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BLOG vom 31.07.2008


GB ohne GB. Platitüden und Drang nach Unabhängigkeit
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Great Britain ohne Gordon Brown: Der politische Sturm – vielmehr ein Erdbeben – ist entfacht, nachdem die Labour-Partei ihren traditionell gesicherten Sitz in Glasgow East an die Scottish National Party verloren hat und zuvor die Wahlen in Crewe & Nantwich (22. Mai 2008) und in Henley (26. Juni 2008). Die Tories (Angehörige der Konservativen Partei) sind die Gewinner. Der Konservative Boris Johnson hat den „korrupten“ Labour Ken Livingston als Bürgermeister von London (Lord Mayor) am 1. Mai ersetzt.
 
Aus New Labour ist ein Alter Hut geworden. „Der Premier Gorden Brown ist ein Ackergaul – kein Rennpferd“, sagte ein Labour-Blogger treffend. Nach den Sommerferien wird Gordon Brown von seiner Pflugschar enthoben – ganz gegen seinen Willen. Bestenfalls werden ihm die „Graubärte“ (Parlamentarier mit Status) den Rücktritt nahelegen und ihm zum Glück nicht den Schierlingsbecher, sondern einen UNO-Posten anbieten – etwa als Abgesandter für Afrika. Und gelingt ihnen das nicht, kommt es schlimmstenfalls zum Coup mit Dolchstoss hinterrücks.
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Aus Schottland, auf der anderen Seite der „Hadrian Wall“ (der vom römischen Kaiser Hadrian geschaffenen Steinmauer als Grenzlinie und Schutzwall zwischen Schottland und England), ist de facto ein neuer Staat geworden, von England weitgehend abgelöst. Trotz der 300-jährigen Union zwischen England und Schottland hat der seit Jahrhunderten schwärende „Anglo-Saxon“- Konflikt angedauert. Endlich scheint er gelöst – losgelöst zu sein. Jetzt liebäugelt Wales mit der „devolution“ (der regionalen Unabhängigkeit) und pocht zunehmend auf Selbstbestimmung. Nordirland ist – nach schlimmem Blutbad – ebenfalls auf dem besten Weg, seine Eigenständigkeit zu sichern und auszuweiten.
 
Der regionale Drang nach Unabhängigkeit ist nicht nur auf Grossbritannien beschränkt. Ähnliche Vorstösse geschehen in Spanien, im ehemaligen Jugoslawien, in Frankreich und Italien usf. – eigentlich weltweit.
 
Weil sich der Würgegriff der Globalisierung von den USA und auch seitens der EU verstärkt und wie eine Heuschreckenplage die Vernunft ratzekahl frisst, mögen diese vorderhand noch unterschwelligen Freiheitsbewegungen hoffentlich zum wirksamen Bollwerk gegen die Globalisierung werden.
 
Die von Walter Hess, dem Textatelier-Scharfschützen, kritisch dargestellte Globalisierung, wie sie u. a. in seinem Blog vom 14.05.2008 „Globalisierung: Die tödliche Vernichtung aller Unterschiede“ unverblümt aufs Korn genommen wurde, sollte uns alle – auch die Schweizer – wachrütteln. Denn auch die Schweiz ist von dieser schleichenden und schleimigen Internationalisierungsplage zunehmend gefährdet. Also auf die Barrikaden gegen die Rädelsführer und Mitläufer dieser vermaledeiten Weltdomination!
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Statt dass Gordon Brown die Ferien mit seiner Familie in Southwold (Suffolk) geniessen kann, stehen ihm Alpträume und schlaflose Nächte bevor. Er kann über die Ferienzeit nicht einmal seine notorische E-Mail-Kanonade und „telefonischen Weckrufe“ abfeuern.
 
Gordon Brown ist wirklich ein Pechvogel, der in seinem eigenen Pech klebt. Nichts gelingt ihm. Die Medien zerhacken ihn erbarmungslos. Die öffentliche Meinung verschwört sich gegen ihn. Dazu eine der vielen Verrisse aus dem Meinungsspiegel: Kenneth Bowry, London, schrieb: „Face it, Gordon, it’s time to go. You’re useless. You have betrayed every principle of the old and real Labour party. We don’t need two Tory parties. Every time you lose an election, you parrot the same old mantra, but you do nothing except kick the poor white working class in the teeth.”
 
Ein Skandal nach dem anderen trifft ihn: das Budget-Fiasko, Steuerfinten aller Art, hochschnellende Lebensmittel- und Energiepreise, Verlust von persönlichen Daten, die Subprime -Affäre (Hypotheken-Skandal) usf. Nicht alles kann ihm allein angelastet werden.
 
Mit etwas Charisma statt Platitüden und einer durchdachten politischen Agenda hätte er sich immerhin noch ein Minimum von Wohlwollen sichern können. Aber das Make-up der Persönlichkeit ist schwer zu ändern. Selbst sein Lieblingsprogramm von Steuerkrediten zur Unterstützung der Armen ist zum Fiasko geworden. Als Folge von „computer glitches“ wurden £ 8 Milliarden (englisch: Billions) zu viel Steuerkredite ausbezahlt, und die Regierung ist gezwungen, rund £ 2.8 Milliarden abzuschreiben – natürlich zu Lasten des Steuerzahlers. Gegenwärtig werden 2000 neue Steuerinspektoren angestellt, um die Reichen in Liechtenstein und anderen Steuerparadiesen zu jagen und zu rupfen… Doch die Superreichen werden wie immer durch die Binsen schlüpfen.
 
Auch kleine Nachlässigkeiten entkommen der Kritik nicht. Zur British International Motor Show (23.07.–03.08.2008) fuhren Gordon Brown und Konsorten in benzinfressenden Autos vor – statt in umweltfreundlichen Modellen.
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Da ich als Schweizer seit über 3 Jahrzehnten in England lebe und die Leute lieb gewonnen habe, schmerzt es mich zu sehen, wie Politiker Geld, das ihnen nicht gehört, verpulvern, es mit Vorliebe in ihre eigenen Taschen stopfen, und erst noch Kriege in Afghanistan und Irak führen, statt für ihr eigenes Land zu schauen. Damit wird die Demokratie ausgehöhlt in einem Land, das sich als ihr Leitbild und Fürsprecher ausgibt.
 
Hinweis
Zwischen dem 24.07. und dem 26.10.2008 findet die Hadrian Exhibition im British Museum statt.
 
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