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BLOG vom 21.11.2007


Flug zur nächsten Konferenz: Der Absturz und Absprung
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
In 2 Stunden trifft mein Kollege aus Deutschland bei uns ein. Wir werden uns mit dem Thema „Arbeitsplanung 2008“ befassen, es durchackern, Vorsätze fassen und obendrein Rückschau halten. „Decision Analysis (DA)“ hiess eine Studie, einst vom „Stanford Research Institute“ (heute SRI International) veröffentlicht. Ich konnte wenig mit diesem System der Entscheidungsfindung anfangen. Auch die Hauptperson – ein Geschäftsmann in dieser Geschichte (am 15. Dezember 1969 verfasst) –  handelte gefühlsgetrieben. Er wollte nicht zur nächsten Konferenz nach San Francisco fliegen. Grund: Flugangst.
 
Inzwischen krame ich in meinen alten Texten, was recht selten vorkommt. Hier lasse ich meine Geschichte in der Urfassung vom Stapel – erstmals hier dem Leser aufgetischt. Also denn:
 
Notausgang
Zum Glück sass er nahe beim Notausgang im hintern Teil des Flugzeugs. Und die Schwimmweste? Richtig, sie war unterm Sitz angebracht. Er befühlte den Druckknopf. Hätte er doch einmal den Text dazu während früheren Flügen studiert oder wäre er den Erklärungen der Stewardess gefolgt! Das Flugzeug trudelte mit abgedrosselten Motoren weiter. Der Pilot meldete sich über den Sprechfunk. Seine Stimme klang ruhig und gefasst. Lächerlich die „No Smoking“-Leuchtschrift, wenn das Triebwerk schon Funken sprüht, dachte er.
 
Von der Erde aus betrachtet, müsste die Flugbahn einem Kometenschweif gleichen – ein grausiges Schauspiel für die Erdbewohner, wenn sich ein Flugzeugabsturz anbahnte. Nein, verwarf er im gleichen Augenblick, dazu flogen sie noch viel zu hoch. „Mayday!“ Höchstens im Kontrollturm des Flughafens wussten sie von der Tragödie hier oben. Und in weniger als 10 Minuten hätten sie landen sollen … Wo blieben die Stewardessen? Kaffee wollte er jetzt, statt des Whiskys auf dem Tablar vor ihm.
 
Die Stimme des Flugkapitäns liess keine Panik aufkommen. Die Sätze bei Flugnot waren ihm eingedrillt. Im besten Plauderton, als handle es sich um eine belanglose Mitteilung über Flughöhe und Route, forderte er die Fluggäste auf, sich an die Weisungen des Kabinenpersonals zu halten. Jedermann tat wie geheissen und zerrte die Schwimmwesten hervor. Ob dergleichen auch in Flugnot über Land geschieht als Beschäftigungstherapie? Mehr noch als das Geleier des Flugkapitäns überraschte ihn die Stille ringsum. Weder Hysterie noch Stampede. Ein Kind lachte, glaubte gar an einen Heidenspass von den Erwachsenen, eigens ihm zuliebe angezettelt.
 
Käme er mit heiler Haut davon, würde er gewiss darüber berichten. Diese Disziplin übertraf alles, registrierte der Oberst ihn ihm. In Filmen wird die Lebensgefahr immer anders gezeigt, viel dramatischer als jetzt, mit viel Geschrei und Toben.
 
„Sobald wir auf dem Wasser aufgesetzt haben …“„Der hat Gottvertrauen“, brummte er vor sich hin, „sobald wir auf dem Wasser aufgesetzt haben!“ Und was dann? Aha, die Kinder und Frauen zuerst. Wird also die Bürde – Würde, verbesserte er sich rasch – des Menschseins bis zuletzt aufrechterhalten. Immer schön der Reihe nach, im Krieg der Mann zuerst und hier der Mann zuletzt. Immerhin sass seine Weste. Er angelte nach der Sauerstoffmaske und warf einen Blick durchs Fenster. Worauf wartete der Pilot noch? Draussen schossen Stichflammen aus dem Triebwerk. Die Tragfläche war wegen des pechschwarzen Qualms nicht mehr zu sehen. Dickschwadig wirbelte der Rauch wie ein Riesenschleier im Wind.
 
„Wenn der so weiter macht“, ergriff ihn die Angst, „bis alle ihre Schwimmwesten angezogen haben …“ Ein plötzlicher Dreh schräg nach links schleuderte ihn gegen seinen Sitznachbar. Das Whiskyglas vor ihm schlitterte auf den Boden. Ihm schien, als ob er schwebte. Sein Magen verkrampfte sich. Sein Sitzgefährte nebenan raschelte aufreizend mit seiner Zeitung und klemmte sie ins Netz am Vordersitz. Trotz Druckausgleich sauste es schmerzhaft in seinen Ohren.
 
Wiederum meldete sich die Stimme des Piloten, diesmal wie aus weiter Ferne: „Gentlemen, the trends of today will continue.“ War der Pilot wahnsinnig geworden? Ausgerechnet jetzt, wo er alle Fünf beisammen halten sollte. Der Aussprache nach ein Amerikaner, ein verrückter. Ein wahnsinniger Engländer hätte in seiner Anrede, wohlerzogen wie er ist, immerhin die „Ladies“ einbezogen … Die Stimme fuhr hartnäckig fort: „Mergers and acquisitions will form the conglomerates, the multinational companies of the seventies.“ So ein Unsinn! Oder gehörte dies zu den Tricks der Fluggesellschaften, von Psychologen zur Ablenkung der Passagiere ausgeklügelt?
 
Mühsam richtete er den Kopf hoch. Er verstand nicht, weshalb es so schwierig sein sollte, mitten im Sturzflug den Kopf hochzuhalten. Mühsam hob er immer wieder seinen Kopf, denn diese letzten Momente seines Lebens wollte er bewusst erleben, komme was wolle. Jeden Augenblick konnte das Flugzeug auseinander bersten und er zerfetzt zwischen den Wrackteilen … Der Gedanke trieb ihm Schweissperlen auf die Stirn: „Und erst noch als Fischfutter enden!“ Ein ohrenbetäubender Knall wäre dann der letzte Laut in seinem Leben. Im Tiefflug durchstiess das Flugzeug die Wolkendecke. Das Meer wuchs auf ihn zu. Beide Flügel waren in Flammen gehüllt.
 
Diese Konferenz in San Franzisco, die er nicht mehr erreichen würde, hatte ihn zu dieser ganz und gar unnützen Reise verlockt. In seinem Alter nimmt man Konferenzen nicht mehr ernst. Sie dienen vielmehr als Vorwand zu einer Eskapade in die Freiheit. Man trifft sich dort mit Geschäftsfreunden aus aller Welt und ist, fern von Familie und befreit von Verpflichtungen, bei bester Laune. Die Stunden im Konferenzsaal werden einfach abgesessen. Ein Nickerchen verkürzt die Zeit, oder man kann ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen.
 
Noch immer faselte der Idiot im Cockpit seinen Unsinn: „Under competitive pressures, world leaders will have to harness synergies …“„Nein, mit solchem Quatsch wird der das Flugzeug nicht mehr hochreissen und sanft wässern“, dachte er. Wie ein Pfeil würden sie allesamt ins Meer stechen und erbärmlich ersaufen. Von der Panik erfasst, löste er seine Sitzgurte, sprang über den Nachbarn hinweg, strauchelte im Korridor, rappelte sich hoch und rutschte zum Notausgang am Schwanzende der Maschine. „Geschafft!“ Zu dumm, die Türe liess sich nicht öffnen. Wild kurbelte er am Hebel. Endlich „push and press“, gab die Türe eine Fussbreite nach. Noch flogen sie zu hoch für seinen Absprung. Die kleinen weissen Punkte auf der Meeresfläche entpuppten sich als Segelboote. So war er nahe der Küste. Er sah schon den Hafen voller Schiffe. „Jetzt oder nie“, zerrte er wild an der Türe. Vielleicht würde ihn eines der windschrägen Segel auffangen, und er wäre gerettet. Zerschellte er auf einer Schiffsplanke, wäre dies ein Gnadentod – und seine Hinterbliebenen hätten wenigstens eine Leiche im Sarg zur Bestattung. „Weg!“ Zu spät. Die Maschine explodierte.
 
Der Beifall riss ihn aus dem furchtbaren Traum – ein Stein fiel ihm vom Herzen. Rasch fasste er sich und klatschte mit, laut und kräftig, und verjagte damit die Spuren seines Alptraums.
 
Sein Nachbar stupste ihn: „Hier, das ist dir wohl entglitten“, sagte er listig zwinkernd und reichte ihm das Konferenzprogramm und fuhr fort, „4 Gänge, das sag‘ ich immer, sind bei solchen Anlässen 3 zu viel. Geschmeckt hat’s trotzdem. Auch der Wein war Klasse und der Whisky zuvor.“
 
Sie erhoben sich. „Immerhin wird uns der Kaffee jetzt gut tun.“ Der Geschäftsmann nickte und rieb sich die klammen Hände, die sich wenige Augenblicke zuvor am Türrahmen des Flugzeugs festgeklammert hatten. Statt im Flug sass er sicher und wohlbehütet im „Dolder“. „Hast dich überfressen, Alter“, schalt er sich. Nichts gegen ein Nickerchen. Andere taten es ihm gleich. Verpasst hatte er nichts. Schliesslich wird die Rede nachher in gedruckter Form an die Teilnehmer ausgehändigt. Von einem Geschäftsmann in seiner Stellung wird nicht erwartet, dass er sich Notizen mache.
 
„Übrigens“, wandte sich sein Kollege an ihn, „kommst du diesen Herbst ebenfalls nach San Francisco?“ –  „Nein!“ Seine Antwort schoss ihm wie ein Angstschrei aus dem Hals. „Nein“, fasste er sich, „denn diesmal besteht meine Frau auf Herbstferien und hat diese bereits vorgebucht.“
 
„Schade“, meinte sein Kollege und hob die Kaffeetasse. „Das hilft uns wenigstens über die letzte Tagesrunde.“
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
16.03.2006: Unvollendetes: Das ,Non-Finito’ und das ,Incompiuta’
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