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BLOG vom 29.04.2008


Persepolis (1) – Marjane Satrapis Jugendjahre im Iran
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Ihre Kindheitsgeschichte hat die iranische Autorin Marjane Satrapi, eine Graphikerin, mit Holzschnitten erzählt und bebildert. Ihre kraftvolle Schwarz-Weiss-Bilderbogen-Folge erinnert an Félix Vallotton, Frans Masereel und Otto Rückel (siehe Blog Zum Einklang zwischen Wort und Bild: Illustrierte Bücher vom 23.09.2005) und wurde vor kurzem ab den Cartoons verfilmt und von der Presse sehr gepriesen. Gestern entdeckte ich wieder ihre Buchausgabe „Persepolis – The Story of a Childhood“, in der englischen Version von Jonathan Cape, London, verlegt, die mein Sohn Adrian seiner Mutter vor Jahren geschenkt hatte. Wie ich gestern, lange nach Mitternacht, die Bilder anschaute, wusste ich, dass ich dieses Blog, ohne den Film gesehen zu haben, schreiben sollte, ja muss.
 
Marjane erlebte die Wirren in Iran aus 1. Hand – begonnen mit der Abdankung des Schahs, über den grausamen Krieg zwischen Irak und Iran, von den USA und UK angezettelt, bis zur Revolution. Als 14-Jährige verliess sie ihre Heimatstadt Teheran, lebte zuerst in Wien und dann in Strassburg. Meine Frau, besuchte die von Nonnen geführte Schule „Jeanne d’Arc“; Marjane das „Lycée Français“ in Teheran. Sie  entstammt einer wohlhabenden, gebildeten Familie mit aristokratischem Einschlag.
 
Das Land wurde im Verlauf seiner langen Geschichte (ab dem 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) zuerst von Cyrus zerstört, woraus das persische Reich entstand. Alexander der Grosse, die Araber, die Türken und die Mongolen eroberten Iran. Die Sprache und Kultur überlebten, und die Eroberer wurden assimiliert. Im 20. Jahrhundert trieb Reza Schah die Modernisierung mit Beihilfe von Amerika (Richard Nixon) voran. Beim Erdöl kam der Westen zum Zuge, angeführt von der britischen Grossmannssucht und der Gier nach Öl. Der Schah liebäugelte, bis zur Invasion und Besetzung durch die Alliierten, mit dem deutschen Reich. 1979 dankte der Schah ab.
 
Hier kommt die Autorin von „Persepolis“ zum Wort (aus der englischen Einführung übersetzt): „Seitdem wurde (und wird noch immer) diese alte und grosse Zivilisation im Zusammenhang mit Fundamentalismus, Fanatismus und Terrorismus diskutiert. Als Iranerin habe ich die Hälfte meines Lebens in Iran verbracht und weiss, dass dieses Bild nicht stimmt. Das ist der Grund, weswegen ich ,Persepolis’ schilderte, denn die ganze Nation darf nicht wegen der Verbrechen von wenigen Extremisten verurteilt werden. Ich will nicht, dass jene Iraner vergessen werden, die ihr Leben für die Freiheit geopfert haben, im Krieg gegen den Irak gefallen sind, die von verschiedenen Regimen unterdrückt worden sind und aus ihrer Heimat flohen. (In Paris, im September 2002 geschrieben.)“
 
Der Schleier
Marjane, das mandeläugige Mädchen, stellt sich im 1. Bild als Zehnjährige vor. Das war im Jahr 1980. Einer Gruppe von Leuten mit erhobenen Fäusten sind 2 Begleitzeilen beigegeben: „Im 1979 fand eine Revolution statt. Diese wurde später ‚Die Islamische Revolution‘ genannt“. Mädchen spielen mit dem Schleier: „Wir wollten wirklich keinen Schleier tragen, besonders weil wir nicht verstanden, warum wir ihn tragen mussten.“ In Bildern wird weiter begründet: „Und auch weil wir im Jahr zuvor, 1979, eine französische Schule besuchten – wo Knaben und Mädchen zusammen waren – 1980 wurde die Schule geschlossen“, berichtet sie bildlich weiter, „als Symbol des Kapitalismus – und das war das“ – der Schleier hatte gewonnen.
 
Ich bin mit der Religion geboren“, gesteht sie. „Die ersten 3 Regeln kommen vom ‚Zarathustra’. Er war der 1. Prophet in meinem Land, längst vor der arabischen Invasion: Alles beruht auf diesen 3 Regeln: Benehme dich gut, spreche wohl, und handle gut.“
 
Marjane wollte nicht nur das persische Neujahr feiern, sondern auch die traditionelle zoroastrische Feier, mit den Tanz ums Feuer.
 
Sie wurde zur feurigen Rebellin: Marjane wollte Justizia, Liebesengel und göttlichen Zorn in sich vereinen, wie ins Bild gesetzt mit Waage, Friedensgeste und Schwert und Schild. Das war ihr 1. Wunsch als angehende Prophetin.
 
Das Fahrrad
Im Garten spielt Marjane mit 2 Knaben. „Wegen der Revolution musste ich agieren, so legte ich meine prophetische Absicht zur Seite und verwandelte mich zum Che Guevara, meine 2 Gespielen hiessen Fidel (Castro) und Trotsky. Zusammen schrieen wir ,Down with the King!’“ „Schön gesprochen“, lobten die Knaben Marjane, nachdem sie gesagt hatte: „Die Revolution ist wie ein Fahrrad. Wenn sich die Räder nicht drehen, bricht sie zusammen. Und so ging die Revolution in meinen Land weiter.“ Der Holzschnitt zeigt Radler zur Horde geballt.
 
In der Wasserzelle (Man denkt an „water boarding“ …)
„Es gab zu jener Zeit ein populäres republikanisches Ideal in der Region, das jedoch jedermann anders, auf seine Weise auslegte.“ 
„Stellen Sie sich hier die Bilderreihe vor: Gandi in Indien: Die Hindi und die ‚Muslims‘ müssen Frieden machen, um die Briten zu verjagen.“
„Atatürk in der Türkei: Wir Türken sind säkulare Europäer. Meine grünen Augen bezeugen das.“
„Der Vater des Schahs wollte ihnen gleich tun, doch fehlte ihm Gandhis Bildung als Anwalt, und er war kein Führer wie der General Atatürk.“
„ Er war ein unbedeutender und ungebildeter Offizier.“
„Mein Grossvater war ein Prinz. Der Schah ernannte ihn zum Ministerpräsidenten, da der Grossvater Diplome besass und in Europa studiert hatte. Er war sehr kultiviert, hatte sogar Marx gelesen und wurde Kommunist. So kam er oft ins Gefängnis. Manchmal steckten sie ihn in eine mit Wasser gefüllte Zelle.“
„Das hat die Gesundheit meines Grossvaters ruiniert. Er litt an Rheuma. Einmal fragte er mich, ob ich mit ihm Monopoly spielen wollte. ,Nein, später', sagte ich. ,Zuerst möchte ich baden – ein wirklich langes Bad nehmen.'“
„In dieser Nacht blieb ich sehr lange im Bade. Ich wollte wissen, wie es sich fühlt, in einer mit Wasser gefüllten Zelle zu sein. Meine Hände waren so faltig geworden wie die des Grossvaters, als ich dem Bad entstieg.“
 
Persepolis
In diesem Teil erfährt Marjane von ihrer Grossmutter, wie der Vater vom Schah ihrer Familie allen Besitz weggenommen hatte. Es blieb kaum etwas zum Essen übrig. „Weisst du, mein Kind, seit der Morgendämmerung der Menschheit folgt eine Dynastie der anderen. Die Könige haben immer ihr Versprechen gehalten. Der Schah hielt keines. Ich erinnere mich, wie er am Tage seiner Krönung sagte: ,Ich bin das Licht der Arier, ich will dieses Land zum modernsten aller Zeiten verwandeln. Unser Volk wird seine Pracht wieder gewinnen.’“
 
Im weiteren Verlauf dieses Kapitels gesteht Marjane, dass sie überhaupt nichts mehr verstand, obschon sie so viele Bücher über die Gründe zur Revolution gelesen hatte …
 
(Wird fortgesetzt.)
 
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