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BLOG vom 15.07.2009


Schikanen: Die Attentate gegen die Autofahrer in London
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Gestern Nachmittag wollte ich Lily und ihre Einkäufe abholen und fuhr auf Seitenstrassen Richtung Wimbledon Einkaufszentrum. Der Autofahrer soll davon abgehalten werden, abseits der Hauptstrassen zu fahren, wo man unfehlbar im Stau stecken bleibt, weil in Wimbledon seit Monaten schon neue Gasleitungen gelegt werden. Die Hauptstrasse ist auf eine einzige Fahrbahn eingeschränkt. Temporäre Verkehrsampeln geben bald der einen, bald der anderen Seite die Durchfahrt frei. Bald? Dass ich nicht lache! Bis einige Autos in einer Richtung durchgelassen werden, verlängert sich der Stau auf beiden Seiten zur Endlosschlange.
 
Also fuhr ich am 14.07.2009 auf den Seitenstrassen meinem Ziel entgegen: Neue Rampen und andere Schikanen hemmen den Verkehr: Teerklumpen sind zu riesigen Maulwurfshügeln aufgeworfen. Fährt der Lenker nicht im Schritttempo über diese Hindernisse, riskiert er den Verlust der Auspuffspfanne oder schlimmstenfalls einen Halswirbelbruch.
 
In diesen einst stillen Strassen herrscht seit Monaten ein lärmiger Hochbetrieb: Privathäuser werden abgerissen und durch neue ersetzt. Etliche werden unterkellert, um eine Schwimmhalle in der Erde zu versenken. Da und dort wird ein höherer Dachfirst gebaut oder ein Anbau, um den Wohnraum noch oben und seitlich zu vergrössern. Die Gartenfläche wird dezimiert, weil die Vorgärten zu Abstellplätzen für Autos umgewandelt und verschandelt werden. Ein Nachbar wetteifert mit dem andern und will wohl damit bekunden, dass er von der Krise nicht betroffen ist, wenigstens nicht im wohlhabenden Wimbledon Village. Betonmischer engen die schmalen Strassen ein: der lärmige An- und Abfuhr von Baumaterial und Schutt behindert den Verkehr der Anwohner ganztags.
 
Gestern geschah das Malheur. Stellenweise wurden kürzlich, zusätzlich zu den Maulwurfshügeln, Zickzack-Ecken in die Strassen eingebaut, die der Autofahrer umfahren muss. Ein Lastauto lenkte mich ab. Prompt prallte das linke Vorderrad gegen den Randstein eines solchen Zickzacks. Der Pneu platzte. Ich manövrierte das Auto im Schneckentempo nach Hause zurück und telefonierte Lily, damit sie ihre Einkäufe im Taxi heimbringe.
 
Unsere Absicht, einen Film in Chelsea, verbunden mit einem Nachtessen, zu geniessen, platzte wie der Pneu.
 
Eine Stunde später fuhr die „AA“ (Automobile Association) vor und wechselte den Reifen aus. Der Ersatzreifen unseres VW Polo war platzsparend schmal. Folglich muss ich heute Nachmittag dem Auto einen neuen Reifen anpassen lassen.
 
Schon seit etlicher Zeit liebäugle ich mit dem Gedanken, autofrei zu leben. Der Unterhalt und die Steuern kosten viel. Parkraum ist zur Rarität geworden. Die Parkwächter pirschen sich mit ihren elektronisch gesteuerten Bussenzetteln ans Auto heran. Der arme Parksünder wollte bloss eine Zeitung im Kiosk nebenan kaufen. Die Zeitung kommt ihm teuer zu stehen. So ist das Auto selbst im Vorortsquartier, wo wir wohnen, hinfällig geworden. Wir nehmen meistens den Bus zu den Lokalitäten oder gehen auf des Schusters Rappen. An sonnigen Tagen schwinge ich mich aufs Velo, vorderhand, denn die Abstellplätze werden selbst für Fahrräder zunehmend rar.
 
Die Autoindustrie liegt auf dem Boden. Wie in Deutschland wird der Autofahrer mit Sonderangeboten geködert. Sein altes Auto soll er gegen ein neues eintauschen. Dafür kriegt er einen Gutschein (Abwrackprämie) von £ 2000 für den Neukauf. Nein, unser Auto ist nicht so alt, um eine Neuanschaffung zu rechtfertigen. In den Augen der Nachbarn, so nehme ich an, handelt es sich bei unserem VW Polo um einen Altwagen, wohl das älteste Auto in unserer Strasse. Das ist mir schnuppe, denn ich hatte ihn preiswert aus 2. Hand von Bekannten erworben und damit unser Budget kaum nennenswert belastet.
 
Seit Jahren schon fahre ich immer weniger Auto in London. Ich brüste mich deswegen als „umweltfreundlich“. Was nicht alles von durchaus guten Autos verschrottet wird, ist meiner Ansicht nach alles andere als „umweltfreundlich“.
 
Das „Recycling“ ist in vielen Belangen höchst suspekt. Oft endet der säuberlich getrennte Kehricht in der gleichen Schutthalde oder -grube: Plastik, Blechdosen, Flaschen und was immer sonst. Neuerdings sind Initiativen im Gang: Der allgemein unbeliebte „wheely-bin“ (Plastikabfalltonne auf Rädern) soll mit einem elektronischen ‚tag‘ (Etikett) versehen werden, der bespitzelt und weitermeldet, wer den Kehricht nicht nach Vorschrift getrennt entsorgt. Natürlich wird der Bussezettel elektronisch serviert.
 
Die Privatperson wird allseits mehr und mehr von bürokratischen Hohlköpfen umzingelt. Sie werden mit einem Boni für jede Schnapsidee belohnt, damit sich der Verkehr noch mehr staue und die Kehrichthügel weiterhin in den Himmel wachsen. Der gesunde kritische Menschenverstand hingegen wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt, bis davon nichts mehr übrig bleibt. Ende.
 
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