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BLOG vom 24.02.2008


Gedanken- und Schattenspiele – bis tief ins Herz hinein
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wenn die Sonne hierzulande im Januar/Februar scheint, fällt sie tief-schräg über die Stadtlandschaft und wirft auch einen langen Schatten über meinen Wimbledoner Vorstadtgarten. Und weht ein Wind, halten die Bäume bewegt mit und zaubern ein welliges Schattenmosaik über den Rasen.
 
Lebhaft sind mir die Schattenwürfe in Leiden (NL), Belfast (IRE), Omoluc (Tschechien) und anderen Städten in Erinnerung geblieben – diese Städte habe ich zur Zeit der langen Schattenwürfe besucht. Es war schon dunkel in den Altstadtgassen, doch oben an den Prunkhäusern und Kirchengiebeln vergoldete die untergehende Sonne den Barock- und sonstigen Zauber. Eben gestern habe ich mich wieder einmal an diesen Schnappschüssen erlabt.
 
Und fällt die Sonne da und dort schräg durch Gassen oder über Plätze, schleppen Leute lange Schattenwürfe hinter sich her, oder sie fallen ihnen spukhaft wegbereitend vor die Füsse. Das gleicht lebendigen Scherenschnitten und tut meinen Augen wohl. Aber es kann vorkommen, dass jemand über seinen eigenen Schatten fällt. Das habe ich zwar selbst nicht gesehen und nehme an, dass dies sinnbildlich gemeint ist.
 
Auch an die aus den Fingern gezauberten Schattenfiguren erinnere ich mich. Mein Vater hat mir davon einige lustige beigebracht, die ich wohl nicht vergessen habe, aber die ich nicht mehr wiederholen kann.
 
Was wäre der Mensch ohne Schatten? Entweder ein Engel im Jenseits oder ein Teufel mitten im Höllenfeuer, wo es keinen Schatten gibt. Ansonsten können nur Geister und Kobolde ihren Schatten loswerden. Oder in einer Geschichte, die hier (vorderhand) ungeschrieben bleibt. Vielleicht werde ich Aisling O’Connor einen Humpen „Guinness“ offerieren, damit er mir eine Schattengeschichte fabuliere (siehe Blog Merkwürdige Lesung: Der Erzähler Aisling aus Irland).
 
Ich frage mich, wo es sonst Schatten gibt, viel Schatten? In der Seele, im Herzen, besonders im Abteil Gewissen. Der Gauner und Räuber verliert leicht seinen Schatten im Schatten und macht sich kein Gewissen daraus. Aber so einem Gesellen fehlt das Gewissen ganz und gar, in das ein Schatten fallen könnte. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich veranlassen, dass sich jeder Mensch über ein Gewissen ausweisen müsste, um als Mensch zu gelten.
 
Sonne und Schatten bedingen einander. Fliegt ein Flugzeug durch die Sonnenscheibe, kann der geschickte Beobachter oft einen Schattenwurf feststellen. Und trägt die Sonne eine Nebelgardine, ist der Schatten nicht mehr tiefschwarz, sondern fahlgrau – und er wird zum Halbschatten.
 
Es tut gut, an einem heissen Sonnentag den kühlenden Schatten aufzusuchen. Aber das wird noch ein Weilchen dauern, bis es in unseren Breitengraden soweit ist. Doch die Vorfreude schleicht sich bei mir bereits ein …
 
In meiner Aphorismen-Sammlung habe ich wenige unter dem Suchwort „Schatten“ gefunden. So gleiche ich hier diesen Mangel aus:
 
Besser seinen Schatten unter den Scheffel stellen als sein Licht.
Im Gegensatz zum Baum kann der Mensch seine Schattenseite jederzeit der Sonne zuwenden. Selbst wenn sie nicht scheint.
Mit der Vorstellung sonnt man sich selbst im Schatten.
Die Schwarzarbeit ist eine Dunkelziffer, die in der Schattenwirtschaft gedeiht.
Über seinen eigenen Schatten springen, ist bisher niemand gelungen.
 
Hinweis auf weitere Aphorismen-Blogs von Emil Baschnonga
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