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BLOG vom 12.06.2009


Die Schreckmaus: Vom Big Ben zum GB-Parlament (3)
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Am 3. Tag
Wie erreicht man mühelos das Wahrzeichen von London, den Big Ben? „Natürlich mit dem Falken“, meinte Ida maliziös. Fluchtartig verschwand ich ins Mausloch, denn von Falken wollte ich nichts wissen. Sie sprang mir nach: „Lass mich erklären … Vor einem halben Jahr habe ich einen Falken aus einer Mäusefalle gerettet. Sein Kopf war hinterm Gitter eingezwängt, und der Schnauf ging ihm aus. Zum Dank versprach er mir hoch und heilig, dass er uns Mäuse fortan in Ruhe lassen werde. Dieser Falke ist jetzt vom Westminster Council dazu angestellt, die Tauben vom Leicester Square zu vertreiben. Somit kennt er sich im Westminster aus.“
 
„Das ist eine merkwürdige Friedenstaube, die du da aufgelesen hast“, sagte ich und folgte meiner Mäusin in den Hinterhof zum Stelldichein mit dem Falken. Wir kletterten hurtig die Feuerleiter hoch, und Ida pfiff dem Falken, der in wenigen Minuten erschien. Ich schlotterte vor Angst angesichts des gewölbten Schnabels des Falken und seinen langen Fangkrallen.
 
„Natürlich fliege ich euch zum Big Ben“, entsprach der Falke gern Idas Bitte.
 
„Aber jage der Schreckmaus keinen Schrecken ein, denn er hat Angst vor deinen Krallen“, sagte Ida.
 
Links hielt der Falke Ida, rechts mich. Kurz später umflog er den Big Ben mehrmals. „Heute habt ihr Glück: Das riesige Zifferblatt wird eben gereinigt. 4 Arbeiter waren abgeseilt und schrubbten den Dreck weg. Wo soll ich Euch absetzen?“ fragte der Falke.
„Am besten in der Galerie oberhalb der Uhr“, antwortete Ida, „dort werden wir von der Maus des Speakers (Sprecher des Parlaments) abgeholt, The Right Honorable Edward Mausoleum.“
 
Und so geschah es, eben wie die Turmuhr ohrenbetäubend 10 Uhr schlug. Edward Mausoleum erschien dort oben wie geheissen und war vom Treppensteigen – insgesamt 292 Stufen – ganz ausser Atem.
 
„Na Kinder, was soll es sein?“ erkundigte sich Eduard und wischte sich eine Schweissperle von der Nase.
 
„Bitte erzähle ,Schreck’“, so nannte mich Ida vertraulich, „etwas über diese weltberühmte Uhr.“
Nun war Edward bestens für diese Aufgabe gerüstet und begann mit seiner oft wiederholten Rede wie folgt:
 
„Die Uhr wurde 1851 von Edmund Denison, einem Amateur-Uhrmacher, und George Airy, königlicher Astronom, entworfen. Das Uhrwerk ist wie das einer Grossvater-Uhr konzipiert und bis auf den heutigen Tag unverändert geblieben. Die Glocken wiegen 13,8 Tonnen und wurden Ende 1858 von der ,Whitechapel Bell Foundry’ in Bronze gegossen. Somit ist Big Ben 150 Jahre alt und schlug erstmals am 31. Mai 1859. Big Ben ist das einzigartige Symbol von Grossbritannien.“
 
Edward unterbrach sich, weil die Glocken die Viertelstunde schlugen, und fuhr fort: „Ich will Euch etwas verraten, das Wenige wissen. Wie kommt es, dass die Uhr sekundengenau geht?“ Ida und ich blieben ihm die Antwort schuldig. Edwards Augen glänzten in der Vorfreude, das Rätsel zu entschlüsseln: „Das Uhrwerk wird von alten Pennies – vor der Dezimalisierung der Währung – reguliert. Ein alter Penny  ins Pendel eingefügt – und die Uhr verliert eine Sekunde, ein Penny weniger – und die Uhr gewinnt eine Sekunde.“
 
Ida jubelte und wollte im Überschwang dem Pendel sofort einen Penny anhängen. „Zu Zweit schaffen wir das im Nu“, meinte sie. Es war mein Glück, dass Edward ihr Ansinnen ausschlug …
 
„Noch eine Scherzfrage für Euch Kinder“, und Edwards Augen leuchteten wiederum auf. „Es kommt vor, dass im Winter die Schlaghämmer, vom Eis gefroren, nicht schlagen. Das wäre eine Katastrophe, wenn die Uhr ausgerechnet am 31. Dezember das Neue Jahr nicht einläuten könnte! Wie wird die Eiskruste gelöst?“
 
Ich schlug vor: „Mit einem Eimer heissem Wasser?“
 
„Nein“, schüttelte Edward den Kopf, „mit einem Haartrockner.“
 
„Wie sind eure Musikkenntnisse? Von wem stammt das Glockenspiel?“ wollte Edward wissen. Ich war froh, dass die Uhr in diesem Augenblick zum Halbstundenschlag ansetzte, denn ich bildete mir etwas auf meine Musikkenntnisse ein. „Das stammt aus Händels Messias!“‒ „Bravo“, lobte mich Edward.
*
 
„Wirst du uns jetzt Zugang zum Parlament verschaffen, lieber Edward?“ bettelte Ida.
 
„Dazu werde ich mit meinen alten Knochen nach dem steilen Treppenabstieg viel zu müde sein“, winkte Edward ab. „Kommt morgen nochmals vorbei.“
 
„Der Falke wird uns allesamt nach unten fliegen“, wandte Ida ein. Da erblasste der gute alte Edward, so gut, wie das einer Maus möglich ist, und ein Angsttropfen sammelte sich an seiner Nasenspitze.
 
Aber schon kam der Falke angeflogen. Nach etlichem Hin und Her musste Edward dem Falken auf gut Treu und Glauben Vertrauen schenken, zumal dieser Edward versicherte, dass er vom „Council of Westminster“ angestellt sei, um mit den Tauben aufzuräumen und – dank Ida – einen Freundespakt mit den Mäusen geschlossen habe.
 
„Also denn, Du packst mich mit dem Schnabel beim Schwanz; so haben wir bei dir alle Platz, und setzest uns unten beim Haupteingang ab.“ Und so geschah es.
 
Aber der Besuch des Parlaments enttäuschte uns. „So ein langweiliges Palaver der Parlamentarier“, urteilte Ida, und ich schloss mich ihrer Meinung an.
 
„Dieses korrupte Pack von ,Members of Parlament’ haben die Demokratie im wahrsten Sinne des Wortes versaut mit ihrem Spesenschwindel. Nein, denen fressen wir nicht aus den Taschen – das wäre doppelter Diebstahl“, sagte ich empört.
 
„Du hast Recht“, meinte Ida. „Ein gut bestellter Mittagstisch erwartet uns um diese Zeit im Soho“, sagte Ida quietschvergnügt; denn sie war inzwischen heisshungrig geworden. Der Falke flog uns zurück, und wir landeten im Hinterhof. Ida lud den Falken zum Essen ein: „Ich kenne eine gute Küche mit frischem Geflügel – ohne Curry“, wie sie betonte, „das Dir schmecken wird.“ Und so genossen wir alle das wohlverdiente Mittagessen.
 
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