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BLOG vom 12.10.2007


Erlebnisse im Kantonsspital Aarau (9): Schwach und daheim
Autor: Heiner Keller, Ökologe, Oberzeihen CH (ANL AG, Aarau)
 
Schwach, aber zu Hause: 22.09. bis 07.10.2007
 
Wann ist man eigentlich wieder gesund? Eine interessante Frage, die sich nicht so einfach beantworten lässt.
 
Ich bin froh, dem Spital entronnen zu sein. Weg ist das tägliche Ritual mit Pflege, die gleichzeitig eine kontinuierliche Überwachung darstellt: Wurden alle Tabletten genommen? – auch wenn keine Schmerzen und kaum mehr Fieber vorhanden sind. Sind Fieber und Blutdruck normal? Wurde pro Stunde die richtige Menge Urin ausgeschieden? Und dann das Gestürm um die tägliche Blutverdünnungsspritze! Braucht es diese wirklich? Das Pflegepersonal sagt ja. Die Pflegefachfrauen in Ausbildung haben es am Schwierigsten: Sie dürfen nicht von verordneten Normen abweichen. Erfahrenere Personen lassen eher mit sich reden: „Ich kann Sie nicht zwingen, wenn Sie die Spritze nicht wollen.“
 
Zuerst glaubte ich, mit solch schematischen Massnahmen würde sichergestellt, dass alle Patienten im Spital im Falle eines Notfalls ähnliche Blutwerte hätten. Aber so läuft das ja nicht: Jeder Patient muss sowieso individuell behandelt werden. Wozu denn dieser Schematismus? Hat es wohl mit Versicherungen zu tun? Wenn jemand eine Thrombose kriegt, keine Spritze hatte und deswegen das Spital verklagt? Ich kenne den Grund genauso wenig, wie die Indikation für täglich 8 Panadol-Tabletten. Eine Packungsbeilage habe ich nie gesehen. Panadol ist aber ein offenbar harmloses Mittel gegen Fieber, Schmerzen, das in vielerlei Formen als Tabletten, Zäpfchen oder Brausetabletten (mit Vitamin C, gegen Erkältungen) im Handel ist.
 
Hat das Kantonsspital Aktien bei der Firma, oder warum wird jedem Patienten unbesehen gegen Fieber oder Schmerzen seine Dosis verabreicht? Meine Frau sagt: „Hättest die Tabletten ja einfach verschwinden lassen können.“„Ja, aber für mich war das nicht so einfach, weil die Leute, die mir die Tabletten verabreichen mussten, so aufmerksam pflegten. Um 22 Uhr wurde ich extra geweckt: Herr Keller, Ihre Tabletten. Wer will schon Diskussionen um 22 Uhr?“
 
Was hat das mit zu Hause zu tun? Patienten und Angehörige sind unsicher. Man hat sich die Obhut des Spitals so verinnerlicht, dass man Gefahr läuft, übervorsichtig zu sein. Man wird süchtig nach dem Fiebermesser. Jedes Hüsteln erweckt Bedenken. Vor allem dann, wenn man noch nicht über den Berg ist: Meine Bauchwunde eitert so stark, dass der Verband mehrmals pro Tag gewechselt werden muss, und der Katheter mit dem Plastiksack für den Urin schränkt die geistige und körperliche Bewegungsfreiheit und das Wohlbefinden dermassen ein, dass ich mich noch immer krank fühle, auch wenn ich mich dagegen auflehne.
 
Eine Bekannte schrieb mir: „Wie heisst es doch so schön: Ist man gesund, hat man viele Sorgen. Ist man krank, hat man nur eine. In diesem Sinne hoffe ich für Dich, dass Du bald wieder andere (mehr) Sorgen hast.“
 
Das scheint mir sehr treffend zu sein. Auch meine Gedanken und Träume wurden zu diesem Zeitpunkt noch eindeutig von den körperlichen Einschränkungen – von einer Krankheit kann man ja bei einer Vorsorgeoperation kaum sprechen – dominiert. Familie, Geschäft oder Freizeit kamen nur am Rande vor. In dieser Zeit begann ich mit dem Schreiben.
 
Fahrt nach Aarau
Wie vereinbart, machte ich mich am Montag auf zur Visite im Kantonsspital. Am Morgen nahm ich den Autoschlüssel, startete den Motor und machte im Jura eine kleine Probefahrt. Ich musste mich konzentrieren wie verrückt. Immer wieder schweifte der Blick ab auf die Wälder, die Wiesen, die Vögel und die Wildtiere. Fast mit Gewalt musste ich den Blick auf die Strasse zwingen. Aber es geht. Und so getraute ich mich, am Nachmittag allein ins Kantonsspital Aarau zu fahren.
 
Wieder sitze ich im Gang vor dem Sekretariat, wo ich das ganze Geschehen um die verschiedenen Untersuchungsräume beobachten kann. Der Professor persönlich holt mich ab, schaut mir in die Augen und meint: „Ich glaube, Ihnen geht es besser.“ Kunststück, denke ich, das ist ja logisch, weil ich nicht mehr im Spital sein muss. Er führt mich in ein Besprechungszimmer, blickt im Stehen unter meinen Verband, sieht wie der Eiter fliesst und weist einen Pfleger an, mich in ein Untersuchungszimmer mit einem Schragen zu bringen. Dort verlangt er nach einem Stück Gaze oder Verbandsstoff, packt mit einer Pinzette eine Ecke davon und stösst diese in die Wunde: Die Wunde muss offen bleiben, damit der Eiter weg kann. „Kommen Sie am Mittwoch wieder, dann schauen wir weiter.“ Der Pfleger verbindet mir die Wunde, und ich bin entlassen.
 
Die nächste Visite
Bei der nächsten Visite betreut mich ein anderer Arzt. Der Pfleger kommt und will Blut: „Wir brauchen Ihre Blutwerte.“„Sind die Vampire wieder hungrig“, frage ich: „Ich nehme an, der Herr Professor ist nicht hier.“ – „Die Oberärzte haben das entschieden.“ Er muss nur machen, was angeordnet wurde. Der Mann war immer freundlich zu mir. Ich bin ruhig von zu Hause her, und wenn er halt jetzt Blut braucht, dann soll er es halt haben. Er sticht in die Vene, das Blut kommt, und er sagt: „Jetzt haben wir auch noch Glück gehabt. Ich habe nämlich nicht gespürt, wo die Vene ist.“ So kann man es auch sehen, aber es hat geklappt.
 
Der Arzt fragt mich ein paar belanglose Sachen, betont wieder, dass der Katheter weiterhin drin bleiben muss und weist den Pfleger an, die Gaze in der Wunde zu erneuern. Was dieser auch macht. „Ist nicht viel Neues passiert bei dieser Visite“, bemerke ich. „Nein“, bestätigt er, „wissen Sie, wichtig ist die Gaze in Ihrer Wunde. Der Chef hat es so angeordnet, jemand muss ja schliesslich sagen, was gemacht wird, und so wird es halt jetzt gemacht.“
 
Das finde ich an sich gut, dass jemand bestimmt – aber auf der andern Seite ist es auch eine Bestätigung dafür, dass jeder Arzt dazu neigt, nach seinen Kenntnissen (ob gelernt oder erfahren) vorzugehen und zu begründen. So entstehen laufend die erlebten Missverständnisse, wenn niemand befiehlt, wie es gemacht wird. Vielleicht wäre es besser, wenn nicht so viele verschiedene Personen entscheiden würden. Vielleicht wären die Patienten nicht zufrieden, wenn weniger Betriebsamkeit herrschte.
 
Mir ist es ja auch aufgefallen, dass an dieser Visite wenig passiert ist. Gibt es überhaupt eine Lösung, die allen gerecht wird? Nein. Davon bin ich überzeugt. Jeder Fall müsste individuell abgehandelt werden – dafür sind die Möglichkeiten des Spitals und des Systems nicht vorgesehen.
 
„Kommen Sie am Montag wieder.“
 
Heilungsprozess
Zu Hause im sonnigen Fricktal betätige ich mich ein wenig im Garten (Früchte ernten), sitze an der Sonne, schreibe und liege viel im Bett, weil mich der Katheter beim Sitzen und Bewegen schmerzt. Meine Frau erneuert mir regelmässig Verband und Gaze. Fieber habe ich keine. Die verschriebenen Antibiotikatabletten gehen zu Ende – ich höre einfach auf damit. Schliesslich hat schon lange niemand mehr danach gefragt. Am Montag ist der Eiterausfluss fast versiegt. Die Wunde heilt. Trotzdem habe ich für die Visite erstmals ein mulmiges Gefühl. Bisher habe ich es einfach gemacht, weil ich musste und weil ich wirklich nicht gesund war. Und jetzt auf einmal habe ich ein leises Gefühl von Angst. Ist das wohl, weil ich zu Hause langsam gesund werde?
 
Auf der Visite im Kantonsspital Aarau ist der stellvertretende Chefarzt an der Reihe. Er untersucht mich mit Ultraschall. Er betrachtet die Wunde und fragt, wie es mir gehe: Brillant sage ich, einzig der Katheter störe mich. „Können Sie die Schläuche nicht endlich entfernen?“ Er schaut mich an: „Machen Sie Witze oder meinen Sie das ernst?“ Natürlich meine ich das ernst. Der Pfleger wirft ein, dass das letzte Mal Blutuntersuchungen gemacht wurden. Der Arzt fragt: „Kennen Sie oder Ihr Hausarzt die Ergebnisse?“ „Wie sollte ich?“ Er murmelt, er sei mit meinem Krankheitsverlauf in letzter Zeit nicht sehr vertraut. Mit dem was er sehe, sei er zufrieden. Ich kann mir wieder eine Bemerkung nicht verkneifen: „Wenn die Ärzte zufrieden sind, dann geht es den Patienten gut.“
 
Er verlässt den Raum, wir müssen einen Moment warten. Was er macht, weiss ich nicht. Von den Blutwerten sagt er nichts, sondern: „Der Katheter muss noch 14 Tage bleiben; kommen Sie in 14 Tagen wieder.“ Ich mache eine betrübte Miene: „Wie soll ich da weiter gesund werden, wenn ich all die Schläuche im Bauch habe?“„Sind Sie denn so eingeschränkt durch den Katheter?“„Ich bin nur noch durch den Katheter eingeschränkt. Ich habe Schmerzen, ich muss liegen und ich sehe überhaupt nicht ein, was das Ganze soll.“ Er probiert mir wieder zu erklären. Ich unterbreche ihn: „Es hat keinen Wert. Ihre Kollegen haben es mir schon erklärt. Ich begreife es einfach nicht, und es hindert mich am gesund werden.“ Er lenkt ein: „Machen wir einen Kompromiss: 7 Tage.“ Ich denke: Immerhin 7 Tage gewonnen. Ich frage: „Ist das nicht schwierig, den Schlauch bis in die Niere wieder zu entfernen?“ – „Nein, nein. Das ist ganz einfach. Eine Sache von 5 Minuten.“
 
Im Sekretariat entspinnt sich nochmals eine Diskussion um die Anzahl Tage. Wegen eines Notfalls muss ich warten, bis die Sekretärin frei ist. Dem Arzt, der mich begleitete, sage ich: „Ich komme schon klar. Machen Sie nur mit Ihrer Arbeit weiter.“ Die Sekretärin hat etwas von 14 Tagen aufgeschnappt. Sie glaubt mir aber, dass wir einvernehmlich einen Kompromiss für 7 Tage ausgehandelt haben. Nur hat am kommenden Montag niemand Zeit. Am Dienstag auch nicht. Sie müssen am Mittwoch kommen. „Nein“, insistiere ich: Sie verschaffen mir 2 Tage längere Krankendauer. „Also halt am Montag, nach 7 Tagen.“
 
So, diese Woche werde ich auch noch durchbringen. Die Wunde heilt, aber sonst ändert sich an meinem Zustand nicht viel. Was der Körper mit den Schläuchen im Bauch heilen konnte, das hat er offenbar gemacht. Ich denke an die vielen Patienten, die mit Kathetern zu Hause leben und warten müssen, z. B. auf eine Operation. Im Spital gilt ein Katheter als eine normale Einschränkung, im Hinblick auf noch viel schlimmere Konsequenzen.
 
Fortsetzung folgt.
 
Hinweis auf die vorangegangenen Berichte zum Behandlungsverlauf
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