlafe in einem feinen Lederetui von Calvin Klein, wiewohl ich bloss „Boss“ heisse. Aber der Boss bin und bleibe ich. Er hat dieses weiche Etui in einem „Charity Shop“ eigens für mich erworben. Dafür bin ich ihm dankbar und zügele, soweit ich es vermag, meine angeborene Streichlust.
 
Jede Brille, und das weiss jedermann, hat die Eigenschaft, plötzlich zu verschwinden und unverhofft wieder aufzutauchen.
 
Gottfried Stutz, wo isch d’Brülle?“ schnaubt mein Herr.
 
Die Leute wissen nicht, wie gern wir Streiche spielen. Dank unseren Bügeln können wir uns blitzrasch – fast so rasch wie die Spinnen – fortbewegen und sogar klettern. Dank mir bleibt sein Blutkreislauf gesund und seine Beinmuskulatur kräftig, wie er, auf der Suche nach mir, in den 1. Stock in sein Studierzimmer steigt. Natürlich findet er mich dort nicht und nimmt seine Suche wieder im Parterre auf: im Vorraum, im Wohnzimmer nebenan, in der Küche und zuletzt im Esszimmer. Mehrmals täglich bewegt er sich meinetwegen treppauf, treppab. Ich grinse, wie ihm wieder ein „Gottfried Stutz“ entfuhr, diesmal vernehmlicher. Nein, ich will seinen Ärger nicht auf die Spitze treiben.
 
„Hast du meine Brille gesehen?“ wendet er sich schliesslich an seine Frau.
 
 „Open your eyes!“ weist sie aufs Tischlein nebenan.
 
„Thanks!“ sagt er und setzt mich auf und kann endlich weiter lesen. Eigentlich hätte er mir danken sollen, denn ich habe genau den Platz, wo er mich vor einer Viertelstunde abgesetzt hatte, wieder bezogen.
 
Ich bin froh, dass mich mein Brillenträger selten mitnimmt, wenn er sein Haus verlässt, sondern dazu seine Ersatzbrille benutzt, gerade ausreichend, um Speisekarten und andere einschlägige Literatur zu lesen, wie u. a. Parkierungsvorschriften, Strassenschilder, Zugsabfahrten. Ich will nicht, dass er mich unterwegs verliert und ich von einem Autoreifen zerquetscht werde.
 
Ich bin eine „belesene Brille“ und kann den Druck dreisprachig lesen und verstehen, es sei denn, er beurteile den Text als „Quatsch“, was immer wieder vorkommt. Und ich kann erst noch seine Gedanken lesen, was sonst niemand kann. Nein, ich will nicht aufschneiden, sondern den Vorfall mit der Spinne schildern.
 
Mein Brillenträger ist ein Frühaufsteher. Auch diesen Morgen bezog er seine Leseecke und zog mich aus dem Schlafsack. Nach 10 Minuten legte er die Brille wie gewohnt aufs Nebentischlein. Das tut er immer, wenn er Kaffee trinkt. Da sichtete er eine Riesenspinne mitten auf dem beigen Teppich. Wie sie sich eingeschlichen hat, weiss ich nicht und noch weniger, was sie im Haus sucht. Diese Spinne war dick und wohl die grösste, die er je gesehen hat. Hier im peinlich sauberen Haus findet sie nichts zum Fressen und wird gewiss rasch abmagern, las ich seinen Gedanken. Vielleicht hat sie die Kälte und Feuchtigkeit von draussen ins Haus gelockt.
 
In diesem Haus werden keine Spinnen getötet, nicht nur, weil sie einen Fleck auf dem Teppich hinterlassen könnte, sondern aus Achtung der Kreatur gegenüber. Mit einem durchsichtigen Plastikbecher hat mein Herr schon viele Spinnen erwischt. Vorsichtig schiebt er nachher ein Blatt Papier unter die gefangene Spinne. Das Fenster öffnet er jeweils schon vorher und entlässt sie dort in die Natur. Das wollte er auch diesmal wieder tun. Aber diese Spinne wollte sich nicht fangen lassen. Spinnen sind wahnsinnig flink, und sie entkam seiner Absicht blitzschnell. Die Zentimeter auf das Grössenverhältnis der Spinne umgerechnet, mochte sie mit ihrem Sprint wohl einen Weltrekord erreicht haben. Sie verschwand unterm Sofa. Er setzte mich auf seine Nase und leuchtete mit der Leselampe unters Sofa. Weder dort noch hinter dem Kabel entdeckte er sie. Mein Brillenträger setzte seine Suche, verbunden mit unfreiwilliger Morgengymnastik, fort. Die Spinnen sind nicht nur flink, sondern superklug. Diese hat ein unauffindbares Versteck gefunden. Als er seine Suche aufgab, war sein Kaffee erkaltet. Er legte die Brille beiseite. Das hätte er nicht tun sollen. Ich fand es an der Zeit, ihn von der Spinne abzulenken und verschwand genau wie die Spinne, während mein Herr in der Küche die Tasse mit heissem Kaffee nachfüllte. Nachdem er sie ausgetrunken hatte, wollte er weiter lesen. Aber er fand seine Brille nicht. Diesmal sagte er: „Das ist doch nicht zum Glauben!“
 
Zuerst suchte er nach mir auf der Oberfläche der Möbel. Dann nahm er seine Morgengymnastik wieder auf, beugte sich unter die Kommode, unter den Esstisch und schliesslich wieder unters Sofa. Dort liess ich mich von ihm entdecken. Er dachte, ich sei ihm bloss von der Nase gerutscht, und ich beliess ihn in diesem Glauben.
 
Dank mir und der Spinne hat er sein heutiges Blog geschrieben.
 
 
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