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BLOG vom 05.12.2007


Spurlos verschwunden – wie vom Erdboden verschluckt
Autor. Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der Gedanke, „spurlos zu verschwinden“, ist mir verschiedentlich aufgeblitzt – nachts vor dem Einschlafen. Nein, ängstigen Sie sich nicht, liebe(r) Leser/Leserin, dass über mich eine Vermisstmeldung erscheinen wird. Mir behagt es dort, wo ich bin. In frei schwebender Fantasie aber stelle ich mir vor, wie ich vorgehen müsste – als möglicher Ansatzpunkt für eine Kurzgeschichte –, um spurlos zu verduften. Der einfachste Weg wäre, ein Einsiedlerkrebs zu werden, also der Welt einfach aus dem Weg zu gehen und ihr den Rücken zu kehren. Einige Millionäre haben diesen Ausweg eingeschlagen. Dazu fehlen mir die Mittel.
Tausende von Leuten verschwinden alljährlich unauffindbar. Einige Vermisste tauchen unverhofft nach Jahren wieder auf, wie eben jetzt nach fast 6 Jahren der 57-jährige „Kanu-Mann“ John Darwin. Er verschwand im März 2002 auf seiner Paddelfahrt auf dem Meer. Nur die Überreste seines Boots wurden gefunden.
 
Am letzten Samstag meldete er sich in einem Londoner Polizeiposten und sagte: „Ich glaube, ich bin eine vermisste Person.“ Mehr wusste er nicht über sich auszusagen. Es erwies sich, dass er zum Zeitpunkt seines Verschwindens arg verschuldet war. Jetzt erst stellte die Polizei fest, dass er letztes Jahr sein Bankkonto benutzt hatte, auch ein§ Kreditantrag wurde unter seinem Namen eingereicht. In seinem Haus gab es 17 Telefonanschlüsse, womit er seine Börsenspekulationen betrieb. Seine Tante gab der Presse preis, dass John Darwin mit 50 Jahren ein Millionär sein wollte. Zuerst wurde John Darwin von der Polizei unter den Bestimmungen des „Mental Health Act“ festgehalten. Übers Wochenende wurde ihm erlaubt, seine 2 Söhne (Mark, 31 Jahre alt, und Anthony, 28 Jahre) zu besuchen.
 
Soeben wurde er jedoch von der Polizei verhaftet. Seine Frau hat vor 6 Monaten das Familienhaus verkauft und die Lebensversicherung eingelöst. Sie soll sich in Panama City niedergelassen haben. Das alles ist zwar eine verzwickte, jedoch langweilige Geschichte, wie alles, das sich einzig ums Geld dreht. Die Presse hat sich seiner angenommen, denn schliesslich wollen die Leute nicht fortwährend über politische Skandale lesen. Abwechslung muss sein.
 
PS: Ich habe voreilig geurteilt: Der Kanu-Mann wollte sich an seiner abtrünnigen Frau rächen. Sie hat ihn, so wird vermutet, aus der Wohnung in Panama City gejagt. Alles Geld war auf ihren Namen angelegt, und er stand nun mittellos auf der Strasse. Anne Darwin ist jetzt (07.12.2007) auf ihrem Rückflug nach Heathrow. Die Polizei wird sie nach ihrer Ankunft verhaften. Jetzt beginnt diese Geschichte spannend zu werden und wirbelt Schlagzeilen auf.
*
Wie alle Jahre wieder um die Weihnachtszeit finden Obdachlose zeitweilig Unterkunft in einem Asyl. Sie werden mit Kleidern eingedeckt, können baden, kriegen Mahlzeiten und schlafen im Matratzenlager. Unter ihnen liessen sich Geschichten entdecken, oft tragische. Nur werden sie wohl von ihren Angehörigen kaum vermisst und können folglich in diesem Sinn nicht als „Vermisste“ gelten.
Die Spuren von Auswanderern verlieren sich damals wie heute leicht. Väter verschwinden unauffindbar, weil sie nicht für ihre Kinder aufkommen wollen. Hinzu kommt die Heerschar von Vertriebenen aus Darfur bis aus dem Irak – neben vielen anderen Schauplätzen des Elends. Kinder und Frauen werden verschleppt.
*
Was bewog eine 80-jährige Dame, alle ihre Antiquitäten zu verkaufen (wie im gestrigen TV-Programm „Flog it!“ erwähnt), um einen verlängerten Ferienaufenthalt tief in Amazonien zu finanzieren? Will sie ihrer lang unterdrückten Abenteuerlust frönen? Sie hat ihre Kinder bemuttert, den Haushalt besorgt. Es ist ihr Recht, auszuscheren. Auch gibt es viele Leute, die ihren monotonen Beruf an den Haken hängen, um dem mit Langeweile gekoppelten Stress zu entfliehen. Sie reissen sich selbst aus dem Alltagstrott und suchen ihr Paradies, etwa in einem abgelegenen Seitental in Nepal. Meistens tauchen sie von selbst rasch wieder ernüchtert auf. Der Klimawechsel war vielleicht erträglich, doch der Kulturwechsel misslang.
 
Ich bin mir gewiss, dass ich bald die Geschichte eines Vermissten entdecken werde, und wenn sie mich fesselt, werde ich sie ins Textatelier.com-Lesebuch einschieben lassen. In Büchern kann man am ehestens verschwinden, wiewohl in eng bemessenen Zeitspannen. Wie vom Erdboden verschluckt fühle ich mich dann und danke dem Autor, der diese Selbstvergessenheit bewirkt hat.
 
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