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BLOG vom 02.10.2008


Besuch in der Kulturstadt Bologna – „La dotta gentile“
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Jede Stadt hat ihren Reiz und ihre Eigenart. Ende September 2008 verbrachten wir ein verlängertes Wochenende in Bologna – der italienischen Hochburg der Gastronomie und Sitz der ältesten Universität Europas (im 11. Jahrhundert gegründet). Vollgestopft mit architektonischen Meisterwerken (Palästen und Basiliken), bietet Bologna den Schuhsohlen erst noch 38 „Laufkilometer“ Porticos (Lauben/Arkaden), den Strassen und Gassen entlang. Unter diesen Porticos läuft man nicht, man flaniert, schaltet Kaffeepausen ein, beschaut die Auslagen der Geschäfte und freut sich des Lebens.
 
Warum verleihe ich dieser Stadt spontan das Prädikat „la dotta gentile“?  „La dotta“ gebührt der Gelehrsamkeit dieser Universitätsstadt. „Gentile“ trifft die Gemütsart der Leute: Sie sind durchs Band nett, plauderlustig, aufgeschlossen, zuvorkommend und höflich, und wenn sie nicht lachen, lächeln sie heiter der Welt ins Gesicht. Im Vergleich zu Turin – „elegante“, gehen die Leute in Bologna, wie es einer Studentenstadt ansteht, lässig gekleidet, vorwiegend in Jeans, sogar am Sonntag. Im Gegensatz zu Neapel – „tumultuoso“, braucht hier der Fussgänger nicht um sein Leben zu bangen, trotz der vielen Velos und Skooters. Wirkt die bezaubernde Architektur in Florenz – „artistico“, bisweilen eher geschminkt, zeigen in Bologna viele Gebäude würdevoll ihr wahres Alter. Bologna fällt es nicht ein, mit Rom – „grandioso“ zu wetteifern. Der Bologneser ist bodenständig und selbstbewusst. Die Stadt hat ihre eigene reichbefrachtete Geschichte, die bis zur Zeit der Etrusker zurückreicht. Genug gesagt.
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Auch in Bologna konnte ich mich bald ohne Strassenkarte zurechtfinden, dank der 2 Strassengeraden Via dell‘ Indipendenza und Via Rizzoli mit dem gemeinsamen Schnittpunkt bei der Piazza Maggiore, wo ich die Fontana del Nettune (Neptunbrunnen), 1567 in Bronze gegossen, wiederholt bewunderte, besonders die 4 üppigen Najaden mit ihren wasserspeienden Brüsten. Der Anblick beschwört Erinnerungen herauf: Mit ähnlichem Genuss hatte ich als Jüngling das Gemälde Das Spiel der Najaden von Arnold Böcklin im Basler Kunstmuseum betrachtet. Hätte der Brunnengestalter Tommaso Laureti statt Neptun den Papst oder einen Apostel auf den Sockel gestellt, hätte sich unter ihnen keine einzige Najade, geschweige denn 4 auf einmal, so entblösst zeigen dürfen.
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Das unübersehbare Wahrzeichen von Bologna sind Le due Torri (die 2 schiefen Türme), der 97 m hohe Turm Asinelli und der kürzere 48 m hohe und merklich schiefe Turm Garisenda, zwischen 1109 und 1119 erbaut. Dank des Asinelli fand ich die Stadtmitte auf Anhieb. Solche imposante Backsteintürme finden sich in vielen italienischen Städten. Es wird gesagt, dass reiche Familien miteinander wetteifernd sie errichten liessen – ein Turm an den anderen gereiht. So haben die Italiener ihre Wolkenkratzer schon vor vielen Jahrhunderten gebaut. Während Kriegen dienten viele als Wachttürme.
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Gerade beim Asinelli meldete sich der Hunger unaufschiebbar. Eine Trattoria zu finden sollte uns leicht fallen, dachte ich. Doch das war falsch. Wir durchkämmten eine Strasse um die andere. Der Hunger steigerte sich, und meine Beine wurden schwer. Endlich, in der Via Mentana, sichteten wir die Osteria dell’Orsa (orsa = Bär), also der richtige Ort, um unseren Bärenhunger zu stillen. Das Lokal war vollbesetzt. Ein freundlicher Bologneser räumte uns Platz auf der langen Holzbank ein. Das Tagesgericht war eine Pasta-Spezialität aus der eigenen Küche und wurde uns in grosser Portion aufgetischt. Das Lokal, unweit der Universität, ist unter Studenten beliebt, dank der niedrigen Preise und guter hausgemachter Kost. Erst anderntags stellte Lily fest, dass wir das rechte Lokal erwischt hatten. Eine italienische Freundin hatte es ihr vor unserer Abreise empfohlen – und hier empfehle ich es an jene weiter, die teure Ristorante mit weissgeschürzten Kellnern meiden wollen.
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Zwar hatte ich einen Krug Rotwein getrunken, doch auf ein Schlummerbier wollte ich gleichwohl nicht verzichten. Unterwegs sah ich das Strassenschild Via dell’Inferno (mehr darüber später), ehe wir am Ende der Via Marsala das grossformatige „Bata“-Plakat entdeckten. Dort bog Lily nach links in die Via dell’Indipendenza zum Hotel Tre Vecchi ab. Ich meinerseits bog nach rechts ab, denn aus Erfahrung weiss ich, dass Lily eine gute halbe Stunde für ihre Toilette braucht – also genug Zeit für ein Bier in einer kleinen Bar in einem Seitensträsschen. Ei, da ging es lustig zu und her! Die wenigen Tischchen waren alle besetzt. Ich stellte mein Bier auf einem Fenstersims ab und konnte als „Beobachter“ unbemerkt, so dachte ich, mithalten. Als ich anderntags, wiederum spät abends, Lily diese Bar zeigte, winkte mir der Kellner zu – als sei ich ein Stammkunde … „Wie kommt das“, wollte Lily wissen, „dass du dich hier so rasch eingebürgert hast?“
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Am nächsten Tag konnte ich die Via dell’Inferno im einstigen Ghetto Ebraico (jüdisches Ghetto), um 1556 erbaut, mit dem besten Willen nicht mehr finden, und ich musste mich hartnäckig durchfragen. Ganz nahe beim Assineli-Turm führt ein Strässchen in dieses enge Gassengewirr, worin auch ein Hebräisches Museum versteckt ist (im Palazzo Pannolini), das am Samstag aber geschlossen war. Reihen von ineinander verwinkelten Backsteinhäusern sind erhalten geblieben. An einem Eckhaus hat inzwischen eine Madonna mit Kind ihre Nische gefunden …
 
Wenige Touristen wissen, dass unterm Strassenpflaster verborgen ein Kanalnetz die Stadt durchströmt. An einigen Stellen, so bei der Via Piella und der Via Alessandrini, sind einige Stellen der Kanäle sichtbar geblieben. Wer Lust hat, kann sich das Spektakel Tra-Ghetto, L'Inferno di Bologna ansehen, das sich in Dantes Unterwelt beim Aposa-Kanal abspielt.
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Bologna kann nicht mit stattlichen Galerien wie etwa die wuchtige Galleria Umberto in Neapel, unter der Riesenkuppel mit Luxusläden bespickt und reichlich mit Marmorskulpturen beschickt, aufwarten. Aber eine kleine schmucke Galleria entdeckte ich dennoch, ebenfalls mit vielen Fresken verziert, bei Fussgänger-Passagen in alle 4 Himmelsrichtungen, ganz in der Nähe des Ghettos und der 2 Türme. Vergeblich suchte ich ihren Namen im Internet. Vielleicht erkennt sie ein Leser – eine Aufnahme steht zur Verfügung.
 
Item, eben wie ich diese Galleria verliess, war eine Riesendemonstration im Gange. Friedfertig trugen Vertreter von Gewerkschaften sozialistischen und kommunistischen Einschlags mitsamt ihren Familien und Angehörigen ihre Banner durch die Strasse. Das Jugendforum zur Verbesserung des Schulwesens war daran beteiligt, auch Organisationen für den Umweltschutz und gegen den Rassismus. Ob solche Manifestationen gegen die Obrigkeit und gegen die Arbeitgeberorganisation Confindustria gerichtet immer so reibungslos verlaufen, ist fraglich, besonders in einer Studentenstadt wie Bologna. Am Ende der langen Parade zottelten einige Polizisten hinter den Demonstrationen her. Der Verkehr stockte, aber kein Automobilist hupte. Die Fussgänger beachteten die Demonstration kaum.
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Artelibro – eine der Buchkunst gewidmete Ausstellung, wurde während unseres Aufenthalts im Palazzo Re Enzo abgehalten, genau gegenüber dem Neptun-Brunnen. Namhafte italienische und auch ausländische Verleger stellten dort viele luxuriöse – und entsprechend teure – Kunstbücher und Faksimile-Inkunabeln aus. So hat der Zufall einem Bücherfreund wie mir einen Gefallen erwiesen. Stöbern kostet nichts, und dabei liess ich es bewenden – ausser dass ich einige gut gestaltete Kataloge ergatterte, worunter jener der Silvana Editoriale. Eine wohlwollende Dame am Stand der Mavida überreichte mir nebst dem Katalog erst noch eine handgepresste moderne Gravur des Piazza Maggiore mit dem Palazzo Comunale/Palazzo d‘Accursio (Ratshaus) und dem Neptun-Brunnen in die Hand.
 
Oberhalb des Haupteingangs dieses langen Palasttrakts wurde, wie es sich ziemt, einem Papst in Bronze, diesmal Papst Gregor XIII., der Ehrenplatz eingeräumt. Eine Turmuhr prunkt auf dem linken Seitenflügel des Palasts. Ich verzichte in diesem Blog auf weitere Beschreibungen der vielen schmucken Paläste und Basiliken, denn dies ist die Aufgabe der Reiseführer …
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… mit einer 2. Ausnahme, vielmehr einem Hinweis auf die Basilika oder Kirche San Giacomo Maggiore an der Piazza Rossini, die uns unterwegs zur Universität ablenkte. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist voller Fresken und Kunstschätze. Überhaupt ist Bologna vollgestopft mit Fresken, teils von der Witterung arg beschädigt.
Wir verzichteten diesmal auf Museumsbesuche, denn die Kirchen sind voller Gemälde – eine unendliche Gemäldegalerie aus allen wesentlichen Stilepochen. In Bologna gibt es 100 Museen, und sie umspannen alle Interessensbereiche: Kunst, Naturwissenschaft, Technik, Motorräder (Museo Ducati) usf. (Wer sich dafür interessiert, erhält im Nachschlagswerk Bologna una provincia cento Musei, von Pendragon herausgegeben, ausführlich Bescheid.)
 
Bei unseren anschliessenden Besuchen mehrerer Fakultäten der Universität entlang der Via Zamboni und der Via delle Belle Arti (der schönen Künste), in verschiedenen von Palazzi untergebracht, verflocht sich das Leben mit der Kultur, wie die Studenten auch, die lange Korridore begingen, von Marmorskulpturen umsäumt, voller Patios, die dem Rauchverbot trotzen. Dort herrscht das eingangs erwähnte La Dotta, der Kern des Wissens und der Gelehrsamkeit dieser begnadeten Stadt.
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In dieser Zwischensaison weiss niemand so recht, ob er/sie draussen oder drinnen in den Lokalen trinken oder speisen sollte. Am Sonntag brach endlich die Sonne durchs Gewölk. Kein Wunder, dass wir draussen unterm Portico des Palazzo del Podesta beim Piazza Magiore den Schrägeinfall der Sonne genossen. Eile wozu? Ein älterer Herr im Sonntagsgewand und einen Spazierstock mit Silberknauf schwingend, promenierte an uns vorbei und begrüsste galant Damen links und rechts. Leute plauderten miteinander auf dem Platz, Kinder amüsierten sich, Radfahrer zogen ihre Kreise. Am Tisch nebenan plauderte eine Mutter mit Bekannten, während ihr Mann das Kind unterhielt. Die Bologneser sind nicht nur in Kinder vernarrt, sondern auch in ihre Hunde, die am Sonntagsspaziergang teilnahmen. Lange blieben wir sitzen und genossen die Wärme nicht nur der Sonne, sondern auch der Leute ringsum. Die Turmuhr schlug 12 – Zeit zum Mittagessen, unsere letzte Mahlzeit in Bologna.
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Ich glaube ich habe eine gute Nase für feine und preiswerte Küche. Ich entdeckte unterwegs die Trattoria del Rosso an der Via Augusto Righi. Das Menu sprach mich an: 2 Gänge für Euro 10. Drinnen im Lokal waren die meisten Tische schon besetzt. Draussen war es angenehmer. Es müssen nicht immer Spaghetti Bolognese, Lasagne, Tortellini oder Tagliatere sein. Hier gab es eine Pasta-Vorspeise, mit Spinat gefüllt und in einer leckeren Sauce angemacht, gefolgt von einer gebratenen Wurstspezialität. Leute, fast ausnahmslos Italiener, stauten sich vor der Trattoria, was für mich immer ein gutes Zeichen ist. Auch hier blieben wir an unserem Zweiertischchen lange sitzen, weil uns die Sonne zublinzelte, fast zu lange, denn wir mussten uns spurten, um den Bus zum Flughafen zu erwischen. Das ist keine Art, diese zum Flanieren geschaffene Stadt so hastig verlassen zu müssen. Arrivederci Bologna – la dotta tanto gentile!
 
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